Hertha empfängt Bayern

Dardai vs. Kovac – Alte Rivalen, neue Wege

Seit gemeinsamen Profi-Tagen verliefen die Karrieren von Pal Dardai und Niko Kovac fast parallel. Doch beide haben sich neu erfunden

Vier Mal haben sich Pal Dardai (r.) und Niko Kovac bislang als Trainer duelliert. Zweimal gewann Dardai, einmal Kovac - ein Remis

Vier Mal haben sich Pal Dardai (r.) und Niko Kovac bislang als Trainer duelliert. Zweimal gewann Dardai, einmal Kovac - ein Remis

Foto: City-Press / picture alliance / City-Press GbR

Berlin.  Mitte der Neunziger verlor Niko Kovac den Glauben an Hertha BSC. Der Klub dümpelte in der Zweiten Liga vor sich her, das Stadion war meist leer und in all der Tristesse konnte er, in Berlin geboren, sich nicht mehr vorstellen, mit seinem Heimatklub in die Bundesliga aufsteigen zu können. Kovac war damals Mitte zwanzig, er wollte nach oben und wechselte zu Bayer Leverkusen. Nach seinem Debüt dort gratulierte ihm ein mitgereister Berliner, aber Kovac entgegnete nur: „Komm noch mal wieder, wenn ich hundert Bundesligaspiele bestritten habe. Erst dann habe ich es wirklich geschafft.“

Sich mit dem Erreichten früh zufrieden geben, war Kovacs Sache nicht. Als er später zu Hertha zurückkehrte, lieferte er sich ein hart umkämpftes Duell mit einem, der ähnlich dachte, der vom selben Ehrgeiz angetrieben wurde und der nicht gewillt war, auch nur einen Zentimeter des Rasens im defensiven Mittelfeld preiszugeben.

Enge Freunde werden die Trainer nicht mehr

Es ist kaum verwunderlich, dass aus Pal Dardai (42) und Niko Kovac (46) nie enge Freunde wurden. Ihr Naturell verbot es ihnen, daran haben auch die Jahre und der Umstand, dass beide inzwischen Trainer sind, nichts geändert. Man respektiert sich, aber ihr Aufeinandertreffen am Freitag im ausverkauften Olympiastadion (20.30 Uhr, Eurosport-Player) ist vor allem das zweier Rivalen. Dann möchte Dardai mit Hertha Niko Kovac und den FC Bayern schlagen. Und umgekehrt.

Beide blicken auf ähnliche Karrieren zurück. Beide waren prägende Gesichter ihrer Zeit. Kovac in Leverkusen, beim FC Bayern und bei Hertha. Der treue Dardai bei den Berlinern. Als Trainer begannen beide im Nachwuchs und übernahmen dann die Nationalteams ihrer Heimatländer, ehe sie in der Bundesliga Jobs bei Klubs von ähnlicher Schlagkraft bekamen. Im Sommer endete dieser Parallelverlauf. Kovac wechselte von Eintracht Frankfurt zum FC Bayern und verantwortet seitdem Deutschlands größten und erfolgreichsten Klub. Ein Karrieresprung, der in der Szene einem Ritterschlag gleicht.

Beide verkörpern dieselben Werte

Knapp drei Monate ist Kovac nun Trainer in München. Trotz des ersten Punktverlustes gegen Augsburg (1:1) strahlt er, seine innere Ruhe schreit danach, herausgefordert zu werden. Er gibt sich smart, korrekt. Wenn er eine Minute zu spät den Pressekonferenz-Raum betritt, schaut er auf die Uhr und sagt „Entschuldigung!“. Kovac meint das ernst. Etikette ist ihm wichtig. Disziplin lebt er vor. Die Mannschaft hat er hinter sich gebracht, mit Empathie und Souveränität. Im Umgang mit den großen Namen lautet das Schlüsselwort Respekt. Den hat Kovac bei der Mannschaft gewonnen. All das hat er sich bei Ottmar Hitzfeld abgeschaut, seinem Trainer aus Bayern-Zeiten (2001-2003).

Dardai vertritt dieselben Werte, hatte aber andere Lehrmeister. Seinen Vater etwa, später in Berlin Jürgen Röber, Huub Stevens oder am Ende seiner Karriere Lucien Favre. Der stellte Dardai sogar auf, wenn dieser kaum laufen konnte. Im Februar 2009 ging es gegen die Bayern. Dardai war nach einer Knieoperation noch nicht komplett genesen, aber seine bloße Präsenz sollte die eigenen Mitspieler beflügeln und den Gegner einschüchtern. Der Plan ging auf, Hertha gewann 2:1. Seitdem warten die Berliner auf einen erneuten Sieg gegen den Rekordmeister.

Mehr Offensive vs. mehr Stabilität

„Es geht, aber um die Bayern zu schlagen, muss alles passen“, sagt Dardai. In der vergangenen Saison holte er jeweils zwei Unentschieden mit seiner Mannschaft gegen die Münchner. Unter Kovac schätzt Dardai den Gegner stärker ein. „Defensiv stehen sie besser, einige Spieler haben eine bessere Form“, sagt der Hertha-Coach. Das Lob gibt Bayerns Trainer zurück. „Hertha hat sich super entwickelt unter Pal Dardai, ich bin sehr angetan, sie haben sich sehr gut präsentiert bisher“, sagt Kovac.

Hertha spielt in dieser Saison offensiver, Bayern steht defensiv stabiler. Den Ball zu erobern, ist Kovac wichtig. Er sagt: „Wenn ich den Ball nicht habe, kann ich nicht kreativ sein.“ Spielerisch führt er den Stil von Hitzfeld und Louis van Gaal fort, „ein funktionierendes System“, wie Kovac sagt.

Hertha-Keeper Jarstein fällt aus

Hertha hat lange vor allem defensiv funktioniert, aber der nicht immer attraktive Stil ist Dardai oft vorgehalten worden. Der Auftrag an ihn lautete vor der Spielzeit auch, mehr Offensive zu wagen. Der Auftrag an Kovac lautet, Titel zu holen. Der erfolgreiche Saisonstart mag die Stimmung heben, aber Kovac weiß: Im April, Mai, wenn in der Champions League die Viertel- und Halbfinals anstehen, dann zählt’s. Am Abschneiden im wichtigsten Wettbewerb Europas wird auch er gemessen werden. Anders als Dardai, von dem in erster Linie die Weiterentwicklung und eine Verbesserung zur letztjährigen Platzierung (Zehn) erwartet wird.

Dass Dardai und Kovac selbst Spitzenspieler waren, beeinflusst ihre Arbeit als Trainer. „Ich weiß als ehemaliger Fußballer, was es heißt, dreimal in einer Woche zu spielen“, sagt Kovac. „Daher müssen wir rotieren.“ Auch Dardai will rotieren. Rune Jarstein ist verletzt, Thomas Kraft ersetzt den Norweger im Tor. Per Skjelbred soll für Fabian Lustenberger ins Team rücken, Salomon Kalou wird den Platz von Palko Dardai einnehmen.

Kovac hat sich stark von seiner Heimat Berlin entfernt

Ein Sieg gegen den FC Bayern wäre ein enormer Prestigeerfolg für Dardai, dessen Arbeit erst in den vergangenen Wochen auch jenseits der Berliner Stadtgrenzen in den Fokus gerückt ist. Der erfolgreiche Start und das erfrischende Offensivspiel wurden goutiert. Bis dahin wurde er oft ein Stück weit übersehen, dabei führte er Hertha nicht nur in die Europa League, sondern ist nach Freiburgs Christian Streich inzwischen der dienstälteste Trainer der Bundesliga.

Kovacs Außendarstellung zählt zu dessen Stärken, vor allem in Frankfurt schärfte er sein Profil. Dabei half insbesondere der diesjährige Sieg im DFB-Pokal, als er mit einer klugen Strategie seinen jetzigen Arbeitgeber bezwang. Der Triumph im Olympiastadion verband ihn noch mal kurz mit seiner Geburtsstadt. Viel Berlin steckt ansonsten nicht mehr in ihm. Nicht mal Berlinern mag Kovac noch. „Ich könnte es“, sagt der Bayern-Trainer auf Morgenpost-Nachfrage, „aber ich versuche, Hochdeutsch zu sprechen.“ Nicht nur geografisch hat sich Niko Kovac längst von seiner alten Heimat entfernt.