Bundesliga

Hertha vs. Werder – Anders als die anderen

Während die Konkurrenz stolpert, haben Hertha BSC und Werder Bremen den richtigen Mix gefunden. Nur welcher ist besser?

Herthas Arne Maier (r.) und Werders Maximilian Eggestein zählen zu den interessantesten Talenten des Landes

Herthas Arne Maier (r.) und Werders Maximilian Eggestein zählen zu den interessantesten Talenten des Landes

Foto: nordphoto / Ewert / picture alliance / nordphoto

Berlin.  Fußball-Deutschland reibt sich verwundert die Augen: Während Schalke, Leverkusen, Leipzig und andere ambitionierte Klubs ungelenk durch die Saison stolpern, wird die Spitzengruppe der Bundesliga von zwei langjährigen Mittelmaß-Teams attackiert: Hertha BSC und Werder Bremen. Die Berliner erwischten mit zehn Punkten aus vier Spielen einen nicht für möglich gehaltenen Start, begeisterten dabei mit mutigem Offensivgeist. Werder ist ebenfalls noch ungeschlagen und liegt vor dem direkten Duell im Weserstadion am heutigen Dienstag (18.30 Uhr, Sky) voll auf Kurs, der erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit wieder Richtung „Europapokal“ gesetzt wurde. Was macht die beiden Traditionsvereine derzeit so stark? Ein Vergleich.

Die Routiniers: Wie wichtig Vedad Ibisevic (34) und Salomon Kalou (33) noch immer für Hertha sind, haben sie gerade erst beim 4:2 gegen Mönchengladbach bewiesen. „Die Erfahrenen sind die Säulen“, betont Manager Michael Preetz mit Blick auf „unsere beiden Großväter im Sturm“. Einerseits, weil sie nach wie vor die Kunst des Budenmachens verkörpern, zum anderen, weil sie den jungen Kollegen Professionalität und Teamgeist vorleben. Bei Werder übernehmen diese Rollen in abgewandelter Form Claudio Pizarro (39) und der neue Kapitän Max Kruse (30). Der eine gibt den Elder-Statesman-Joker und Tipp-Einflüsterer, der andere den Dampfmacher und Anführer. Im Vorjahr seien von jungen Spielern mitunter „Widerworte in Momenten gekommen, in denen es wirklich fehl am Platz war“, erklärte Kruse vor Saisonstart, „und weil jeder meinte, mitreden zu müssen, spiegelte sich das auch auf dem Platz wider.“ Hertha-Kapitän Ibisevic gibt sich ebenfalls als Wahrer von Hierarchie und Respekt. Er sagt: „Wer mit Anfang 20 denkt, dass es ohne ihn nicht geht, liegt falsch.“

Die Hochveranlagten: Jetzt, da die Zukunft des deutschen Nationalteams neu verhandelt wird, fallen die Namen Arne Maier und Maximilian Eggestein immer häufiger. Beide werden im Dunstkreis der DFB-Auswahl als Kandidaten für das zentrale Mittelfeld gehandelt. Maier (19), dem das Etikett des Hochveranlagten schon lange anhaftet, hat sich bei Hertha genauso zur Stammkraft aufgeschwungen wie der in der Jugend weniger hoch gehandelte Eggestein (21) in Bremen. „Innerlich ist Arne ein Mann geworden“, sagt Hertha-Coach Pal Dardai über seinen „Rohdiamanten“ im zweiten Profi-Jahr, „aber er kann noch mehr Bälle nach vorn spielen und selbst Tore machen.“ Eine Qualität, die Eggestein seinem Berliner Pendant aktuell voraushat. In den ersten vier Ligaspielen gelangen dem Rechtsfuß zwei Treffer und eine Vorlage. „Er ist für mich ein unverzichtbarer Spieler“, sagt Werder-Coach Florian Kohfeldt.

Die Trainer: Viel Stallgeruch und einen Trainer-Start im Nachwuchs – viel mehr haben Dardai (42) und Kohfeldt (35) nicht gemein. Während Herthas Rekordspieler auf eine eindrucksvolle Profi-Karriere zurückblickt, war für Kohfeldt in der Bremen-Liga Schluss. Als Trainer entwickelte sich der Delmenhorster aber zum Durchstarter. 2015 absolvierte er den Fußball-Lehrer-Lehrgang als Jahrgangsbester. Ende 2017 vertrauten Werders Verantwortliche dem damaligen U23-Coach ein vor sich hintaumelndes Team an. Ein Mut, der belohnt wurde: Weil Kohfeldt die Bremer mit taktischer Flexibilität und Offensivdrang fast in die Europa League führte, ließen die Vergleiche mit Julian Nagelsmann (Hoffenheim) und Domenico Tedesco (Schalke) nicht lange auf sich warten. Dardai wurde hingegen oft für biederen Sicherheitsfußball kritisiert, beweist nun allerdings, dass er auch andere Register beherrscht.


Die Spielmacher : Werder gab im Sommer fast 25 Millionen Euro für neue Spieler aus, knapp 15 davon für Davy Klaassen. Der 25 Jahre alte Niederländer gilt als extrem torgefährlich und erwies sich auf Anhieb als Bereicherung, ist aber noch dabei, sich zu akklimatisieren. Hertha kam ohne den Griff ins höhere Preissegment aus, bekam in Ondrej Duda (23) aber einen Königstransfer mit Verspätung. Nach zwei komplizierten Jahren in Berlin ist der Knoten beim Slowaken endlich geplatzt. Seine eindrucksvolle Bilanz: vier Spiele, vier Tore.

Die Konstanz: Seit Amtsantritt im Februar 2015 hat Dardai Hertha das verliehen, wovon anderen Bundesligaklubs nur träumen: Stabilität. Werder erlebte im selben Zeitraum zwar diverse Höhenflüge, doch was fehlte, war Beständigkeit. Ein Phänomen, das aktuell auch auf den Bremer Saisonstart zutrifft. Auf mitreißende Sturm-und-Drang-Phasen folgten mitunter bedenkliche Unkonzentriertheiten – gegen Gegner überschaubaren Kalibers (Hannover, Frankfurt, Nürnberg, Augsburg) half mehrfach das Spielglück. „Das nervt“, findet Kohfeldt, „wir müssen die Bereitschaft haben, über 90 Minuten den Weg in die Verteidigung zu gehen.“ Besser austariert wirkt Hertha. „Wir sind erfahrener geworden“, sagt Dardai, „wir versuchen jetzt, ohne Fehler zu spielen.“