Bundesliga

Hertha erwartet in Wolfsburg das Duell ungleicher Nachbarn

Wolfsburg setzt auf fertige Spieler, Hertha investiert in Talent. Sonnabend treffen sie im Spitzenspiel der Bundesliga aufeinander.

Hertha-Trainer Pal Dardai (r.) und Herthas Teamleiter Nello di Martino (Mitte) treffen in Wolfsburg VfL-Coach Bruno Labbadia wieder

Hertha-Trainer Pal Dardai (r.) und Herthas Teamleiter Nello di Martino (Mitte) treffen in Wolfsburg VfL-Coach Bruno Labbadia wieder

Foto: Christian Charisius / picture alliance / dpa

Berlin.  Popularität ist auch immer eine Frage der medialen Präsenz. Gemessen daran sind Pal Dardai und Bruno Labbadia gerade weit vorn. Kaum ein Fachblatt kam in den vergangenen Tagen ohne das Konterfei der Trainer von Hertha BSC und des VfL Wolfsburg aus. Beide Klubs sind die Überraschungen der noch sehr jungen Saison. Zwei Siege aus zwei Spielen waren weder Hertha noch Wolfsburg zugetraut worden. Das Aufeinandertreffen ist am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky) nicht nur das Duell der Unterschätzten, es ist auch das Spitzenspiel des dritten Spieltags. Der Zweite empfängt den Dritten.

Sportlich sind beide nah beieinander, auch wenn Hertha der Verlust des angeschlagenen Jordan Torunarigha (Achillessehnenreizung) droht. „Sie haben jetzt einen besseren Ballbesitz und mehr Torchancen“, sagt Dardai über den Gegner. Auch sei das Mannschaftsgefüge harmonischer geworden. „Labbadia hat mit harter Arbeit hinbekommen, dass sie nicht absteigen. In der vergangenen Saison habe ich dort wenig Teamgeist gesehen. Das ist jetzt besser“, so Herthas Trainer.

Tatsächlich tritt Wolfsburg stabiler auf als in den vergangenen zwei Spielzeiten, in denen sich der Klub per Relegation rettete. Labbadia hat es geschafft, den nicht ganz pflegeleichten Kader zu einen, die Spieler folgen ihm. In der Vorbereitung, seiner ersten in Wolfsburg, ließ er intensiv im konditionellen und taktischen Bereich arbeiten. Disziplinlosigkeiten werden rigoros bestraft. Nur fragen sich schon jetzt viele in Wolfsburg, wie lange das neue Hoch anhalten mag. Labbadia gelang es auf seinen Stationen als Trainer meist nicht, nach einem guten Start Kontinuität in sein Wirken zu bringen.

Dardai seit fünf Spielen gegen Wolfsburg ungeschlagen

Vor allem danach sehnt sich der VfL. Auch die steten Wechsel des Personals haben zu den sportlichen Misserfolgen der jüngeren Zeit beigetragen. Dardai, der seit fünf Spielen gegen Wolfsburg nicht mehr verloren hat, ist in dieser Zeit immer auf einen anderen Kollegen getroffen. Dieter Hecking, Valerien Ismael, Andries Jonker, Martin Schmidt und Labbadia haben sich erfolglos versucht. Geduld war den Entscheidern in Wolfsburg eine eher ungeliebte Tugend.

Unter der Führung des neuen Managers Jörg Schmadtke soll sich das ändern. Herthas Manager Michael Preetz, seit 2009 im Amt, könnte in Sachen Konstanz als Vorbild dienen. Geographisch trennt die Klubzentralen eine knappe Stunde im Schnellzug, wirtschaftlich, inhaltlich und philosophisch ist die Distanz größer. Personelle Kontinuität ist dabei nur ein Thema.

Vor 21 Jahren sind beide zusammen in die Bundesliga aufgestiegen. Wolfsburg ist in dieser Zeit einmal deutscher Meister geworden und hat einmal den DFB-Pokal gewonnen. Hertha ist zweimal abgestiegen. So mancher Berliner Fan wird schon mal sinniert haben, was möglich wäre, wenn Hertha über einen ähnlich potenten Unterstützer verfügen würde wie ihn der VfL mit dem Volkswagen-Konzern hat, auch wenn der sein Engagement nach dem Abgasskandal etwas zurückgefahren hat.

Brooks wechselte für 20 Millionen Euro die Seiten

Um die 40 Millionen Euro investierte Wolfsburg dennoch im Sommer in neue Spieler. Teuerster Zugang war Daniel Ginczek, der für 14 Millionen Euro vom VfB Stuttgart kam. In dieser Preisklasse verkauft Hertha höchstens. Die Zugänge kosteten heuer rund fünf Millionen Euro. Noch immer drücken, Stand Juni 2017, Verbindlichkeiten von 37,54 Millionen Euro. Wenn die Berliner Geld für Spieler ausgeben, dann für junge, entwicklungsfähige Kräfte. So war es im vergangenen Jahr im Fall von Davie Selke und Valentino Lazaro, die Hertha auf absehbare Zeit Rekordgewinne bescheren könnten, sollten sie verkauft werden.

Neben sportlichem Erfolg lautet ein Auftrag an Dardai, eigene Talente in die Profimannschaft zu integrieren. Mit dem Ziel, sie irgendwann gewinnbringend zu veräußern. Hertha ist gerade dabei, sich bundesweit einen Namen als der Klub mit der höchsten Durchlässigkeit Richtung erste Mannschaft zu erarbeiten.

Wolfsburg setzt eher auf fertige Profis, gern auch aus Berlin. Zuletzt wechselte 2017 Verteidiger John Anthony Brooks für 20 Millionen Euro aus Berlin in die Provinz. Vorher gingen Arne Friedrich oder Marcelinho (über den Umweg Trabzonspor) diesen Weg. Personelle Berührungspunkte gab es zwischen Wolfsburg und Berlin häufig, auf Spieler- wie auf Führungsebene. Dieter Hoeneß arbeitete als Manager an beiden Standorten. Das ist lange her. Hoeneß dachte gern groß. In der Gegenwart wären Wolfsburg und Hertha zufrieden, wenn sie nach dem dritten Spieltag weiter ungeschlagen wären. Die Ansprüche sind kleiner geworden. Beiden Vereinen tut das gut.