BUNDESLIGA

Hertha ist zurück im Kiez – und wird gefeiert

Der Bundesligist präsentiert sich im Volkspark Mariendorf volksnah und anfassbar. Mehr als 2000 Anhänger sind begeistert.

Auf Tuchfühlung mit dem Publikumsliebling: Torjäger Salomon Kalou wird von Hertha-Fans aller Altersklassen umlagert

Auf Tuchfühlung mit dem Publikumsliebling: Torjäger Salomon Kalou wird von Hertha-Fans aller Altersklassen umlagert

Foto: Florian Pohl / City-Press GbR

Berlin.  Der Junge in dem blauen Trikot ist ein bisschen spät dran, deswegen legt er einen kurzen Spurt ein. In Berlin, wo man für gewöhnlich kaum bei irgendetwas zu spät kommen kann, ist das erste Kieztraining von Hertha BSC nach längerer Pause ein Zuschauermagnet. Menschenströme sind auf dem Weg Richtung Stadion im Volkspark Mariendorf, da kann rechtzeitiges Erscheinen zur Sicherung der besten Plätze nicht schaden. Dass der Junge kein Herthablau trägt, sondern die türkise Auswärtsversion von Real Madrid und auf seinem Rücken nicht Baak sondern Bale steht, ist nicht ganz glücklich, aber auch nicht ganz unpassend. Es war in Mariendorf, an gleicher Stelle im Sommer 1997, als die Hertha-Fans euphorisiert vom gerade geschafften Aufstieg sangen: „Dieter, rück’ die Kohle raus“. Gemeint war Dieter Hoeneß, der damalige Manager. Hoeneß gab sich gern als Mann des Volkes.

Hertha steht für gute Ausbildungsarbeit

Ihm war immer klar, dass Profifußball Kohle, pardon, Geld kostet. Viel Geld. Neue wie Gabor Kiraly, Dick van Burik, Hendrik Herzog, Kjetil Rekdal, Bryan Roy, Alphonse Tchami kamen. Es war der Start in eine Epoche, die Hertha 1999 zwar die Teilnahme an der Champions League brachte, aber auch das Image großmannssüchtiger Protzer.

Das Manager-Amt hat 2009 Michael Preetz übernommen, ein Mann von schmaler Statur und was für den Umfang des Managers gilt, trifft auch auf Herthas Vereinskasse zu. Auf teure Zugänge hat der Klub anno 2018 verzichtet, und stattdessen Perspektivspieler verpflichtet. Sie gesellen sich zu einem beträchtlichen Teil junger Fußballer, die man selbst ausgebildet hat. Für jugendliche Frische wollen die Berliner stehen und als Klub wahrgenommen werden, der Talenten eine Chance gibt. Hertha, oft als graue Maus ohne Gesicht verspottet, ist gerade dabei, sich eine Identität zu geben. Eine, die nicht in sterilen Räumen von noch ­sterileren PR-Profis erdacht wurde.

Kieztour als Angebot an die Fans

Hertha ist nicht nur jünger geworden, auch geerdeter. Da passt die ­Wiederaufnahme des Kiez-Tour-Programms ins Bild. Vorgenommen hat sich Hertha, in sechs der zwölf Berliner Bezirke vorbeizuschauen und dort eine Trainingseinheit abzuhalten. Hertha zum Anfassen. Das ist auch als Befriedungsversuch zu verstehen. Um das Verhältnis zu den eigenen Fans war es zuletzt nicht so gut bestellt. Dem Bundesligisten und dessen Führungsetage wird vorgeworfen, zu sehr kommerzielle Interessen zu verfolgen und den eigenen Anhang aus den Augen zu verlieren. Vor allem die Digitalisierungsstrategie wird von den Fans kritisiert, im Olympiastadion kam es mehrfach zu massiven Protestbekundungen.

An diesem Spätsommernachmittag überstrahlen Sonne und Ambiente den Konflikt. Bratwurstduft fliegt in die Nasen, wo er sich mit dem Geruch von frisch Gezapftem vermischt – Volksfestatmosphäre. Trainer Pal Dardai, der 14 Feldspieler, darunter die A-Junioren Omar Rekik und Albrecht sowie drei Torhüter zur Verfügung hat, verkündet: „Das heute ist mehr Spaß.“

Einmal ein Tor gegen Thomas Kraft erzielen

Auf der schicken, neuen Tribüne haben sich über 2000 Besucher eingefunden. Oben sitzen viele Eltern, unten auf der Tartanbahn tummeln sich die Kinder. Einige von ihnen dürfen gegen Herthas Profis spielen. Als einem Steppke gegen Hertha-Torwart Thomas Kraft ein Treffer gelingt, tobt die Tribüne. Ein anderer Junge verletzt sich, Per Skjelbred und Salomon Kalou leisten Erste Hilfe. Herthas Spieler und Betreuer geben sich volksnah. An­geschlagene Profis wie Vedad Ibisevic, Karim Rekik, Marvin Plattenhardt oder Peter Pekarik sind ­trotzdem dabei und schreiben fleißig Autogramme.

Darum geht es. Die Menschen in dieser riesigen Stadt mit dem riesigen Angebot abzuholen, sie für Hertha zu begeistern, ist ein ehrgeiziges Ziel. Beim ersten Versuch, als Hertha vor Jahren durch die Stadtteile tourte, ließ das Interesse mit jedem weiteren Kiez­training nach, bis der Verein die Reißleine zog. Es wird spannend sein zu ­beobachten, wie der nächste, für ­Anfang Oktober vorgesehene Ausflug nach Marzahn-Hellersdorf angenommen wird.

Mariendorf jedenfalls meinte es gut mit den besten Fußballern der Stadt. Jede gelungene Aktion wurde bejubelt. Als das Training zu Ende war, stürmten alle auf den Platz. Bilder wurden gemacht, Autogramme geschrieben. „Ein schöner Nachmittag. Nach den drei Siegen merkt man die gute Stimmung“, sagte Pal Dardai. Der Junge mit dem Bale-Aufdruck ließ sich wenige Meter entfernt Autogramm um Autogramm auf sein Shirt schreiben. Am Ende war daraus doch irgendwie ein Hertha-Trikot geworden.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.