Hertha BSC

Valentino Lazaro – „Ich steche gern heraus“

Herthas Valentino Lazaro spricht vor dem Spiel auf Schalke über kreative Freiheit und den richtigen Mix aus Egoismus und Teamfähigkeit

Valentino Lazaro will sich in seinem zweiten Jahr bei Hertha BSC zum Leistungsträger entwickeln. Sein Ziel: mindestens zehn Torbeteiligungen

Valentino Lazaro will sich in seinem zweiten Jahr bei Hertha BSC zum Leistungsträger entwickeln. Sein Ziel: mindestens zehn Torbeteiligungen

Foto: imago sport / imago/Bernd König

Berlin.  Unter Herthas vielen jungen Spielern zählt Valentino Lazaro (22) zu den älteren – vor allem wegen seiner Erfahrung. Der Österreicher geht bereits in seine siebte Profi-Saison. „Im Kopf“, sagt er, „ist man automatisch ein wenig weiter als die Jungs, die jetzt ihr zweites Jahr bestreiten.“ Nicht der einzige Grund, weshalb Lazaro in dieser Saison zu den Hoffnungsträgern beim Berliner Bundesligisten zählt, der heute beim Vizemeister Schalke 04 antritt (18 Uhr, Sky). Mit Vielseitigkeit, guter Technik und Kreativität soll er den Abgang von Mitchell Weiser kompensieren. Nur kann er seine Angriffslust auf seiner neuen, defensiveren Position nicht mehr so stark ausspielen, wie er gern würde.

Herr Lazaro, Trainer Pal Dardai hat Sie neben Karim Rekik oder Niklas Stark zur Gruppe von Spielern gezählt, die in dieser Saison mehr Verantwortung übernehmen müssen. Wie sehen Sie Ihre Rolle?

Valentino Lazaro: Ich denke, dass eine Mannschaft erfahrene Spieler wie Vedad Ibisevic oder Salomon Kalou braucht, die für die Abgeklärtheit zuständig sind. Und dann Spieler, die ein bisschen dazwischen stehen, die das Bindeglied zu den jungen sind. Dort sehe ich mich, ebenso wie die anderen genannten. Für uns wird das eine riesige Aufgabe sein, da reinzuwachsen.

Es gibt Spieler, die belastet eine solche Verantwortung. Sie auch?

Ich freue mich darauf, weil ich jemand bin, der sich gern einbringt. Schon mit 17 oder 18 war ich in der Kabine nicht gerade leise. Das hat auch mal zu Gegenwind geführt, aber so bin ich einfach und so werde ich auch weiter sein.

Wurden Sie von den Älteren gerüffelt wegen Ihrer großen Klappe?

Sobald ich Profi war, habe ich mich einfach wohl gefühlt. In Graz hat mich der damalige Kapitän oft mit dem Auto mitgenommen, weil ich noch keinen Führerschein hatte. Während der Fahrt haben wir darüber gesprochen, wie es ist, eine Mannschaft zu führen. Das hat mich schon immer sehr interessiert.

Um ein Wortführer sein zu dürfen, muss man auf dem Platz überzeugen.

Klar. Es kommt natürlich komisch, wenn du ein Jahr lang nie im Kader bist und dann sagst, was besser gemacht werden muss. Ich denke aber, dass jeder das Recht besitzt, seine Gedanken zu äußern.

In der Vorsaison sind Sie durch klare Kritik aufgefallen, gerade nach den Spielen. Bereuen Sie einiges davon?

Natürlich kommt es aus der Emotion heraus, es ist aber nie wirklich eine Kritik an meinen Trainern oder Mitspielern, sondern daran, wie wir die Vorgaben umgesetzt haben. Das ist dann manchmal einfach purer Ärger. Wenn wir ein schlechtes Spiel machen, sage ich, das und das haben wir nicht gut gemacht. Da nehme ich mich nicht aus.

Wie kommen Ihre Worte im Team an?

Manchmal, wenn ich Interviews von mir las, habe ich mich schon gefragt, ob ein Mitspieler das vielleicht falsch versteht. Aber zum Glück war es bisher nie so. Kritik gehört zum Fußball dazu, um sich zu verbessern. Meistens haben wir nach einem schlechten Spiel eine Reaktion gezeigt. Dafür ist es notwendig, dass es vorher etwas schärfer zugeht.

Wird innerhalb der Mannschaft über Aussagen einzelner Spieler gesprochen?

Wir sind lange genug zusammen, um eine gewisse Vertrauensbasis zu haben. Gewisse Sachen sollten nicht nach außen gelangen. Kommt das doch mal vor, geht man aufeinander zu und fragt. Wie hast du das gemeint? Wurde das falsch geschrieben oder hast du das wirklich so gesagt? Wir haben hier eine Mannschaft, in der jeder weiß, dass nie etwas auf persönlicher Ebene gemeint ist. Ich habe auch kein Problem damit, wenn sich einer nach einem Spiel hinstellt und sagt, der Tino hat heute aber scheiße gespielt.

Viele Fans kritisieren, inzwischen würde es nur noch glattgeschliffene Interviews geben. Sie laufen nicht Gefahr, oder?

Nein. Ich will ich selbst und authentisch sein. Ich werde immer genau das sagen, was ich denke.

Sie sind auch abseits des Platzes keiner, der mit dem Strom schwimmt.

Das stimmt, ich bin eine eigene Person. Früher wurde ich oft missverstanden. Oft musste ich mir anhören, ich wäre zu unseriös neben dem Platz oder hätte zu viele Dinge im Kopf. Wenn ich auf den Platz komme, weiß ich aber genau, was ich zu tun habe. Manchmal hat es eine Zeit gedauert, bis ein Trainer gemerkt hat, okay, neben dem Platz kann er alles sein, aber er weiß schon, wohin sein Weg gehen soll und dafür macht er auf dem Platz dann alles.

Sie denken da an so Sachen wie Ihre selbst designten Schuhe?

Leute, die mich nicht kennen, fragen sich vielleicht, was das für einer ist. Aber bei mir war es so, dass ich schon vor dem Profifußball mit langen Haaren und bunten Klamotten in die Schule gegangen bin. Ich war immer ein Typ, der gern herausgestochen ist. Für mich ist das normal. Wenn ich Lust habe, mit einem pinken Pullover zu kommen, ziehe ich eben einen an.

Was macht den Reiz aus, in einem so jungen Team wie bei Hertha zu spielen?

Es ist einfach toll, wenn man über die gleichen Dinge reden kann. Das macht Spaß, weil wir oft die gleichen Interessen haben. Ich hab’ mich bisher aber immer wohl gefühlt, auch mit den älteren Spielern, weil ich durch sie schneller reifen konnte.

Schalke wurde im Vorjahr Zweiter, Hertha landete auf Platz zehn. Wo sehen Sie Hertha im Vergleich mit dem Vizemeister?

Meiner Meinung nach gar nicht so weit weg. Schalke hat in der vergangenen Saison viele Spiele knapp gewonnen. Vielleicht hatten sie diese mentale Cleverness, die uns in den Phasen gefehlt hat. Wir haben immer gepatzt, wenn wir einen Sprung hätten machen können. Letzte Saison wäre auf jeden Fall schon mehr möglich gewesen.

Ein Kritikpunkt ist, Hertha spiele keinen attraktiven Fußball. Sie wären einer, der für spektakuläre Momente sorgen könnte.

Zum attraktiven Fußball gehört ein gutes Kombinationsspiel, viele schnelle Pässe in die Tiefe und nicht nur Einzelaktionen. Manchmal bringen wir das auf den Platz, aber manchmal haben wir noch eine Blockade. Diese gilt es nun zu lösen, damit dieses schöne Spiel auch unser Fußball wird.

In der vergangenen Saison kamen Sie auf zwei Tore, fünf Assists. Was sind Ihre persönlichen Ziele?

Beim Scorerrating in den zweistelligen Bereich vorzurücken. Im ersten Spiel hat das schon gut geklappt (mit einer Torvorlage d.Red.), nun gilt es, dranzubleiben. Ich mach mir deswegen keinen Druck. Diese Dinge werden kommen, wenn ich meine Leistung bringe.

Sie spielen aktuell auf der rechten Seite etwas defensiver. Nicht Ihre Leib- und Magenposition ...

Das ist schon etwas anderes, als ich eigentlich gelernt habe. Ich wurde als zentraler offensiver Mittelfeldspieler groß, dann bin ich im Profibereich auf die Flügel ausgewichen, wo ich meine Positionen hatte, die ich immer gespielt habe. Rechts hinten war erst eine Notlösung, hat aber gut geklappt. Bei Hertha spiele ich nun wieder was Ähnliches. Es ist schön, dass der Trainer mir vertraut, wenn er was Neues plant.

National und international gibt es nicht so viele überragende Rechtsverteidiger. Sind Ihre Karriereaussichten auf dieser Position nicht eigentlich besser?

In Österreich gibt es diese Diskussion. Bei David Alaba gab es die auch. Der ist bei den Bayern in der defensiveren Rolle Weltklasse. Für mich ist es nicht schlecht, mehrere Optionen zu haben, aber ich fühle mich am wohlsten, wenn ich offensiv eher den Ball habe. Wenn es gegen einen Gegner geht, der dich an die Wand spielt und ich hinten nur verteidigen muss, gehört das dazu, ist aber nicht so meins. Da geht meine Qualität verloren.

Sie stellen sich mit der defensiveren Position in den Dienst der Mannschaft. Wie weit muss man auch Egoist sein, wenn es um die eigene Karriere geht?

Fußball ist ein Mannschaftssport, da muss jeder zusammenarbeiten. Ohne ein wenig Egoist zu sein, geht es aber nicht. Sonst schaffst du es nicht ganz nach oben.

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