Kolumne Immer Hertha

Arne Maier und Frank Zander schließen sich nicht aus

Der Hymnen-Streit bei Hertha: Warum auch im Fußball 3.0 nostalgische Erinnerungen der Fans wichtig sind.

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Berlin. In den vergangenen Tagen habe ich mehrfach an meinen ersten Ausflug ins Olympiastadion gedacht. Drei Dinge sind mir vom Spiel 1997 gegen Dortmund in Erinnerung geblieben. Das Ergebnis (1:1), das Hertha-Trikot, (blau und weiße Querstreifen) und ... die Hymne! Zwölf war ich damals. Und weiß noch, wie ich auf der Heimfahrt, auf dem Rücksitz sitzend, in der Hoffnung, wir würden beim nächsten Schnellrestaurant halten, laut sang: „Nur nach Hause, nur nach Hause, nur nach Hause, fahr’n wir nicht!“ Die Melodie blieb mir im Kopf. Genau wie der Moment, als sich das Stadion erhob und fremde Menschen gemeinsam ein Lied sangen, um ihre Fußballmannschaft zu unterstützen. Fortan war Hertha für mich der Klub, wo „Nur nach Hause“ gesungen wird. Und Frank Zander, der sonst im Fernsehprogramm meiner Oma lief, fand ich nicht mehr so rentnerhaft.

Fußball ist ein nostalgischer Sport. Ein beträchtlicher Teil seiner Faszination geht auf Erinnerungen und gemeinsames Erleben zurück. Weil das seit ewigen Tagen so ist, geriet dieses ­ungeschriebene Gesetz bei Hertha BSC zuletzt wohl in Vergessenheit. Genau wie das Stoppschild, das man irgendwann übersieht, weil man jeden Tag dran vorbei fährt. Nun hat es also ­gekracht und die Lautstärke des Unfalls ist keineswegs überraschend.

„Nur nach Hause“ statt „Dickes B“

Wir alle sind Gewohnheitstiere. Wird uns etwas genommen, das wir lieben, protestieren wir. Experimentiert der neue Chefkoch an unserem Lieblingsgericht herum, mit dem Verweis, es schmecke nun besser, gehen wir nicht mehr hin. Spielt ein Radiosender nicht mehr unsere liebsten Hits, schalten wir ab. Besteht Hertha auf ein neues Einlauflied singen die Fans nur noch lauter Frank Zander.

Der Fehler liegt in der Denkweise von fußballfremden Entscheidern. Ja, Fußballklubs sind moderne Wirtschaftsunternehmen. Nein, sie lassen sich nicht wie solche führen. Glaubt ­jemand das trotzdem, wird er scheitern.

Tradition ist kein Gegensatz zu Moderne

Wer sich auf Traditionen beruft, ist nicht automatisch ein Modernisierungsgegner. Der oft als schwierig dargestellte Spagat zwischen Tradition und Moderne ist in Wahrheit gar nicht nötig. Weil es sich nicht um eine Turnübung handelt sondern um Schritte nebeneinander. Tradition und Moderne sollten eine Symbiose bilden. In anderen Bereichen des Lebens funktioniert das ja auch. Menschen, die ins Kino gehen, streamen trotzdem Serien über Netflix. Wer sich für Sushi und Fusionsküche begeistert, ist deshalb nicht automatisch ein Feind der Currywurst.

Alte Bräuche pflegen, ohne dabei rückständig zu wirken. Wie das gehen kann, zeigen Beispiele aus dem Ausland. Athletic Bilbao weicht auch in Zeiten der Globalisierung nicht vom Kodex ab, nur Spieler aus den baskischen Gebieten einzusetzen – und ist konkurrenzfähig. Vom FC Liverpool und seiner legendären Tribüne „The Kop“ geht immer noch eine weltweite Faszination aus, obwohl der Klub längst amerikanischen Investoren gehört.

Erinnerungen an die eigene Biographie

Vor diesem Hintergrund erscheint es umso irrwitziger, die westberliner Identität von Hertha ankratzen zu wollen. Westberlin mieft nicht, es riecht nach der Stadt und dessen vielfältiger Historie. Viele Menschen, die ins Olympiastadion pilgern, verbinden mit dem Geruch die eigene Biografie. So wie Touristen mit Berlin den Fernsehturm und die Mauer verbinden. Kein ­Reiseunternehmen würde auf die Idee kommen, der Modernisierung wegen plötzlich nur noch auf Berghain und Kreuz-Kölln zu verweisen.

Kurios bei all dem, dass Herthas Fußballmannschaft gerade dabei ist, sich eine sehr moderne Identität zu­zulegen. Gegen Nürnberg kamen die Berliner Feldspieler bei Abpfiff auf ein Durchschnittsalter von 21,6 Jahren, Hertha sprüht vor jugendlicher Frische. Hungrige Talente wie Arne Maier und vor der Ostkurve Frank Zander – mehr Symbiose geht kaum.

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