Kolumne Immer Hertha

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Der Champions Cup zeigt: Die Kommerzialisierung des Fußballs ist längst nicht am Ende. Wohin soll das nur führen?

Heißt von Bayern München (r. Franck Ribéry) lernen, siegen lernen – auch für Hertha und Mathew Leckie?

Heißt von Bayern München (r. Franck Ribéry) lernen, siegen lernen – auch für Hertha und Mathew Leckie?

Foto: Sebastian Widmann / Bongarts/Getty Images

Kann man jemals genug Geld verdienen? Offenbar nicht, da können sich die sogenannten Glücksforscher den Mund fusselig reden. Die versuchen uns ja seit Jahren einzubläuen, dass die Gleichung „mehr Kohle = besseres Leben“ ihre Grenzen hat. Das Ende der Glücksfahnenstange ist demnach bei rund 5000 Euro netto pro Monat erreicht, eine Steigerung der Zufriedenheit danach nur noch in Spurenelementen nachweisbar. Nun, es gäbe sicherlich einige Menschen, die dem widersprechen würden. Investmentbanker und Hedgefonds-Manager zum Beispiel. Oder die Strippenzieher des Profi-Fußballs.

Wer glaubt, dass die beliebteste Sportart des Planeten schon bis in die Haarspitzen durchkommerzialisiert ist, täuscht sich. Die aktuell laufende Saisonvorbereitung liefert jedenfalls ein paar pfiffige neue Ideen, um dem Zuschauer – Pardon, Kunden – auf seiner „Customer Journey“ ein paar zusätzliche „Touchpoints“ zu kredenzen.

Münzwurf wird zum Kreditkartenwurf

Mein persönliches Highlight habe ich beim International Champions Cup (ICC) in Singapur entdeckt. Dort fand die Seitenwahl vor der Partie zwischen Arsenal und Paris Saint-Germain nicht mit einer schnöden Münze statt, sondern mit einer Karte der sponsernden Kreditkartenfirma, natürlich werbetauglich eingefangen von den Kameras. Dass selbst die beteiligten Mannschaftskapitäne peinlich berührt aus der Wäsche guckten, geht unter Marketingfüchsen vermutlich als Kollateralschaden durch.

Karl-Heinz Rummenigge wird das Prozedere hochinteressiert verfolgt haben. Der Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern war mit seinem Klub ja Teil des ICC, nur dass sich die Münchner nicht in Asien, sondern auf dem ebenfalls lukrativen US-Markt tummelten. Für Rummenigge auch Gelegenheit, um sich mit den Machern der amerikanischen Football- und Basketball-Profi-Ligen zu treffen. Sein Fazit: Erstens müsse die Bundesliga in Sachen Vermarktung noch sehr viel lernen, und zweitens dringend den Weg für Investoren frei machen – ansonsten drohe man im internationalen Vergleich abgehängt zu werden.

Über ein anderes strukturelles Problem schwieg sich Rummenigge hingegen aus. Darüber, dass die Topklubs aus München, Manchester oder Madrid dem Rest ihrer jeweiligen Ligen längst weit enteilt sind. Jahr für Jahr schnappen sich die immergleichen Teams die Meisterschaften, sind dadurch Stammgäste in der Geldmaschine Champions League und vergrößern ihren Vorsprung auf die Konkurrenz so nur noch mehr.

Ist eine Liga ohne den FC Bayern denkbar?

Die Folge: Eigentlich hat kaum noch jemand Lust auf die Liga-Spiele der Bayern – weder die Gegner (die wegen Aussichtslosigkeit auf Beton-Abwehr oder B-Elf setzen) noch die Zuschauer (die kein zähes Anrennen mehr sehen wollen), noch die Münchner selbst (die sich ernsthafte Herausforderer wünschen). Man muss also nicht mal ein Schelm sein, um sich vorzustellen, wie sehr Rummenigge der mit Spitzenmannschaft besetzte Champions Cup gefallen hat. Als Vorbote einer Superliga.

Und wer weiß, vielleicht würden von diesem Modell am Ende ja tatsächlich alle profitieren. Die Premiumklubs könnten ihr Premiumprodukt an Premiumkunden vermarkten, die die Spiele dann ähnlich enthusiasmiert besuchen wie in der NBA (nämlich so wie bei einem Gang ins Kino). Jener Teil der Zuschauer, der sich als „die wahren Fans“ begreift, könnte derweil all das zelebrieren, was ihm seit Jahren immer mehr fehlt. Werte wie Tradition und Identifikation – ähnlich wie im florierenden College-Sport in den USA. Wenn 40.000 Besucher zum ersten Drittligaspiel des 1. FC Kaiserslautern kommen oder sogar 50.000 zur Saison-Eröffnungsfeier (!) von Erstliga-Absteiger Köln, legt das zumindest den Verdacht nahe, dass es neben exzellentem Sport noch andere Facetten gibt, die die Menschen begeistern.

Vor allem aber hätte eine Bundesliga ohne die Bayern (und womöglich Borussia Dortmund) ihre Spannung zurück. Es würde neu gemischt, vielleicht hätte sogar Hertha BSC Chancen auf die Meisterschaft. Das wäre dann ein ­Verdienst, der wirklich glücklich macht.