Profi-Nachwuchs

Hertha ist besser als die Bayern

Bei kaum einem Bundesligisten ist die Chance auf den Sprung von der Jugend zu den Profis so gut wie bei Hertha.

Torwart Dennis Smarsch wird bei Hertha als nächster Nachwuchsspieler einen Profivertrag erhalten

Torwart Dennis Smarsch wird bei Hertha als nächster Nachwuchsspieler einen Profivertrag erhalten

Foto: dpa Picture-Alliance / firo Sportphoto / Volker Nagrasz / picture alliance / augenklick/fi

Berlin.  Zum Training kommt ­Muhammed Kiprit (19) mit der gelben Limousine. Bei Mannschaftskollege Dennis Smarsch (19) erregt das Misstrauen. „Du hast doch gar keinen Führerschein“, sagt Smarsch, und es dauert ein wenig, bis der Torwart dahinterkommt, dass Kiprit die Berliner U-Bahn meint. „Sag ich doch, gelbe ­Limousine“, freut der sich diebisch am Ende eines Videos, das Hertha BSC gedreht hat. Humor besitzt Kiprit.

Noch besser als Witze machen kann er Tore schießen. In der A-Junioren-Bundesliga traf er in der vergangenen Spielzeit 23-mal. Kein Spieler hatte mehr. Kiprits Treffer trugen dazu bei, dass die Berliner in dieser Altersklasse erstmals deutscher Meister wurden (Finale 3:1 gegen Schalke). Nun muss er beweisen, dass er auch bei den Profis Tore schießen kann. Sein Einsatz stimmt schon mal. Die erste Kaderreduzierung überstand Kiprit, weil er sich „um Hemd und Hose ­gelaufen hat“, wie es Manager Michael Preetz ausdrückte.

Genau das war es, was die Berliner Verantwortlichen von den Nachwuchsspielern und von Kiprit besonders sehen wollten. Es hatte Ungereimtheiten um seine Person gegeben. Mehrfach war die Rede von Angeboten für den Torjäger aus England, deren Wahrheitsgehalt aber im Ungefähren zu verorten ist. Hertha offerierte konkret einen Profivertrag. Kiprit wusste bisher zu gefallen. Fehlendes Tempo, vor allem im Eins-gegen-eins, macht er durch seinen Instinkt wett. Der Junge weiß, wo das Tor steht. Für eine Profikarriere reicht das allein aber nicht.

Trainer Dardai will Kiprit besser kennenlernen

Trainer Pal Dardai deutet an, dass er bei Kiprit auch auf die zwischenmenschlichen Fähigkeiten schaut. „Mo gehörte nicht zu meiner U15, ich kenne ihn noch nicht so gut. Deshalb will ich ihn weiter dabei haben, um ihn und ­seinen Charakter besser kennenlernen zu können“, sagt Herthas Trainer.

Nach dem Ausfall von Davie Selke, der wegen einem Pneumothorax (Verletzung im Brustkorb) den Saisonstart verpassen wird, konkurriert Kiprit mit Maximilian Pronichev (20) um den Platz in der internen Stürmer-Hierarchie hinter Vedad Ibisevic und Zugang Pascal Köpke, der von Zweitligist Erzgebirge Aue gekommen ist.

Dass Pronichev (20), der in der vergangenen Regionalliga-Saison 15 Tore in nur 19 Spielen für Herthas U23 erzielt hat, von Trainer Dardai wieder dorthin zurückgeschickt wurde, heißt nichts für das interne Ranking.

Pronichev soll ausgeliehen werden

Manager Michael Preetz sagt, dass Pronichev durch seine Auslandserfahrung (Zenit St. Petersburg) sowie seine Erfahrungen in der Regionalliga bereits „ein, zwei Schritte weiter“ ist. Hertha strebt in seinem Fall eine Ausleihe an, im besten Fall an einen Zweitligisten. Den Weg einer Ausleihe könnte auch Maurice Covic (20) gehen, der die ­Kaderverkleinerung ebenfalls nicht überstand und bei der U23 trainiert.

Hertha verfügt derzeit über ein großes Reservoir an talentierten Nachwuchskräften, die intensive Jugendarbeit der vergangenen Jahre soll sich immer stärker auszahlen. Der nächste, der einen Profivertrag unterschrieben wird, ist Torwart Dennis Smarsch (19). Musterbeispiel ist Arne Maier (18), der es in der vergangenen Bundesliga-Spielzeit zur Stammkraft bei den Profis gebracht hat, mit Einsätzen in der ersten ­Liga (17), im DFB-Pokal (1) sowie der Europa League (3).

Eigene Talente ausbilden, fördern und dann in die Bundesligamannschaft integrieren, so stellt es sich Michael Preetz vor. „Das ist unser Weg. Ich denke, wir sind deutschlandweit mit führend, was die Durchlässigkeit zu den Profis angeht. Die Chance, es bei uns zum Bundesligaspieler zu schaffen, ist sicher größer als etwa bei Bayern München“, sagt Herthas Manager.

Preetz: „Wir sind deutschlandweit mit führend“

Preetz betreibt diese Form der Eigenwerbung nicht ohne Grund. Die Jagd nach Talenten nimmt immer groteskere Züge an und beginnt deutlich früher als noch vor zehn Jahren. „Selbst Zwölfjährige werden inzwischen intensiv von anderen Vereinen umworben“, sagt Preetz. Hertha bekam das in der jüngeren Vergangenheit zu spüren, als man talentierte Kinder oder Jugendliche an RB Leipzig und den FC Bayern verlor. „Am Ende entscheiden in diesen Fällen immer die Eltern. Uns geht es darum, ihnen zu zeigen, dass die Perspektiven für ihre Kinder bei uns am besten sind“, sagt Preetz.

Auch wenn die Berliner nicht alle Spieler halten können, so haben sie sich als Ausbildungsverein inzwischen überall in Deutschland einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Dennis Jastrzembski (18), geboren und aufgewachsen in Schleswig-Holstein, entschied sich vor drei Jahren für Hertha BSC und schlug Angebote anderer Bundesligisten aus. „Ich hatte bei Hertha das beste Gefühl. Auch weil ich gesehen hab, dass es dort immer wieder Spieler noch oben geschafft haben“, sagt Jastrzembski. Der schnelle Flügelspieler könnte der nächste sein. Seine Entwicklung verlief zuletzt rasant. Auf der offensiven Außenbahn zählt er zu den hoffnungsvollsten Talenten in ganz Deutschland. Im Training hinterlässt Jastrzembski bisher einen hervorragenden Eindruck. Es gibt nicht wenige, die ihm in der kommende Bundesliga-Saison eine ähnliche Rolle zutrauen, wie sie zuletzt Arne Maier innehatte.

Maier ist binnen weniger Monate zum Symbol für Herthas Ausrichtung geworden. Talente wie Kiprit, Pronichev und Jastrzembski sollen folgen.