WM-KOLUMNE

Dardai: Die deutschen Spieler waren nicht da

WM-Kolumnist und Hertha-Trainer Pal Dardai über das WM-Aus der DFB-Elf und die Arbeit von Bundestrainer Joachim Löw

WM-Kolumnist der Morgenpost: Hertha-Trainer Pal Dardai (l.)

WM-Kolumnist der Morgenpost: Hertha-Trainer Pal Dardai (l.)

Foto: Gladys Chai von der Laage / picture alliance / Gladys Chai v

Schade – das hat niemand erwartet, dass die WM in Russland für die deutsche Mannschaft bereits nach der Vorrunde beendet ist. Zum ersten Mal überhaupt. Über Jahrzehnte war Deutschland bei Weltmeisterschaften konstant gut, dieses frühe Aus kommt überraschend.

Was mir aufgefallen ist: Die Mannschaft hat während der Vorbereitung kaum gute Leistungen gezeigt. Man hat mit WM-Beginn gehofft, dass sich das ändert und der nächste Schritt kommt. Aber der kam nicht.

Ich weiß aus eigener Erfahrung: Für einen Nationaltrainer ist es nicht einfach. Man bekommt 23 Spieler aus verschiedenen Vereinen und versucht, sie in Schwung zu bekommen und zu einem Team zu formen. Bei der deutschen Mannschaft war es bei diesem Turnier so, dass kaum Spieler in Topform waren. Mit der Dynamik hat es nicht gut ausgesehen, es war eher zäh. Auch andere Länder hatten Probleme. Brasilien hat sich anfangs gegen die Schweiz schwer getan, mittlerweile sind sie im Turnier. Bei den Deutschen ist das leider nicht passiert.

Die Bayern haben zum Ende nichts mehr gewonnen

Die Basis für alles ist die Fitness. Es hat an Frische, an Athletik gefehlt. Auch an Frische im Kopf.

Joachim Löw als Bundestrainer ist davon abhängig, in welcher Verfassung er die Spieler bekommt. Bei vergangenen Turnieren war es so, dass die Dortmunder mit viel Lust zum Fußballspielen von Jürgen Klopp kamen, oder die Bayern-Spieler mit Erfolgen und einer Riesenmentalität von Pep Guardiola. In diesem Jahr haben die Bayern zum Ende nichts mehr gewonnen, Jerome Boateng kam zudem aus einer langen Verletzung, Dortmund hat eine komplizierte Saison hinter sich.

Topform aufzubauen, ist keine Sache von einigen Tagen, das ist ein systematischer Aufbau.

Ich glaube, dass die Taktik, die Löw seiner Elf für jedes Spiel mitgegeben hat, so war wie immer: gut. Aber bei diesem Turnier waren die deutschen Spieler einfach nicht da.

Arbeit von Löw ist beeindruckend

In den Gruppenspielen war es so, dass fast niemand den Mut hatte, hoch zu pressen. Die sogenannten kleinen Länder stellen sich 17, 18 Meter vor dem eigenen Tor hinten rein. Dann ging es um die Balleroberung, schnelles Umschalten und einen guten Abschluss. Die Stärke der Deutschen liegt eigentlich im Pass-und Kombinationsspiel. Aber sie haben kaum klare Chancen herausgespielt. Selbst der späte Sieg gegen Schweden hat keinen neuen Schub gegeben.

Die Frage zu beantworten, wie es mit dem Bundestrainer weitergeht, steht mir nicht zu. Ich möchte nur sagen: Ich habe es bisher meistens genossen, deutsche Spiele unter Joachim Löw zu gucken. Ich finde es beeindruckend zu sehen, wie er arbeitet.

Argentinien überzeugt mich nicht

Argentinien hat sich ebenfalls schwer getan, aber immerhin in die K.o.-Runde gerettet. Mich haben sie bisher nicht überzeugt. Wenig flüssige Kombinationen, ich sehe auf dem Platz keine Mannschaft. Deshalb erwarte ich, dass Frankreich dieses Achtelfinale gewinnt. Aber klar, Lionel Messi hat nach wie vor die Qualität, mit einer Aktion, ein Spiel zu entscheiden.

Uruguay ist für mich bisher eine Überraschung. Sie sind offensiv stark, haben Spaß miteinander zu spielen. Bei Portugal sind Ronaldo und Quaresma gut drauf. Spannend - vielleicht ein Duell mit Verlängerung und Elfmeterschießen?

Zwischen Spanien und Russland spricht eigentlich alles für den Ex-Weltmeister. Auch wenn Russland Gastgeber ist und die Fans hinter sich haben wird: Die Spanier werden mit ihrer Passschärfe Ball und Gegner laufen lassen. Kommen die Spanier in ihren Fluss, gewinnen sie. Allerdings dürfen sie sich nicht auskontern lassen. Auch die Standards der Russen sind stark.

Mit Kroatien ist zu rechnen

Kroatien hat eine souveräne WM gespielt. Modric und Rakitic sind gut drauf, die Mannschaft ist eingespielt und erfahren. Bisher haben sie nie etwas gewonnen. Mit Kroatien ist zu rechnen. Dänemark sehe ich da als eine Zwischenstation.

Brasilien ist seit Beginn mein Turnierfavorit. Warum, hat die Mannschaft nach dem zweiten Tor gegen Serbien gezeigt. Da stimmt in diesem Jahr die Mischung aus Disziplin, alten und jungen Spielern, Schnelligkeit und Spielfreude. Brasilien wird gegen Mexiko ins Viertelfinale einziehen.

Schweiz hat die Qualität fürs Viertelfinale

Mein Geheimfavorit, die Schweiz, hat mit Schweden eine Aufgabe, die nicht unlösbar ist. Beide Teams sind diszipliniert, hoffen auf Standards. Das wird ein zähes Ringen. Die Schweizer haben mit Xhaka und Shaqiri aber in meinen Augen etwas mehr individuelle Qualität.

England gegen Kolumbien ist auch eine interessante Begegnung. Ich schätze, dass das Team von Trainer Gareth Southgate die Runde der letzte Acht erreicht. Auch Belgien sollte sich gegen Japan durchsetzen. Die Belgier mausern sich mit ihren souveränen Auftritten langsam von einem Geheim- zu einem echten Turnier-Favoriten.