Bundesliga

Selke polarisiert, trifft und jubelt

Ob Elfmeter oder Platzverweis für Frankfurts Hasebe: Herthas Torjäger ist an allen Schlüsselsituationen beteiligt.

Der lange Weg zur Hertha-Führung: Torschütze Davie Selke (v.) wird gefeiert von Vladimir Darida, Mathew Leckie und Valentino Lazaro (v.l.)

Der lange Weg zur Hertha-Führung: Torschütze Davie Selke (v.) wird gefeiert von Vladimir Darida, Mathew Leckie und Valentino Lazaro (v.l.)

Foto: Weiss /Eibner-Pressefoto / imago/Eibner

Frankfurt.  In der Nachspielzeit gelangen plötzlich sogar die Kunststücke. Nach einem 40-Meter-Sprint mit dem Ball am Fuß drehte Herthas Salomon Kalou an der linken Strafraumkante eine Pirouette um drei Frankfurter Verteidiger und bediente den aufrückenden Alexander Esswein, der mit dem Außenrist ins lange Eck einschob. Das Berliner Tor zum 3:0 (0:0)-Endstand bei Eintracht Frankfurt war ein Treffer mit Seltenheitswert und zugleich das versöhnliche Ende eines Fußball-Nachmittags, der lange einer Zumutung glich. „Wir hatten mit dem Platz und der Hitze ziemliche Probleme“, gab Mittelfeldspieler Valentino Lazaro zu, „und wir hatten sicherlich auch ein bisschen Glück.“

Der höchste Auswärtssiegseit Dezember 2015

Sei’s drum: Hertha feierte nicht nur den fünften Auswärtssieg der Saison und den höchsten Erfolg in der Fremde seit Dezember 2015 (damals ein 4:0 in Darmstadt), sondern holte am Sonnabend im Grunde gleich sechs Punkte. Denn durch den Dreier in Frankfurt verkürzten die Berliner den Rückstand auf den Tabellensiebten vom Main auf vier Punkte. „Der Traum von der Europa-League-Qualifikation lebt“, sagte Mathew Leckie, der Torschütze zum 2:0 (77. Minute).

Der Mann, der Hertha auf die Siegerstraße geschossen hatte, war hingegen nicht mehr zu sprechen. Davie Selke, der das umstrittene 1:0 erzielt hatte (57.), war nach einem mit Rot geahndeten Ellenbogencheck von Frankfurts Makoto Hasebe (79.) nicht mehr vernehmungsfähig. Der Stürmer habe nach dem Schlag „kleine Aussetzer“ und erhole sich in der Kabine, ließ Herthas Medienabteilung verlauten. Bedauerlich, schließlich war Selke in Frankfurt gewissermaßen Gesprächsthema Nummer eins – und das aus mehreren Gründen. Erst hatte der 23 Jahre alte Angreifer den viel diskutierten Strafstoß herausgeholt, dann besagten Elfer trotz widrigster Umstände selbst verwandelt und schließlich ­Hasebes Platzverweis provoziert. Es waren hektische, turbulente Szenen, doch der Reihe nach.

Hertha-Coach Pal Dardai hatte seine Startelf auf gleich vier Positionen geändert. Jordan Torunarigha (20) ersetzte den wegen eines Nasenbeinbruchs verhinderten Innenverteidiger Niklas Stark, die restlichen Wechsel waren Kalkül. So verpasste der Trainer dem seit Wochen enttäuschenden Mitchell Weiser an dessen 24. Geburtstag „einen Denkzettel“, so Dardai, ließ den offenbar abwanderungswilligen Profi in Berlin und gab Peter Pekarik den Vorzug. Auch die Oldies Salomon Kalou (32) und Vedad Ibisevic (33) blieben zunächst auf der Bank, stattdessen brachte Dardai Leckie und Ondrej Duda von Beginn an. Die Idee dahinter mutete plausibel an. Weil sich die Eintracht am Mittwoch im DFB-Pokal verausgabt hatte, setzte Hertha auf Tempo, auf Konter. Nur war davon in den ersten 45 Minuten so gut wie nichts zu sehen. Statt gefährlicher Schnellangriffe leisteten sich die Berliner vor allem eins: gefährliche Fehler.

Der Schiedsrichter bemüht zweimal den Videobeweis

Den ersten Bock erlaubte sich Leckie bereits nach neun Minuten. Tief in der eigenen Hälfte produzierte der Australier einen Querschläger, der direkt in den Füßen von Eintracht-Angreifer Luka Jovic landete. Der Pokal-Held fackelte nicht lange, zog aus 14 Metern ab, drosch den Ball aber übers Tor – Hertha im Glück.

Nur zehn Minuten später der nächste Lapsus. Ein verunglückter Rückpass von Innenverteidiger Karim Rekik erreichte statt Torhüter Rune Jarstein erneut Frankfurts Jovic. Diesmal versuchte es der Serbe nicht selbst, sondern legte auf den nachrückenden Mijat Gacinovic ab – Schuss, Unterkante Latte, Durch­atmen. „Wir haben Geschenke verteilt, Gott sei Dank haben sie die nicht angenommen“, sagte ­Dardai.

Ansonsten blieb die Partie lange zäh. Zu viele Fehler und Zweikämpfe, zu wenig Präzision und Struktur – die 51.000 Zuschauer sahen Schmalspur-Fußball auf Augenhöhe. Bis Selke nach der Pause in den Frankfurter Strafraum eindrang, von Hasebe am Knie berührt wurde und zu Boden ging. Schiedsrichter Sascha Stegemann zeigte auf den Punkt, ging kurz darauf aber noch mal an den Monitor, um die Szene zu überprüfen. Resultat: Stegemann blieb bei seiner Entscheidung – Elfmeter. Selke hielt der Wartezeit stand, genauso wie den Pfiffen der Eintracht-Fans, die noch lauter waren als jene für ihren scheidenden Trainer Niko Kovac.

Hart, flach und mittig drosch er den Ball ins Netz – 1:0, Selkes achter Saisontreffer. „Aus meiner Sicht lag der Schiri daneben“, meinte Kovac, „bei der Roten Karte lag er später aber richtig.“ Genauso wie bei Leckies 2:0 nach Steilpass von Joker Kalou, das wegen Abseits überprüft wurde, ehe es endgültig Anerkennung fand. Danach folgte Kalous zweiter Vorbereitungs-Streich und schließlich Berliner Jubel.

„Wir können noch neun Punkte holen“, sagte Leckie, dem sein erster Treffer seit September gelang. Die nächste Chance will Hertha schon am Sonnabend nutzen, wenn der FC Augsburg zu Gast im Olympiastadion ist.

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