Kolumne Immer Hertha

Ode an Cristiano Ronaldo

Ungeachtet der Fankritik und der Irrsinnssummen: Cristiano Ronaldo erinnert uns daran, warum wir Fußball schauen.

Beifall vom gegnerischen Publikum: Cristiano Ronaldo ist gerührt und bedankt sich bei den Fans von Juventus Turin nach seinem Fallrückzieher-Tor

Beifall vom gegnerischen Publikum: Cristiano Ronaldo ist gerührt und bedankt sich bei den Fans von Juventus Turin nach seinem Fallrückzieher-Tor

Foto: MASSIMO PINCA / REUTERS

Nö, Fußball hat gerade keinen guten Ruf. Ablösesummen im dreistelligen Millionenbereich. Anstoßzeiten, die einen Spieltag schon mal von Freitag bis Montag strecken. Ob in Berlin oder anderswo fühlen sich viele Fans nicht ausreichend von ihren Vereinen gewürdigt. Müde Spiele, bei denen sich die Mannschaften neutralisieren, weil jeder sich darauf versteht, die Stärken des Gegners zu unterbinden. So ist es kein Zufall, dass seit vergangenem Herbst elf Bundesligisten einen Zuschauerrückgang beklagen. Am stärksten betroffen vom Ausbleiben der zahlenden Kundschaft ist Hertha BSC. Jene knapp 35.000 Besucher, die am vergangenen Sonnabend ins Olympiastadion gepilgert waren, wissen nach dem 0:0 gegen Wolfsburg, wovon die Rede ist.

Weil der moderne Fußball mit ­seinen Matchplänen immer komplexer wird, schlägt der „Guardian“-Journalist Barney Ronay gar vor, den Begriff ­„Fußballspieler“ zu ersetzen. Und stattdessen davon zu sprechen, dass eine Mannschaft aus elf „menschlichen Sporteinheiten“ besteht oder aus ­„Taktik-Zahnrädchen auf Elite-Level“.

Ein Tor als Kunstwerk

Aber ausgerechnet jener Wettbewerb, den die Hardcore-Fans als Zirkusveranstaltung im Hochgeschwindigkeitstempo verachten, die Champions League, hat uns am Dienstag wieder ­daran erinnert, warum wir Fußball schauen: um diesen einen magischen Moment zu erleben. Erinnert hat uns ausgerechnet der Spieler, dem die ­meiste Abneigung entgegenschlägt: Cristiano Ronaldo.

Ronaldos sensationelles Fallrückzieher-Tor zum 2:0 von Real Madrid bei Juventus Turin – bei wem das Fußballherz da nicht hüpft, hat Fußball nie geliebt. Ein Kunstwerk aus Raumverständnis, Körper- und Ballbeherrschung sowie Willensstärke, zelebriert im strömenden Regen – Wahnsinn. Und die Reaktion derer, die diesen Augenblick erlebten, zeigte eine andere Qualität, die der Fußball besitzt: Grenzen zu überwinden.

Anerkennung von den Juve-Fans

Das italienische ­Publikum ist für manches bekannt, Fairplay gehört nicht dazu. Doch als ­Ronaldo Sekunden nach seinem Tor an der Eckfahne stand, ganz still, mit ­ausgebreiteten Armen, erhoben sich auch die Juve-Fans. Und applaudierten. Die Rivalität, die die Großklubs auszeichnet, zumal, wenn es in der K.o.-Runde der Champions League gegeneinander geht, das Unversöhnliche, was Fans manchmal an sich haben – war alles weggewischt. Jeder, der dabei war, spürte intuitiv: Das ist ein ­Moment, von dem ich noch meinen ­Enkeln ­erzählen werde.

Anderer Kontinent, gleiches Muster: Zlatan Ibrahimovic ist der zweite Megastar, der wie Ronaldo polarisiert. Charakterisierungen des mittlerweile 36-Jährigen changieren zwischen extrem selbstbewusst und Kotzbrocken. Aber gleich zum Einstand, im ersten Spiel für den neuen Arbeitgeber, die Los ­Angeles Galaxy, zauberte Ibrahimovic einen magischen Moment auf den Rasen: ein Tor aus vollem Lauf, erzielt aus unglaublichen 45 Metern. Ein Treffer, der ein großes Ego erfordert, in dem sich im Bruchteil einer Sekunde ein Mix formt. Ein Mix aus Erfahrung, Antizipation, dass der gegnerische Torwart zu weit vor seinem Tor steht, sowie der athletischen Fähigkeit, den Ball trotz der Distanz mit einer Flugkurve zu versehen, dass er zunächst über den Torhüter saust, sich aber rechtzeitig vor dem Tor wieder senkt.

Die magische Partie von Hertha BSC

Ja, der Ruf des Profifußballs ist ­lädiert. Ja, es gibt dort einiges zu tun: Aber der Zauber des Fußballs hat unterschiedliche Gesichter. Der eine magische Abend, der Hertha BSC emotional durch diese insgesamt sehr mittelmäßige Saison trägt, war das 3:2 bei RB Leipzig. Ein Auswärtssieg beim ­hohen Favoriten, bei dem Hertha trotz Unterzahl eine mitreißende Kollektivleistung bot.

Und ich ahne, dass wir uns später erinnern werden: Wir wussten gar nicht, wie dankbar wir sein durften, Fußball in einer Zeit zu verfolgen, in der Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Sandro Wagner gespielt haben.

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