Bundesliga-Endspurt

Worum es für Hertha jetzt geht

In den verbleibenden acht Partien steht für Trainer Pal Dardai, seine Profis und Hertha BSC enorm viel auf dem Spiel – eine Analyse.

Viel Aufwand, mäßiger Ertrag: Hertha BSC liegt mit Kapitän Vedad Ibisevic in der Bundesliga derzeit auf Rang elf

Viel Aufwand, mäßiger Ertrag: Hertha BSC liegt mit Kapitän Vedad Ibisevic in der Bundesliga derzeit auf Rang elf

Foto: Ottmar Winter

Berlin. Erneut kein Heimsieg im Jahr 2018, auch im vierten Spiel in Folge kein Tor erzielt, zum wiederholten Mal die Chance verpasst, sich in der Tabelle nach oben zu orientieren – es gab schon fröhlichere Tage bei Hertha BSC als den nach dem 0:0 gegen den SC Freiburg. Trainer Pal Dardai stellte sich beim Auslaufen am Sonntag demonstrativ vor seine Profis: „Das können wir uns nicht leisten, dass die Spieler ein schlechtes Gewissen haben sollen, weil sie keine Tore machen. Ich lasse es nicht zu, dass die Mannschaft kaputtgeredet wird.“

Dabei hat Hertha keine Zeit, sich mit Diskussionen über halbvolle oder halbleere Gläser aufzuhalten nach dem Motto: Wie schlimm ist die aktuelle Torflaute (von mittlerweile 392 Minuten), wenn Hertha gleichzeitig die beste Abwehr der Bundesliga im Jahr 2018 stellt? Dafür steht in den verbleibenden acht Saisonpartien zu viel auf dem Spiel: sowohl ­für einzelne Akteure als auch für den Klub insgesamt.

Marvin Plattenhardt

Der Linksverteidiger will im Sommer zur WM nach Russland. Gegen Freiburg bot der fünfmalige Nationalspieler das, was er seit längerem bietet: solides Handwerk. Keine groben Fehler, aber auch keine Höhepunkte. Dosierte Offensivaktionen, seine Flanken erreichten nur selten einen Mit­­spieler. Legt Plattenhardt im Saison-Endspurt nicht zwei Schippen drauf, wird es schwer mit einem Platz im WM-Kader.

Per Skjelbred

Der Norweger, über Jahre Stammkraft, hat seinen Platz verloren. Weil Youngster Arne Maier (19) ins Team gedrängt und Vladimir Darida gesundet ist. Für die kommende Saison hat Hertha ­Bedarf an der Verpflichtung eines spielstarken Sechsers. Dann muss einer der Arrivierten, Skjelbred (30) oder Fabian Lustenberger (29), Platz machen. Derzeit genießt der Schweizer das Vertrauen von Trainer Dardai. Sollte Skjelbred eingesetzt werden, ist er zu guten ­Leistungen verpflichtet.

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Mitchell Weiser

Seit über einem Jahr werfen Verletzungen den Kreativspieler zurück. So hoch die Ansprüche beim U21-Europameister sind – er möchte gern Champions League spielen –, bisher ist Weiser ein Versprechen auf die Zukunft. „Gegen Freiburg hat Mitch eine sehr gute erste halbe Stunde gespielt“, lobte Trainer Dardai den ersten Auftritt des 23-Jährigen in der Startelf seit zwei Monaten. „Wir brauchen Mitch und seine Aktionen.“ Acht Pflichtspiele bleiben Weiser, um zu zeigen, dass er nach wie vor der Unterschiedspieler ist, der er in der vergangenen Saison bereits war.

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Salomon Kalou

Mit neun Treffern ist der Ivorer bester Torschütze und damit Herthas Lebensversicherung in der Gegenwart. Die Frage ist, ob Kalou die Lösung für die Zukunft ist. Zuletzt fehlte es ihm an Esprit und Durchschlagskraft. Ob Hertha die Saison 2018/19 mit dem Oldie-Sturm Kalou/Vedad Ibisevic, die im Herbst 33 und 34 Jahre alt sein werden, bestreiten wird, ist fraglich. Einen guten Namen hat Kalou ohnehin. Das eine oder andere Tor im Saisonfinale würde Hertha helfen – und Kalou bestätigen, dass er nach wie vor voll wettbewerbsfähig ist.

Ondrej Duda

Nach seinem 30-Minuten-Auftritt gegen Freiburg rätselten die Stadionbesucher einmal mehr, was mit dem Slowaken los ist. Auch in seinem mittlerweile zweiten Jahr fremdelt Duda mit der Bundesliga. Acht Spiele bleiben dem 23-Jährigen, um zu belegen, dass er Hertha helfen kann. Ansonsten wird sich der Klub auf dieser Position zwingend im Sommer verstärken müssen.

Pal Dardai

Der Trainer von Hertha kämpfte nach dem elften Saison-Remis wie eine Löwen-Mutter um ihre Jungen, meint hier: für die Mannschaft. „Wenn ihr etwas zu kritisieren habt, kritisiert mich, nicht die Spieler“, sagte Dardai. Ob von den Fans, die im Olympiastadion das eigene Team am Ende auspfiffen, oder von den Medien – der Ungar findet, dass die Leistung der Mannschaft zu wenig gewürdigt wird. „Wieso reden wir nicht darüber, wie toll es ist, dass wir so ein Spiel, wie das gegen Freiburg, nicht ­verlieren?“ Das ist jedoch eine rhetorische Frage. Natürlich nervt es auch den Trainer, dass sich in dieser Saison wiederholt, was die Fans aus den vergangenen beiden Dardai-Jahren kennen: Dass Hertha wenig Chancen herausspielt. Und dass es im dritten Jahr in Folge so aussieht, als ob Hertha in der Rückrunde nicht bestätigen kann, was in der Vorrunde vorgelegt wurde. Über die Rückrunden-Bilanz „rede ich nicht, da noch zwei Monate zu spielen sind“, sagte Dardai. Intern sitzt der Cheftrainer fest im Sattel. Ihm wird hoch angerechnet, dass die Altersstruktur im Kader verjüngt wurde. Dass etwa im Abwehrzentrum junge Spieler stehen wie Niklas Stark (22), Karim Rekik (23) oder Jordan Torunarigha (20). Acht Spiele hat der Coach noch Gelegenheit zu zeigen, dass der beste Hertha-Kader, den Dardai bisher zur Verfügung hat, auch im Frühjahr überzeugen kann.

Die Zuschauer-Resonanz

Zwölf Bundesligisten melden in dieser Saison ein nachlassendes Kunden-Interesse. Am stärksten fällt der Rückgang bei Hertha aus. Der Schnitt im Olympiastadion liegt mit 44.997 Besuchern um mehr als 5000 unter dem des vergangenen Spieljahres (50.267). Mutmaßlich wird er weiter sinken: Mit Ausnahme des letzten Bundesliga-Heimspiels gegen RB Leipzig am 12. Mai werden die anstehenden Gegner VfL Wolfsburg (31. März), 1. FC Köln (14. April) und FC Augsburg (28.) für nur mäßige Resonanz sorgen. Auch wenn es die Beteiligten nicht gern hören: Hertha ist nicht gerade sexy in der Stadt – für die Atmosphäre unter Fans und Mitgliedern wären überzeugende Heimauftritte in den ­verbleibenden vier Partien hilfreich.

Die Stimmung der Fans

Wie bei anderen Bundesligisten auch ist das Verhältnis zwischen der ­Basis und der Klubführung gerade kompliziert. Die Ultra-Gruppe der Harlekins hat die Kommunikation mit der Geschäftsführung (wieder einmal) ein­gestellt. Für den 25. März hat die aktive Fanszene zu einem Treffen geladen. Eingeladen ist „jeder, dem Hertha BSC am Herzen liegt“. Die Kritik richtet sich gegen „den Kurs, den die Geschäftsführung seit nun fast zwei Jahren eingeschlagen hat“. Gemeint ist die Digitalisierung bei Hertha, die in weiten Fan-Kreisen als eskapistisch wahr­­genommen wird. Nachdem es im Stadion schon häufiger kritische Banner zu diesem Thema gegeben hat, kursieren neuerdings in der Stadt Aufkleber „Mehr Stadion - weniger Internet“. Die Mannschaft kann mit einem ordentlichen Saison­finale den Hertha-Geschäftsführern Michael Preetz und Ingo Schiller helfen. Weil sich komplizierte Themen wie Spieltagsansetzungen (Stichwort Montagabend), die 50+1-Regel oder die Digitalisierung - natürlich muss Hertha mit Blick auf die Zukunft in diesem Bereich aktiv sein – besser in einem ruhigen Rahmen diskutieren lassen, in einem ohne sportliche Sorgen. Wie bereits die emotionale Diskussion im vergangenen Jahr um die künftige Spielstätte (mit der Ablehnung eines Standorts in Brandenburg) ­gezeigt hat: Wohin auch immer Hertha sich entwickeln will, die ­Verantwortlichen sind gut beraten, die Basis mitzunehmen.

Neuer Brustsponsor

Dass Hertha noch längst nicht als Premium-Klub wahrgenommen wird, zeigt sich auch im wirtschaftlichen Bereich. Nach drei Jahren läuft zum 30. Juni der Vertrag von Wettanbieter bet-at-home als Hauptsponsor aus. Auch wenn das Online-Unternehmen mit Firmensitzen in Düsseldorf, Linz/Österreich und Malta gern weitermachen wollte, wird es einen Wechsel geben. Die Spatzen pfeifen es von den Hertha-Dächern: Neuer Brustsponsor wird der bisherige Ärmel-Sponsor Tedi. Die gute Nachricht für Herthas Finanzchef Schiller: Der neue Vertrag soll noch einmal höher dotiert sein als der bisher schon ordentliche ­Kontrakt mit dem Wettanbieter. Der hat Hertha dem Vernehmen nach pro Saison sechs Millionen Euro garantiert. Ohne nun einem der Unternehmen zu nahe ­treten zu wollen – Glamour sieht anders aus. ­Anders gesagt: Bei Hertha ist noch Luft nach oben.

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