Hertha

Karim Rekik sollte Superstar Carlos Tevez umhauen

Der Holländer spricht im Interview über seine Entwicklung bei Hertha, die Qualität der Liga und über ein Trainingsspiel mit Tevez.

Für Karim Rekik zahlte Hertha überschaubare 2,5 Millionen Euro Ablöse. Der Holländer wurde auf Anhieb zur festen Größe im Team

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Foto: Gladys Chai von der Laage / picture alliance / Gladys Chai v

Berlin. Karim Rekik wirkt abgekämpft. 90 Minuten hat Herthas Sommerzugang im Training Vollgas gegeben, doch während des Interviews, das nun folgt, sind seine Augen plötzlich wieder hellwach. Für einen 23-Jährigen wirkt Herthas Sommerzugang erstaunlich routiniert. Vor dem heutigen Heimspiel gegen Freiburg (15.30 Uhr, Sky) erzählt der Holländer, wie er der wurde, der er heute ist – und warum eine Lektion von Carlos Tevez die vielleicht wichtigste seiner Karriere war.

Herr Rekik, wie fühlt es sich an, der Beste zu sein?

Karim Rekik: Der Beste? Wie meinen Sie das (lacht)?

Pal Dardai hat vergangene Woche gesagt, Sie seien Herthas bester Verteidiger. Wie nehmen Sie solch ein Lob vom Trainer auf?

Das ist schön zu hören. Wirklich, darüber freue ich mich sehr, aber es verändert mich nicht. Und nichts daran, wie ich in die Spiele gehe, wie ich mich konzentriere oder wie ich versuche, mein Bestes zu geben. Da geht’s immer wieder bei Null los. Der Trainer und ich, wir haben eine großartige Beziehung, wir sprechen viel miteinander. Er versucht mir zu helfen, damit ich mich weiter verbessere.

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Sie benötigten nach Ihrer zehnwöchigen Verletzungspause nur anderthalb Wochen Mannschaftstraining, um gegen Schalke gleich wieder in der Startelf zu stehen. Wie ist so eine schnelle Rückkehr möglich?

Körperlich ist das nicht unbedingt das Problem. Für mich ist das Mentale wichtiger. Wenn der Kopf bereit ist, zieht der Körper mit. Im Kopf fühlte ich mich sehr frisch, ich war sehr fokussiert und wollte unbedingt spielen. Die ersten 15 Minuten waren noch etwas holprig, aber danach kam ich immer besser rein und wurde sicherer. Nach 20 Minuten war ich wieder da.

Wie groß ist die Rolle, die der Kopf beim Fußball spielt?

Fünfzig Prozent. Mindestens.

Sie sind gerade 23 Jahre alt geworden, wirken auf dem Platz und abseits davon aber deutlich älter. Woher kommt diese Reife?

Ich musste sehr früh und sehr schnell erwachsen werden. Als ich 16 war, bin ich von Feyenoord Rotterdam zu Manchester City gewechselt. Als das Angebot kam, war es wie im Traum, aber trotzdem eine schwere Entscheidung. Meine Familie hat alles aufgegeben, was wir in Holland hatten. Wir haben lange diskutiert. Sollen wir das wirklich machen? Meine Eltern wollten mit mir kommen, um mich zu unterstützen. Meine Mutter hat dafür ihren Job als Grundschuldirektorin hingeschmissen.

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Hat Ihnen die Familie sehr bei der Eingewöhnung geholfen?

Natürlich, aber auch für sie war alles neu. Neues Land, neue Kultur, neue Mitspieler für mich. Das ist an sich schon eine große Herausforderung – und ich war noch ein Kind. Gut, dass ich gar keine Zeit zum Nachdenken hatte. Zwei Tage nach meiner Ankunft trainierte ich mit dem zweiten Team. Da kam Cheftrainer Roberto Mancini und sagte: „Du fährst morgen mit uns ins Vorbereitungscamp.“

Was haben Sie in diesem Moment gedacht?

Gar nichts. Ich war komplett überwältigt. Kurz vor meiner Abreise nach England hatte ich in Rotterdam mit diesen Jungs noch auf der Playstation gespielt und plötzlich saß ich mit ihnen in der Umkleide. Sergio Aguero, Yaya Toure, David Silva, Carlos Tevez – alles Weltstars und ich, der 16-jährige Junge mittendrin. Ich hatte einen Heidenrespekt.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre ersten Trainingseinheiten mit diesen Weltklasse-Fußballern?

Alles ging unglaublich schnell. Der Ball lief schneller und sicherer, als ich es je zuvor gesehen hatte – wie auf der Playstation eben. Ich kam kaum hinterher. Nur wie gesagt, ich hatte auch viel zu großen Respekt. Dann gab es aber einen Schlüsselmoment.

Erzählen Sie uns davon.

Einmal setzte Carlos Tevez während eines Trainingsspiels zum Dribbling an. Darin war er wahnsinnig gut. In solchen Momenten gab es eigentlich nur eine Lösung. Man musste ihn umhauen. Ich lief also hinter ihm her und dachte die ganze Zeit: „Man, das ist Carlos Tevez, der größte von allen Stars hier, der verdient so viel Geld, der ist so wichtig für das Team. Den kannst du nicht einfach umhauen. Schon gar nicht von hinten. Vielleicht verletzt er sich und dann bist du der, der ihn kaputt getreten hat.“

Was passierte dann?

Tevez hat natürlich getroffen und ich erntete böse Blicke meiner Mitspieler. Sie fragten mich, warum ich ihn nicht gefoult hätte und ich antworte, weil es Carlos Tevez ist. Nach dem Training kam Tevez zu mir und sagte: „Junge, du hättest mich umhauen müssen. Namen zählen hier nicht.“ Da hatte ich verstanden. Nach zwei, drei Monaten hatte ich mich an das Niveau gewöhnt.

Bei Citys Weltauswahl blieb Ihnen der Durchbruch trotzdem verwehrt. Sie wurden mehrfach verliehen – nach Portsmouth, Blackburn und Eindhoven. Sicher kein angenehmes Gefühl, nirgendwo richtig ankommen zu dürfen.

Das meinte ich damit, dass ich schnell erwachsen werden musste. Wieder andere Städte, wieder andere Mitspieler. In Portsmouth kam ich als Junge in eine Mannschaft voller Männer. Alle um die 29, 30 Jahre alt. Glauben Sie nur nicht, dass die darüber erfreut waren, dass da eine Junge kommt, der ihnen den Platz streitig machen will. Das will niemand und das ließen sie mich auch spüren. Es ging ja um ihre Arbeitsplätze. Eine lehrreiche, aber auch schwere Zeit.

Bei Hertha haben Sie vom ersten Tag an funktioniert und eine starke Hinrunde gespielt. Benötigen Sie überhaupt keine Eingewöhnungszeit mehr?

Mental haben mich die Erfahrungen stark gemacht. Ich weiß, was ich kann und vertraue meinen Fähigkeiten. Das Drumherum kann ich gut ausblenden, das interessiert mich nicht. Ich geh’ auf den Platz und versuche, mich nur auf meine Leistung zu fokussieren.

Ihre Karriere war bisher von Höhen und Tiefen geprägt. Erleben Sie bei Hertha gerade die beste Zeit Ihrer Karriere?

Ich fühle mich jedenfalls sehr wohl. In Eindhoven hatte ich auch eine überragende Zeit, die von einer Meisterschaft gekrönt war. Aber bei Hertha habe ich den Sprung zurück ins Nationalteam geschafft und kann mich regelmäßig auf höchstem Niveau messen. Die Bundesliga ist wirklich eine aufregende Liga.

Ihre Wahrnehmung steht im Kontrast zur Qualitätsdebatte, die derzeit in der Bundesliga geführt wird. Sie haben in vier europäischen Ligen gespielt. Wie schätzen Sie das Niveau ein?

Die Bundesliga ist eine absolute Spitzenliga. Als ich in Frankreich war, hat mir mein Freund Jeffrey Bruma (einst beim HSV, heute in Wolfsburg, Anm. d. Red.) immer vom Fußball und Leben in Deutschland vorgeschwärmt. Die Stadien sind voll und der Wettbewerb ist eng umkämpft.

Mit Ausnahme der Meisterschaft.

Okay, die Bayern sind mit weitem Abstand die beste Mannschaft. Aber ist das in Spanien anders? Dort gibt es eigentlich auch nur zwei Teams, die dominieren. Wenn Barcelona gegen den Zehnten spielt, weiß jeder, wie es ausgeht. Hier ist der Wettkampf extrem ausgeglichen. Du musst an jedem Wochenende ans Limit gehen.

Hertha steckt in diesem ausgeglichenen Feld mittendrin. Gegen Freiburg muss gewonnen werden, um nicht in den Abstiegskampf zu rutschen. Anderseits ist mit einem Sieg der Kontakt zu den internationalen Plätzen wieder hergestellt. Worauf konzentriert man sich da als Spieler?

Das Beste ist, nicht an die Tabelle zu denken oder zu rechnen. Das kostet nur Konzentration und mentale Kraft. Wichtig ist für uns nur, die nächsten Spiele erfolgreich zu bestreiten. Dann ist für uns noch einiges drin.

Defensiv steht Hertha gut, aber vorn fehlen die Tore. Verzweifeln Sie manchmal, wenn Sie das von hinten sehen?

Fußball muss im Zusammenhang betrachtet werden. Dass wir hinten sicher stehen, hängt auch mit der guten Defensivarbeit der Stürmer zusammen. Dass wir nicht genügend Tore schießen, liegt an allen, auch an uns Verteidigern. Gegen Schalke hätte ich treffen müssen. Habe ich aber nicht und am Ende stand die Null. Ich weiß aber, dass bald wieder bessere Zeiten kommen.

Nach besseren Zeiten sehnen sich auch die Fans in Holland. Wir werden sie den Sommer nach der verpassten WM-Qualifikation verbringen?

Das schmerzt natürlich, aber ich werde die WM trotzdem verfolgen. Neben den Niederlanden habe ich eine zweite Lieblingsmannschaft. Mein Vater ist Tunesier, und Tunesien hat es nach Russland geschafft. Ich werde also WM schauen und Tunesien anfeuern.

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