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Von Treue und anderen Lastern

Pal Dardai und Christian Streich treffen sich in Berlin zum Duell der dienstältesten Bundesliga-Trainer. Was ist ihr Geheimnis?

Herthas Chef-Trainer Pal Dardai (l.) und Freiburgs Coach Christian Streich

Herthas Chef-Trainer Pal Dardai (l.) und Freiburgs Coach Christian Streich

Foto: Fotostand / Hahne / picture alliance / Fotostand

Begegnungen mit Prominenten lassen einen oft verdutzt zurück. Schauspieler sind meist kleiner als man sie am Bildschirm eingeschätzt hat, vermeintliche Ekelpakete oft sympathischer als gedacht und Models weniger hübsch als auf ihren hochglänzenden Kampagnenfotos. Zwischen dem Bild, das vor der Kamera entsteht und jenem, das dahinter liegt, befindet sich nicht selten eine Lücke, selbst bei einem so authentisch rüberkommenden Trainer-Unikat wie Freiburgs Christian Streich.

In Streichs Fall fand ich die besagte Lücke vor ein paar Jahren im Graben des Berliner Olympiastadions. Während der Partie gegen Hertha hatte er 90 Minuten in gewohnter Derwisch-Manier an der Seitenlinie gewirkt, hatte gestikuliert, geflucht und gelitten, was mitunter unterhaltsamer anzusehen war als das Spiel an sich. Als er nach Abpfiff die lästige Pflicht vor den TV-Kameras erfüllt hatte, zog sich Streich, bis eben auf 180, in einen versteckten Winkel zurück. Im Graben vor der Ehrentribüne stellte er sich unter eine kleine Betonbrücke, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und rauchte eine Zigarette. Ein überraschendes Bild. Erstens, weil Streich durch seine markigen Reden inzwischen als „gutes Gewissen der Liga“ gilt und man ihm ein solch profanes Laster nicht unbedingt zutraut; vor allem aber, weil rauchende Trainer längst aus der Öffentlichkeit verschwunden sind.

Dort, wo einst die Happels, Lorants und Stepanovics freimütig vor sich hin quarzten, regieren heute zunehmend die Tedescos und Nagelsmänner – dynamische Musterknaben, die auch als Start-up-Gründer durchgehen würden. Streich aber ist anders. Genauso wie Herthas Pal Dardai.

Hobbygärtner versus Gesellschaftskritiker

Am Sonnabend kommt es in Berlin zum direkten Duell dieser beiden Originale, die das dienstälteste Duo der gesamten Bundesliga bilden. Streich (52) ist im beschaulichen Freiburg seit mehr als sechs Jahren im Amt. Dardai (41) im aufgeregten Berlin schon gut drei. Gemessen an der hektischen „Hire and fire“-Mentalität, die den Profifußball durchdrungen hat, ist das eine Ewigkeit.

Auf den ersten Blick wirken die beiden Cheftrainer recht verschieden. Hier Dardai, Herthas Rekordspieler, auch als ungarischer Nationalspieler ein Held, Typ „Fußballer durch und durch“, dort Streich, der als Aktiver zwar in der Zweiten Liga kickte, aber auch Germanistik und Geschichte studierte und eher an einen kauzigen Lehrer erinnert. Während Dardai es genießt, dass sein Leben um seine Familie, Fußball und seinen geliebten Garten kreist, verwandelt Streich seine Pressekonferenzen regelmäßig in Impulsreferate, die bundesweit gefeiert werden. Mit zerzausten Haaren und breitem alemannischen Dialekt redet er sich dann in Rage, warnt vor Fremdenhass, appelliert an Werte wie Respekt und Toleranz, schimpft gegen die skandalheischende Presse oder macht sich für das Schulfach „Medienkompetenz“ stark.

Angebote der Konkurrenz perlen ab

Noch spannender als die Unterschiede finde ich allerdings die Gemeinsamkeiten der Trainer. Beide haben im Nachwuchs gearbeitet. Beide haben ihre Teams im tiefsten Abstiegskampf übernommen und bis in den Europacup geführt. Beide pflegen ihre eigene Sprache – Dardai, weil er ungarisch denkt und bei der Übersetzung bisweilen goldige Formulierungen (er)findet; Streich, weil er Angst hat, dass die Übersetzung ins Hochdeutsche seine Inhalte verdünnen könnte. Beide wirken echt, unverstellt und ehrlich. Beide gestehen ihren Spielern Freiheiten zu, konfrontieren sie aber auch mit schonungsloser Kritik. Der vielleicht wichtigste Punkt ist jedoch ein anderer. Keiner von beiden hegt den Traum, bei einem Topklub zu arbeiten, obwohl es an Angeboten nicht mangelt.

Dardai ist seit 1997 bei Hertha, Streich noch zwei Jahre länger beim SC. Beide haben die Geschichte ihrer Vereine geprägt. Dass sie bei der Konkurrenz anheuern – so wie die meisten ihrer Kollegen – scheint fast undenkbar, weil ihre Klubs nicht nur ihre Arbeitgeber sind, sondern ihr Leben. Eine Einstellung, die selten geworden ist. Darauf, ganz altmodisch, erst mal eine Zigarette.

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