Kolumne

Lokale Spieler sind das wertvollste Gut des Fußballs

Selbst ausgebildete Spieler wie Arne Maier sind für Hertha mehr als günstige Profis, sie sind das Bindeglied zur Stadt

Arne Maier (M.) verlängerte gerade seinen Vertrag bei Hertha bis 2022.

Arne Maier (M.) verlängerte gerade seinen Vertrag bei Hertha bis 2022.

Foto: PA / BM

Berlin. Es gab eine Zeit, da fuhr Arne Maier mit Pal Dardai in den Urlaub nach Ungarn. Nicht die beiden allein, sondern die Familie Dardai mit einigen Freunden des ältesten Sohnes Palko. Maier war dabei. Beide spielten zu jener Zeit zusammen im U15-Team von Hertha BSC. Ihr Trainer dort hieß: Pal Dardai. Es stimmt also, wenn Arne Mauer nach seiner Vertragsverlängerung bei Hertha nun sagt, der Klub sei ein „zweites Zuhause“ für ihn geworden. Dardai ist dort wieder sein Trainer, jetzt allerdings bei den Profis. Aber bei Maier geht das Zuhause-Gefühl weit über die persönliche Beziehung zur Familie Dardai hinaus: Der 19-Jährige, der in Ludwigsfelde aufwuchs, spielt seit er acht war für Hertha. Er ist, was man im zu schönen Bildern neigenden Fußballjargon ein „Eigengewächs“ nennt. Im eigenen Garten gepflanzt und behutsam aufgezogen, bis man die Früchte ernten kann. Dass Hertha diesen talentierten Jungen halten konnte und nicht zusehen musste, wie ein anderer die Trauben der jahrelangen Arbeit pflückt, nun, da sie reif sind, ist für den Verein eine überaus erfreuliche Sache.

Nicht nur, weil damit ein hoch veranlagter Mittelfeldspieler (einer der besten seines Jahrgangs 1999 in Deutschland) Teil des Kaders bleibt. Sondern weil der Klub etwas behalten kann, was als das wertvollste Gut im globalisierten Fußball gelten darf: selbst ausgebildete Spieler. Nennen wir sie lokale Spieler.

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Eigenanbau ist billiger als kaufen

Diese lokalen Spieler wie Maier sind wertvoll, weil sie verhältnismäßig günstig sind. Das klingt paradox, ist aber zu erklären. Hätte Hertha einen Spieler seiner Qualität kaufen müssen, hätte es dafür einen Millionenbetrag bedurft. Transfermarkt.de taxiert den Marktwert von Maier aktuell auf 2,5 Millionen Euro, was als konservative Schätzung gelten darf. Hertha und alle anderen Klubs stecken viel Geld in ihre Nachwuchsakademien. Profis zu produzieren, ist eine Industrie geworden – mit immer teureren Jugendleistungszentren und immer ausgefeilterem Scouting.

Doch verglichen mit dem, was der Markt derzeit für Spieler verlangt (vor allem seit dem Maßstäbe verändernden Transfer von Neymar für 222 Millionen Euro nach Paris), ist der Eigenanbau günstig, wenn es die lokalen Spieler ins Profiteam schaffen. Sollte dann einer von ihnen zu groß für den Klub werden, erweist er sich ebenso als wertvolles Gut: John Brooks, der wie Maier bei Hertha ausgebildet wurde, wechselte letzten Sommer für rund 20 Millionen Euro nach Wolfsburg. Kluge Vereine stecken einen Teil dieser Erlöse wieder in die Aufzucht neuer lokaler Spieler.

Vereine sind immer noch lokale Institutionen

Doch der große Wert jener lokalen Spieler liegt jenseits des Geldes. Er liegt in einer Art Spachtelmasse, die zwischen Verein und Stadt geschmiert wird und so Zusammenhalt erzeugt. Vereine sind, obwohl sie zunehmend nach Internationalisierung schielen, im Herzen lokale Institutionen. Das sieht man bei Hertha auf jeder Mitgliederversammlung und bei jedem Gang ins Olympiastadion. Dort findet man zuallererst Berliner und Randberliner, wenige Zugezogene und fast gar keine Internationalen.

Dem Berliner, der ins Stadion geht, wird das Herz warm, wenn er dort einen von seinen Leuten anfeuern kann. Arne Maier ist ein Berliner. Brooks war einer. Auch Maximilian Mittelstädt und Jordan Torunarigha aus dem aktuellen Kader sind Berliner, obwohl sie nicht alle hier geboren wurden. Sie sind das Bindeglied zwischen Hertha und den Menschen in der Hauptstadt. Mit ihnen können sich die Menschen auf den Rängen und in den Berliner Bierstuben identifizieren, wenn sich sonst schon der Profifußball immer weiter von ihnen und ihrer Lebenswirklichkeit entfernt.

Man könnte einwenden, dass dies eine romantische Sicht ist. Dass der Erfolg eines Vereins immer vor der Herkunft seiner Spieler steht. Das mag sein. Aber was ist, wenn Erfolg und Herkunft zusammenpassen? Wenn Hertha ein guter Bundesligist ist und das mit in Berlin ausgebildeten Spielern? Dann ist das eine gemeinsame Leistung von Verein und Stadt. Und was könnte mehr verbinden als gemeinsamer Erfolg?