Hertha BSC

Marvin Plattenhardt – „Löw hat mir den Rücken gestärkt“

Herthas Nationalspieler spricht im Interview über seinen WM-Traum, die Partie gegen den BVB und das Leben mit zwei Wellensittichen.

Marvin Plattenhardt war für Hertha in der Hinrunde an sieben Treffern durch Standardsituationen beteiligt. Kein Spieler war bei ruhenden Bällen gefährlicher in der Liga

Marvin Plattenhardt war für Hertha in der Hinrunde an sieben Treffern durch Standardsituationen beteiligt. Kein Spieler war bei ruhenden Bällen gefährlicher in der Liga

Foto: Peter Böhmer / picture alliance / Peter Böhmer

Berlin.  Draußen ist es schon dunkel, Marvin Plattenhardt (25) schaut auf die Uhr. Er muss nach Hause, seine beiden Wellensittiche haben bestimmt schon Hunger, sagt er. Zuvor spricht er mit der Morgenpost über die Partie gegen Borussia Dortmund an diesem Freitag (20.30 Uhr/Eurosportplayer), die Nationalmannschaft, Laufduelle mit Kylian Mbappé und 2018 als das wohl wichtigste Jahr seiner Karriere.

Herr Plattenhardt, seit wann wohnen zwei Wellensittiche bei Ihnen als Untermieter?

Marvin Plattenhardt Ich habe sie mir vor ein paar Monaten angeschafft. Die zwei warten immer auf mich und machen ordentlich Stimmung im Wohnzimmer. Einer ist hellblau gefiedert, der andere lilablau.

Sind Sie ein naturverbundener Mensch?

Ja, ich mag Tiere, und ich mag es, draußen an der frischen Luft zu sein. Ich komme aus der Nähe der Schwäbischen Alb, aus einer ländlichen Region, wo man viel im Freien unternehmen kann. Ich brauche das zum Abschalten, weil ich nicht der Typ bin, der alles liest und schaut, was es für Nachrichten beim Fußball gibt. Bundesliga schaue ich, klar, aber wie gesagt, nicht immer und ständig. Draußen komme ich am besten auf andere Gedanken.

Berlin muss dann für Sie ein Kulturschock gewesen sein.

Hier gibt es auch viele grüne Ecken und Orte, an denen man sich erholen kann. Ich fahre zum Beispiel gern raus Richtung Süden. In der Gegend um Lichterfelde kann man gut angeln. Da sitze ich dann schon mal mit Julian (Schieber) den ganzen Tag am Wasser und wir schauen, was passiert.

Angeln Sie lieber Raubfische oder Friedfische?

Raubfische.

Weil die Ihnen besser schmecken?

Ich bin gar nicht so der große Fisch­esser. Hin und wieder ist Fisch okay, aber zu meinen Lieblingsgerichten gehört er nicht. Ist vielleicht auch besser so. Ich fange so selten was, da wäre ich schon verhungert. Julian hat eindeutig mehr Erfolg.

Auf dem Fußballfeld lief es 2017 besser. Sie wurden Nationalspieler. War das nach Ihrem schweren Start in Berlin unter Jos Luhukay auch eine Genugtuung für Sie?

Es war sehr schade, dass es damals beim neuen Verein so begonnen hat, aber ich war trotzdem mit mir im Reinen und konnte in den Spiegel schauen. Ich war mir sicher, dass ich nichts verbockt oder schlecht trainiert hatte. Fußball ist hart, er kann ein ekliges Geschäft sein. Ich hatte viel Zeit, mir die Stadt anzuschauen und nachzudenken, wenn ich, statt zu den Auswärtsspielen zu reisen, zu Hause bleiben musste. Letztendlich hat sich aber die harte Arbeit gelohnt. Das zeigt die Berufung zur Nationalmannschaft.

Wie hat Bundestrainer Joachim Löw Ihre bisherigen Auftritte dort eingeschätzt?

Das Feedback war sehr positiv, das Trainerteam hat mir den Rücken gestärkt. Jetzt muss ich in der Rückrunde meine Leistungen bestätigen.

Werden die kommenden Monate bis zur WM die wichtigsten Ihrer Karriere?

Für mich ist das eine riesige Chance. Wenn man die Möglichkeit bekommt, zur WM zu fahren, brennt man darauf, und ich bin da genauso heiß. Ich werde jetzt 26, wer weiß, ob es in vier Jahren wieder die Gelegenheit gibt. Dann bin ich schon 30. Das Ziel habe ich vor Augen. Aber ich mache mir jetzt auch keinen Druck.

In der Nationalelf sollen die Außenverteidiger sehr offensiv spielen, bei Hertha ist zuerst Sicherheit gefordert. Wie schwer fällt Ihnen diese Umstellung?

Am Anfang war es schon etwas schwierig, aber inzwischen klappt es ganz gut, denke ich. Das sind zwei ganz andere Philosophien, das kann man gar nicht vergleichen. Bei der Nationalmannschaft spielen wir fast über 90 Minuten mit einer Dreierkette. Oft lässt sich ein Sechser zurückfallen, um den Spielaufbau zu übernehmen. Ich muss dann extrem hoch schieben und mich fast wie ein Außenstürmer positionieren. Ich habe das gut hinbekommen, aber das ist schon ein Unterschied für mich im Vergleich zum Spiel bei Hertha.

Sie haben zuletzt gegen Frankreich gespielt. Wie unterscheidet sich das Niveau bei der Nationalmannschaft im Vergleich zu einem normalen Bundesligaspiel?

Das ist schon noch mal höher. Alles geht noch mal schneller, da ist viel Dynamik drin. Da musst du immer wach sein und kannst dir keine Fehler leisten. Wenn so ein Mbappé an dir vorbeizieht, ist es meist zu spät.

Ist er wirklich so schnell?

Er ist brutal schnell. Ich habe beim Länderspiel in Köln auch das erste Mal gegen ihn gespielt, das war schon eine Erfahrung.

Wie sehr hilft in solchen Situationen Ihr gutes Stellungsspiel?

Ich esse jeden Morgen Karotten, um meinen Blick zu schärfen. Nein, im Ernst, Stellungsspiel gehört dazu, das habe ich mir die letzten Jahre auch gut angeeignet. Ich habe jetzt über hundertfünfzig Bundesligaspiele, da gewinnt man automatisch an Erfahrung, wie man sich gegen solche Spieler verhält. Von dem her esse ich morgens noch mehr Karotten. (lacht)

Als Ihre größten Konkurrenten links in der Abwehr gelten Augsburgs Philipp Max und Leipzigs Marcel Halstenberg. Max ist 20 Kilometer mehr gelaufen als Sie.

Ich schaue schon manchmal, welche Laufleistung ich abgeliefert habe, aber ansonsten bin ich nicht so der große Statistikliebhaber. Laufen gehört als Außenverteidiger immer dazu. Ich weiß selbst, dass ich da noch zulegen kann, das ist ganz klar. Da rede ich auch mit dem Trainer drüber und sehe schon noch Potenzial nach oben bei mir, vor allem, was die offensiven Läufe angeht.

Dafür haben Sie die mit Abstand beste Passquote von allen dreien und treten die gefährlichsten Standards.

Jeder Spieler hat seine Qualitäten. Ich freue mich, dass ich schon so viele Torvorlagen geleistet habe, aber das ist noch nicht mein Limit. Bei der Nationalmannschaft möchte ich mich auch so einbringen, also so oft es geht, an einem Tor oder einer Torvorlage beteiligt sein. Was die anderen Statistiken angeht: Da habe ich noch ein paar Monate Zeit, um sie zu verbessern.

Ist es auf Dauer schwer, bei einem Verein wie Hertha Nationalspieler zu bleiben?

Berlin ist im Kommen. Jedes Jahr ist in der Bundesliga einiges los, das Leistungsniveau ist so dicht, jeder kann jeden schlagen, und kaum ein Klub kann sicher planen, dass er international dabei ist. Am Ende kommt es auf meine Leistung und Spielweise an. Wenn die dem Bundestrainer gefällt, ist es egal, ob ich mit dem Verein auf Platz elf stehe oder vorn lande.

Das Spiel gegen Dortmund ist für Sie auch die Möglichkeit, internationales Niveau nachzuweisen. Macht das das Spiel für Sie gleich noch interessanter?

Dortmund ist ein Topteam in der Bundesliga, da ist jeder automatisch motiviert. Sie haben sehr viele gute Spieler, gerade auf den Außenbahnen.

Vergangene Saison haben Sie per Freistoß den Siegtreffer gegen Dortmund erzielt. Das schönste Tor Ihrer Karriere bisher?

Bis jetzt habe ich nur Freistoßtore geschossen, da ist es schwer, eines herauszunehmen. Aber es war enorm wichtig, das stimmt schon, weil wir dadurch die Punkte hierbehalten haben. Das wollen wir auch dieses Mal.

Von Experten heißt es, dass es noch viel Potenzial bei der Optimierung von Standardsituationen gibt. Hertha ist in dieser Hinsicht sehr erfolgreich, was stark mit Ihnen zusammenhängt. Wie oft trainieren Sie Ecken oder Freistöße?

Ich schnappe mir schon noch regelmäßig Bälle. Das muss auch sein. Früher in der Jugend habe ich damit angefangen, jetzt bei dem kalten Wetter macht man vielleicht ein bisschen weniger. Wenn es wieder besser wird, sieht man mich auch wieder öfter draußen.

Welcher Torwart erklärt sich freiwillig bereit, nach Trainingsschluss noch mit Ihnen auf dem Platz zu bleiben?

Ich nehme mir immer eine Plastikmauer, das habe ich früher schon so gemacht. Einen Torwart brauche ich nicht.

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