Kolumne Immer Hertha

Hertha zockt mit eSport-Akademie auf die Zukunft

Hertha BSC will künftig auch Computerspieler zu Profis machen. Das mag irritieren, hat aber plausible Gründe.

Im November haben sich eSportler im eSport-Bund Deutschland (ESBD) zusammengeschlossen

Im November haben sich eSportler im eSport-Bund Deutschland (ESBD) zusammengeschlossen

Foto: JEAN-CHRISTOPHE BOTT / picture alliance/KEYSTONE

Gute Nachrichten für alle frustrierten Fußball-Eltern: Vielleicht wird’s doch noch etwas mit der großen Karriere bei Hertha BSC, selbst dann, wenn sich Ihr geliebter Nachwuchs am Wochenende mal wieder selbst ausgedribbelt hat. Glauben Sie mir, ich kann Ihr Klagen förmlich hören. „Würde der Bengel nur halb so viel Zeit auf dem Bolzplatz verbringen wie vor seiner Daddelkiste …“. Doch genau da liegt der Irrtum.

Wie Hertha am Mittwoch bekannt gab, will der Klub künftig auch auf virtuelle Kicker setzen, auf Spieler also, deren großes Talent nicht in den Füßen, sondern den Daumen steckt – junge Gamer, die die Fußballsimulation „Fifa“ so virtuos beherrschen wie Lionel Messi den Tanz mit dem Ball. Die vollmundige Ankündigung: Als erster Bundesligist werde man eine eigene eSport-Akademie gründen, in der „besondere eSport-Talente aus der Region gefördert und ausgebildet werden sollen“. Erste Scouting-Events sind für das Frühjahr 2018 geplant – in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Teilnehmen können „Fifa“-Spieler zwischen zwölf und 18 Jahren. Den vielversprechendsten „zwei bis vier“ winkt ein Platz in der Akademie – und dort die „Ausbildung zum eSport-Profi“.

Schon jetzt 70 Millionen Euro Umsatz pro Jahr

Computerspielen als (Leistungs-)Sport? Geldverdienen durch Gaming? Zugegeben, eine gewisse Skepsis scheint angebracht bei diesem Thema. Unbestritten ist allerdings das immense Potenzial der eSport-Branche. Blickt man auf die aktuellen Kennzahlen, wird einem vor lauter Wachstum fast schwindelig. Die Beratungsgesellschaft „Deloitte“ geht davon aus, dass sich eSport weltweit zu einem Milliardengeschäft entwickelt – auch in Deutschland. Hierzulande wurden 2016 rund 50 Millionen Euro mit eSport umgesetzt. In diesem Jahr sollen es bereits 70 Millionen Euro sein.

Das Interesse an eSport ist gewaltig. Als vor zwei Jahren eine eSport-WM in Berlin stattfand, waren die 13.000 Tickets für die Mercedes-Benz Arena in wenigen Minuten vergriffen. Wer nicht live dabei sein konnte, verfolgte die Veranstaltung im Internet, insgesamt wurden weltweit 36 Millionen Zuschauer gezählt. Eine Popularität, die sich wirtschaftlich niederschlägt: Die Preisgelder auf den größten Events haben die Millionen-Marke hinter sich gelassen, die Strukturen gleichen sich immer stärker denen des traditionellen Sports an. Längst engagieren sich branchenfremde Sponsoren im eSport, vom Autobauer bis zur Modemarke.

Nun also schwenkt auch Hertha auf den neuen Markt ein. Vorreiter sind die Berliner dabei allerdings nicht. Der VfL Wolfsburg investiert bereits seit zwei Jahren in den eSport, Liga-Konkurrenten wie Schalke, Leipzig, Stuttgart oder Leverkusen zogen nach. Die eSport-Teams der Klubs trainieren seither ähnlich professionell wie ihre prominenten Kollegen auf dem Platz. Bis zu fünf Stunden am Tag, mit Coaches und Managern, Ernährungsplänen, Fitnessprogramm und Physiotherapeuten. Auch Hertha hat als Cheftrainer einen erfahrenen eSportler verpflichtet, der auf den gewöhnungsbedürftigen Namen „Stylo“ hört, aber zu den Besten seiner Zunft zählt.

„Fifa“-Bundesliga als Zukunftsszenario

Dass immer mehr Bundesligisten eine Zukunft im Zocken sehen, kommt nicht von ungefähr. Eine eSport-Sparte spricht eine völlig neue Zielgruppe an, verspricht also frische Einnahmequellen. Die neue Fan-Klientel auch für das Kerngeschäft Fußball zu begeistern, ist dabei nebensächlich. Eher muss man die eSport-Abteilung wie eine klubeigene Basketball- oder Handballsparte begreifen, nur deutlich lukrativer. Schalke verdiente bereits nach eineinhalb Jahren Geld mit dem neuen Projekt, viel schneller als erwartet. Laut Klub-Angaben bewegt sich das Investitionsvolumen bald im siebenstelligen Bereich.

Experten gehen davon aus, dass es über kurz oder lang eine „Fifa“-Liga mit Beteiligung aller 18 Bundesligisten geben wird – als virtuelles Pendant zu den echten Kickern. Ein Szenario, das vielleicht Hoffnung macht. Ob Sie Ihrem Nachwuchs zu Weihnachten einen neuen Fußball oder ein neues Computerspiel schenken, überlasse ich Ihnen.

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