Herthas Gegner

Marcel Halstenberg – „Ich habe selbst nicht daran geglaubt“

Vor dem Spiel gegen Hertha spricht Leipzigs Nationalspieler über seine kuriose Karriere und Hellseher-Fähigkeiten von Ralf Rangnick.

Marcel Halstenberg kam über Hannover, Dortmund und St. Pauli 2015 zu RB Leipzig. Dort wurde er mit 26 Jahren Nationalspieler

Marcel Halstenberg kam über Hannover, Dortmund und St. Pauli 2015 zu RB Leipzig. Dort wurde er mit 26 Jahren Nationalspieler

Foto: dpa Picture-Alliance / Pressefoto ULMER/Markus Ulmer / picture alliance / Pressefoto UL

Leipzig.  Marcel Halstenberg ist doch ein bisschen nervös beim Interview im Leipziger Trainingszentrum. Normalität ist die gestiegene Aufmerksamkeit für ihn noch nicht. Im November debütierte der Linksverteidiger von RB Leipzig im Londoner Wembley-Stadion gegen England in der deutschen Nationalelf. Mit 26 Jahren. Halstenberg ist ein Spätentwickler, darf man sagen. Er arbeitete sich durch die Niederungen des deutschen Fußballs nach oben: von der Regionalliga bis in die Champions League. Halstenberg ist einer der Aufsteiger des Jahres und der Konkurrent von Herthas Marvin Plattenhardt um einen Platz bei der WM. Vor dem Aufeinandertreffen beider am Sonntag in Leipzig (18 Uhr/Sky) spricht der Nationalspieler über seine eigentlich unmögliche Karriere und Starthilfe von Klopps Trauzeugen.

Herr Halstenberg, es scheint das Jahr Ihrer Premieren zu sein. Sie machten 2017 ihr erstes Länderspiel, ihr erstes Champions-League-Spiel und am Dienstag auch noch ihr erstes Bundesligator gegen Wolfsburg.

Marcel Halstenberg: Manchmal kann ich das selbst kaum glauben. Die letzten zweieinhalb Jahre mit RB Leipzig ging es steil bergauf. Dass es so schnell für mich nach oben gehen würde, hätte ich nicht erwartet. Ralf Rangnick hat mir damals gesagt, wie er sich den Weg vorstellt: Dass wir aufsteigen wollen, irgendwann im Optimalfall die Champions League möglich ist, und dass ich es in die Nationalmannschaft schaffen kann.

Moment, Rangnick hat Ihnen 2015, als er Sie vom Zweitligisten St. Pauli verpflichtete, bereits prophezeit, dass Sie Nationalspieler werden?

Ja. Das hat er damals bereits in mir gesehen.

Und, haben Sie ihm geglaubt? Sie hatten schließlich kein U-Länderspiel bestritten.

Ehrlich gesagt nicht so richtig. Das kam mir schon noch sehr weit weg vor. Ich wollte so schnell wie möglich in die Bundesliga. Und ich träumte irgendwie auch von der Nationalelf. Aber ich habe damals selbst noch nicht daran geglaubt.

Schaut man sich Ihre Karriere an, stellt sich die Frage: Hat man Sie früher übersehen, oder wurden Sie erst spät sichtbar?

Ich war ganz klar ein Spätstarter. Als ich noch in der Jugend von Hannover 96 spielte, war ich wirklich kein grandioser Abwehrspieler. Damals war ich noch Innenverteidiger. Aber ich war einfach noch nicht so weit. Erst mit dem langsamen Aufstieg von der Regionalliga in die 3. Liga bei der U23 von Borussia Dortmund bis in die Zweite Liga mit St. Pauli und schließlich in die Bundesliga mit RB bin ich gereift und zu dem Spieler geworden, der ich heute bin. Mit jedem Schritt bin ich etwas besser geworden.

So eine Karriere ist im modernen Fußball ziemlich unüblich. Wer es mit 20 oder 21 noch nicht geschafft hat, der wird es meist auch nicht mehr packen. Sie aber debütierten erst mit fast 25 in der Bundesliga.

Ich habe einfach nie wirklich aufgegeben und an mich geglaubt. Das Schlimmste für einen jungen Spieler ist, wenn er irgendwann an sich zweifelt. Das hatte ich in Momenten auch mal, aber ich habe mich dann immer wieder aus diesem Loch rausgearbeitet. Die Bundesliga als Ziel habe ich nie aus den Augen verloren.

Ihr älterer Bruder Benjamin spielte einst mit Per Mertesacker zusammen im Nachwuchs von Hannover 96. Aber er hat es dann nie über den Amateurbereich hinaus geschafft. Konnten Sie davon lernen?

Er war mit 18 schon bei den Profis und ein ganz ähnlicher Spieler wie ich. Dann hat er sich an der Schulter verletzt und saß später in Hannovers U23 auf der Bank. Weil er vorher immer Stammspieler war, konnte er damit nicht so gut umgehen. Er wollte dann unbedingt spielen und ist eine Liga tiefer gewechselt. Dort hat er zwar gespielt, aber nie wieder so richtig seine Leistung von früher gefunden. Er hat mal zu mir gesagt, dass das ein Fehler gewesen sei. Dass man Geduld haben muss, um nach oben zu kommen. Das habe ich mir zu Herzen genommen. Und das hat mir in meiner Karriere geholfen. Man muss im Fußball aber auch das Glück haben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Bei Ihnen war das offenbar so. Es heißt, dass Jürgen Klopps Trauzeuge David Wagner, der heute in England Trainer ist, Sie erst zum Außenverteidiger umgeschult hat.

Das stimmt. David war damals Trainer der U23 von Borussia Dortmund und wollte mich unbedingt verpflichten. Zunächst war ich bei Ihm auch Innenverteidiger. Aber er hat dann zu mir gesagt: Wenn du wirklich nach oben willst, müssen wir dich außen einsetzen. Er fand damals, dass ich gut in der Vorwärtsbewegung war. Dann hat er mich dort einfach mal aufgestellt. Obwohl ich das am Anfang gar nicht so gut fand.

Wieso?

Ich dachte, als Außenverteidiger muss man viel mehr laufen. (lacht) Nach vier Spielen wollte David mich dann wieder innen aufstellen, aber ich habe ihn gebeten: Lass mich weiter außen spielen! David hat mich also erst auf den richtigen Weg gebracht.

Wären Sie ohne diese Umschulung heute Bundesligaspieler oder gar Nationalspieler?

Das glaube ich nicht. Aber vielleicht hätte ich als Innenverteidiger auch meine Karriere gemacht. Linksfüße mit einem guten Aufbauspiel gibt es in der Regel auch nicht so viele.

Außenverteidiger spielen heute oft sehr offensiv. Kommt es Ihnen da zugute, dass Sie in der Jugend als Stürmer angefangen haben?

Ja, ich denke schon. Aber dieses Verrücken von ganz vorn nach ganz hinten ist heute ja gar nicht so unüblich. Ich habe in Dortmund mit Erik Durm zusammen gespielt. Der war damals bei uns in der U23 Mittelstürmer. Erst unter Jürgen Klopp wurde er zum Linksverteidiger und war schließlich 2014 bei der WM dabei.

Und dann gibt es noch Jonas Hector – der bei Löw erste Wahl als Linksverteidiger ist. Haben Sie sich mal mit seiner Vita beschäftigt?

Ja. Und ich habe festgestellt, dass sie ganz ähnlich ist wie meine. Auch er war ein Spätstarter und hatte nie ein U-Länderspiel gemacht. Auch er war früher Offensivspieler und wurde zum Linksverteidiger umgeschult.

Und auch er brauchte einen Trainer, der sein Talent hinten links erkennt. Bei ihm war es in Köln Holger Stanislawski.

In Deutschland gibt es offenbar Bedarf an Linksverteidigern. Das hat dann solche Karrieren wie seine und meine ermöglicht.

Am Sonntag treffen Sie mit RB auf Hertha. Dort spielt Marvin Plattenhardt hinten links – ihr Konkurrent um das WM-Ticket. Auch zu Ihm gibt es eine Ähnlichkeit: Sie beide sind ziemlich gute Freistoßschützen.

Ich denke, da ist Marvin mir noch etwas voraus. Er hat ja schon das ein oder andere Ding reingemacht. Ich finde, er hat einen sehr feinen linken Fuß – er gibt viele Vorlagen und trifft auch selbst. Wir verstehen uns gut. Wir haben uns beim Länderspiel zum ersten Mal richtig kennengelernt. Er ist ein lustiger Typ.

Denkt man da nicht kompetitiver, wenn man weiß: Nur einer von beiden kann wahrscheinlich zur WM fahren?

Als Profi muss man definitiv mit Konkurrenzkampf umgehen können. Das hat ja nichts mit Marvin zutun. Man muss sich da locker machen. Jeder versucht, seine Leistung zu bringen und sich durchzusetzen. Aber das verkompliziert das Verhältnis nicht.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, bei der WM dabei zu sein?

Es war toll, dass ich mein Debüt in der Nationalelf geben durfte. Das war ein schöner Moment. Und jetzt versuche ich, mich wieder anzubieten, um vielleicht tatsächlich bei der WM dabei zu sein. Ich weiß, dass man schnell wieder draußen sein kann. Für mich war die Nationalelf nie ein klar formuliertes Ziel. Es war eher ein Traum. Jetzt habe ich es schon einmal geschafft und würde es gern weiter erleben. Aber wenn nicht, dann geht auch die Welt nicht unter.

Wenn man bei der Nationalelf debütiert, muss man danach doch entweder eine Rede halten oder ein kleines Liedchen singen. Was durften Sie zum Besten geben?

(lacht) Ich habe eine kleine Rede nach dem Spiel gegen England gehalten. Ich war ziemlich nervös, denn ich bin eher schüchtern und in solchen Situationen zurückhaltend. In zehn Sekunden habe ich es über die Bühne gebracht.

Was sagt man da so?

Es war kein Impulsreferat oder so (lacht). Ich habe mich nur dafür bedankt, dass ich dabei sein durfte. Das läuft bei der Nationalelf zum Glück sehr locker.

Was haben Sie mit ihrem ersten DFB-Trikot gemacht?

Mitgenommen. Das bekommt mein Vater. Ich hoffe, er rahmt es sich ein. (grinst)

Wir hatten darüber gesprochen, dass man manchmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein muss. Bis Sommer haben Sie mit Davie Selke bei RB zusammen gespielt. Er wurde hier aber nicht glücklich. Bei Hertha trifft er nun wieder.

Davie war schon bei uns enorm kaltschnäuzig. Er ist in jedem Spiel für ein Tor gut. Das wird sicher auch am Sonntag so sein und wir müssen ihn im Auge behalten. Ich glaube, wir haben im Sturm bei RB einen großen Konkurrenzkampf. Diese Art von Spielertyp hatte es vielleicht nicht ganz so einfach im System des Trainers. Im Moment ist Davie ja wieder sehr erfolgreich. Das freut mich für ihn.

Wie schätzen Sie Hertha ein?

Das ist eine Mannschaft, die sehr schwer zu bespielen ist. Die schlägt man nicht mal eben so. Aber das ist unser letztes Heimspiel des Jahres. Da wollen wir gewinnen und werden auch alles daran setzen.

Zuletzt ist Ihnen das nicht mehr so gut gelungen. Vier Spiele ohne Sieg lautet die Statistik. Das gab es unter Trainer Ralph Hasenhüttl noch nie. Was ist das jetzt bei RB – eine Delle, oder gar eine kleine Krise?

Eine Krise ist das auf gar keinen Fall. Wir wussten, dass es insbesondere auch wegen der Mehrbelastung schwer wird, die tolle erste Bundesligasaison zu bestätigen. Das ist erst unsere zweite Bundesligasaison. Wir sind mit RB weiter auf einem sehr guten Weg.

Man hört, Sie wären fast gar nicht in Leipzig gelandet…

Das stimmt. 2015, als ich noch bei St. Pauli war, hatte ich Angebote aus der ersten Liga. Leipzig war ja noch Zweitligist. Hannover, mein Heimatklub, und Mainz waren sehr interessiert. Ich wäre gern nach Hannover gegangen, da wurde man sich aber nicht einig. Dann dachte ich: Ok, versuchen wir es in Mainz. Aber auch da zog es sich etwas hin. Und dann kam Leipzig. Ich habe mich spontan mit Ralf Rangnick getroffen. Er hat mir die Ziele und den Weg des Klubs skizziert und was er in mir sieht. Danach war für mich klar, dass ich ganz sicher zu RB will.

Und das hat sich dann als eine ganz brauchbare Entscheidung herausgestellt…

Das kann man so sagen. (schmunzelt)