Bundesliga

Hertha-Helden mit Wut im Bauch

Kalou und Jarstein verwandeln ihren Frust in Topleistungen und helfen Hertha so auch abseits des Platzes zurück in die Erfolgsspur.

Da lacht der Torschütze: Salomon Kalou (l.) erzielt durch die Abwehr Hannovers hindurch das 2:0

Da lacht der Torschütze: Salomon Kalou (l.) erzielt durch die Abwehr Hannovers hindurch das 2:0

Foto: Annegret Hilse / dpa

Berlin.  Während Salomon Kalou von einer Traube Journalisten umringt wurde, schritt der zweite Held des Abends schnurstracks Richtung Kabine. Auf Gerede hatte Rune Jarstein nach Herthas 3:1 gegen Hannover keine Lust, und wenn man ehrlich ist, hatte es auch keine Worte mehr gebraucht. Die Taten des Torhüters sprachen schließlich für sich – mit spektakulären Paraden hatte er die Gäste zur Verzweiflung getrieben. „Das war ein Riesenspiel von Rune“, sagte Stürmer Davie Selke, „er hat uns in der Partie gehalten.“ Für Jarstein wird sein starker Auftritt eine Genugtuung gewesen sein. Am Sonntag in Augsburg hatte er noch gepatzt.

Klärendes Männergespräch vor dem Hannover-Spiel

Ein wenig Frust wird den Norweger deshalb begleitet haben, als er Mittwochabend ins Olympiastadion einlief. Ein Merkmal, das den mehrfachen Torverhinderer mit dem zweifachen Torproduzenten Kalou einte. Der Ivorer hatte zwar schon in Augsburg geglänzt, aber eben „nur“ als Joker. Dass er in den drei Spielen zuvor überhaupt nicht zum Einsatz kam, ließ selbst Herthas „Mister Cool“ nicht kalt. „Ärger ist das falsche Wort“, sagte Kalou, aber etwas enttäuscht sei er schon gewesen.

Pal Dardai war das nicht entgangen, fühlte sich aber bestätigt. „Ein bisschen Frust ist immer gut für einen Spieler“, sagte er schmunzelnd, „dadurch hatte er zehn, fünfzehn Prozent mehr an Konzentration, an Wille – vielleicht auch an Hass auf den Trainer.“ Breites Dardai-Grinsen, kleiner Scherz, schon klar. Allzu große Spannungen zwischen dem Coach und seinem größten Star sind jedenfalls nicht zu befürchten. Vor dem Spiel habe es ein klärendes Männergespräch gegeben.

Jarstein durfte nur einmal in der Europa League ran

So wie Kalou (32) hat in dieser Saison auch Jarstein (33) zurückstecken müssen. Um die Belastung für seine Nummer eins zu dosieren, stellte Dardai in der Europa League Thomas Kraft zwischen die Pfosten, zuletzt sogar den jungen Jonathan Klinsmann (20). Lediglich beim 1:2 gegen Lugansk in Lwiw durfte Jarstein auf die europäische Bühne, ansonsten fand das Abenteuer Europacup, auf das er zwei Jahre hingearbeitet hatte, ohne ihn statt. Beklagt hat er sich nie.

Auch Kalou hat nie für Unruhe gesorgt, zumindest nicht nach außen. Keine Selbstverständlichkeit. Wie er sich zuletzt gefühlt haben muss, kann man sich leicht vorstellen – als Champions-League-Sieger auf der Bank, während der 20-jährige Maximilian Mittelstädt den Vorzug bekam. Ex-Profi Dardai litt ein Stück weit mit: „Natürlich will man immer spielen. Wenn ich Spieler wie Salomon draußen lassen muss, kriege ich Magenschmerzen.“

Die Leistungsträger tragen Dardais Jugend-Konzept mit

Weil er Talente wie Mittelstädt gezielt fördern will, nimmt Dardai das Bauchgrummeln in Kauf. Seinen etablierten Leistungsträgern ist er dabei dankbar, weil sie die Entwicklung der Mannschaft mittragen. „Die Arbeit mit jungen Spielern funktioniert nur, wenn die alten sehr professionell sind“, weiß Dardai. So wie Kalou und Jarstein, die mit ihrem Verhalten ein starkes Signal senden: Nicht der Einzelne steht im Vordergrund, sondern die Mannschaft. Eine Mentalität, die es auch in der Rückrunde beizubehalten gilt, wenn sich der Konkurrenzkampf ohne Europacupspiele noch verschärft.

Wie wichtig die Spielzeit für die Talente ist, zeigte sich am Mittwoch erneut. Nach der Verletzung von Innenverteidiger Karim Rekik musste Youngster Jordan Torunarigha (20) ran. In seinem bereits siebten Pflichtspieleinsatz der Saison erzielte er das entscheidende 3:1 – ebenfalls mit Wut im Bauch, weil er zuvor den Freistoß verursacht hatte, der die Partie noch mal spannend machen sollte.

Rekik und Weiser werden den Berlinern in Leipzig fehlen

„Das Tor ist gut für sein Selbstvertrauen“, sagte Kalou, „das wird er in Leipzig brauchen.“ Dort wird neben Rekik (Fußprellung) auch Mitchell Weiser (Sprunggelenksblessur) fehlen. Weil die Berliner mit nun 21 Punkten im Soll sind, wollen sie beim Tabellendritten auch ohne den angriffslustigen Rechtsaußen attackieren. Eine gesunde Portion Wut kann dabei nicht schaden.