Bundesliga

Von Vätern und Söhnen bei Hertha BSC

Herthas Trainer Pal Dardai trauert um seinen Vater Pal Dardai sr., Jürgen Klinsmann redet Sohn Jonathan stark.

Die Hertha-Youngster Jonathan Klinsmann (l.) und Maximilian Mittelstädt

Die Hertha-Youngster Jonathan Klinsmann (l.) und Maximilian Mittelstädt

Foto: nordphoto / Engler / nordphoto

Berlin.  Ob nach Abpfiff am Donnerstag kurz vor Mitternacht oder beim obligatorischen Interviewtermin am Freitagnachmittag: Pal Dardai stellt sich. Blass, aber konzentriert. Es gab nur einen Satz, in dem der Trainer von Hertha BSC durchschimmern ließ, dass diese Pflichtaufgaben eines Trainers vielleicht nicht alles sind im Leben. Als es um die sehr erfreulichen Debüts von Torwart Jonathan Klinsmann und seines Sohnes Palko Dardai in der Europa-League-Partie gegen Östersund (1:1) ging, sagte Pal Dardai: „Für die Jungen ist es wichtig, dieses Jahr zu überleben. Es ist ein schwieriges Jahr. Wenn ich das auch selbst überlebe, dann wird es mit diesen Jungs irgendwann ein richtiger Spaß sein.“

Wenn er das Jahr selbst überlebt – muss Herthas Coaches um seinen Job fürchten? Nein, auch wenn Trainer im deutschen Profifußball gerade Freiwild sind (die Herren Carlo Ancelotti/Bayern, Andries Jonker/Wolfsburg, Alexander Nouri/Bremen, Peter Stöger/Köln, Jens Keller/Union wissen, was gemeint ist) – bei Dardai blitzte eine andere Erkenntnis auf: So toll die Arbeit mit jungen Spielern ist, so gern er Trainer ist – es gibt ein Leben außerhalb des Jobs. In der Nacht war sein Vater im Alter von 66 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in Ungarn verstorben: Pal Dardai senior.

Abschied vom Vater

So schmerzlich die Nachricht war, die Ereignisse kamen nicht überraschend. Die Verantwortlichen bei Hertha unterstützen ihren leitenden Angestellten nach Kräften. Schon vor zehn Tagen weilte Pal Dardai in seiner ­Heimat. Am Dienstag beim Hertha-Training fehlte der sonst nie fehlende Dardai, er verabschiedete sich von ­seinem Vater.

Bei der Partie gegen den schwedischen Pokalsieger dirigierte Dardai sein Team wie sonst auch. Er herzte unmittelbar nach dem Schlusspfiff Jonathan Klinsmann. Der musste vor der Partie von Vater Jürgen beruhigt werden „weil ich so aufgeregt war, mein Debüt zu geben“, erzählte Klinsmann (20).

Elfmeter-Tipps aus der Videoabteilung

Zudem profitierte der Neuling davon, dass die Videoabteilung ihm unmittelbar vor dem Anpfiff einige Elfmeterszenen von Östersund gezeigt hatte. Als es so weit war, drei Minuten vor dem Ende der Europa-League-Partie, erinnerte sich Klinsmann junior: „Die meisten gingen in die linken Ecke.“ Also streckte er seine 1,94 Meter und parierte den von Gäste-Kapitän Brwa Nouri getretenen Strafstoß. Statt einer Niederlage hielt der Youngster das 1:1 für Hertha fest. Maximilian Mittelstädt war erleichtert. ­„Jonathan wird zum nächsten Essen eingeladen“, sagte der Linksverteidiger, der den äußerst umstrittenen Foulelfmeter durch eine minimale Berührung gegen Ken Sema verursacht hatte.

Bei Hertha dreht sich gerade vieles um die Familie. „Der Auftritt von Jonathan war Note eins“, sagte Trainer Dardai. „Es sieht so aus, als ob er ein richtiger Wettkampftyp ist. Wie der Papa, das liegt vielleicht im Blut.“ Gleichzeitig bat er: „Lasst uns wegen des Elfers jetzt keine Klinsmann-Show machen.“ Bei Hertha wissen alle, mit welchen Defiziten der US-Juniorennationalkeeper von der University of California in Berkeley im Sommer nach Berlin gekommen sei. Klinsmann hat sich gut entwickelt, so Dardai, „aber lasst ihn einfach in Ruhe weiterarbeiten“.

Der Vater als Ratgeber

Der Trainer lobte auch seinen Sohn Pal Dardai jr., der sich mit sieben Toren in acht A-Juniorenspielen fürs Profidebüt empfohlen hatte. Im nächsten Atemzug wies Pal Dardai daraufhin, die eigentlich Aufgabe dieser Saison für seinen Filius sei, „dass er das Abitur macht“.

Pal Dardai senior war nicht nur Vater, er war selbst Profi und jahrzehntelang Trainer in Ungarn. Pal Dardai erzählt stets, dass er auf dem Sportplatz und in der Kabine groß geworden sei, weil er immer den Papa begleitet hat. Bis zum Schluss war Dardai senior Ratgeber für seinen Sohn, der seit 2015 Bundesliga-Trainer ist.

Dardai weiß, dass die Lage von Hertha herausfordernd ist: Mit dem Aus in der Europa League ist das zweite Saisonziel, das Überwintern im Europacup, verpasst. Zuvor war der Traum vom Pokalfinale durch die Zweitrunden-Niederlage gegen Köln geplatzt. In der Bundesliga hat sich Hertha mit bisher erst 17 Punkten selbst unter Druck gesetzt für die drei ausstehenden Partien bis Weihnachten: in Augsburg am Sonntag (18 Uhr), daheim gegen Hannover (13.12.) sowie in Leipzig (17.12.). Das Profigeschäft gestattet keine Trauer-Pause. Hertha braucht Punkte. Pal Dardai wird das angehen.