1:2 gegen Frankfurt

Boateng schockt Hertha – Kein Jubel im Kühlschrank

Ausgerechnet Kevin-Prince Boateng besiegelt Herthas Niederlage gegen Frankfurt. Von der einstigen Heimstärke ist nichts mehr zu sehen.

Kevin-Prince Boateng (r.) verklemmt sich aus Respekt vor Hertha die Freude über seinen 2:1-Siegtreffer für Eintracht Frankfurt

Kevin-Prince Boateng (r.) verklemmt sich aus Respekt vor Hertha die Freude über seinen 2:1-Siegtreffer für Eintracht Frankfurt

Foto: Huebner/Voigt / imago/Jan Huebner

Berlin.  Der Mann des Nachmittags verließ den Rasen als Letzter. Jeder TV-Sender wollte eine Schilderung von Kevin-Prince Boateng. So erzählte er ein weiteres Mal in der Interviewzone, dass er gegen Hertha „eines der schlimmsten Spiele meiner Karriere gemacht“ habe. „Eine Vollkatastrophe. Zum Glück funktioniert mein linker Fuß noch.“ Mit dem hatte Boateng nach 80 Minuten zum 2:1 (1:1) für Eintracht Frankfurt getroffen und die Niederlage von Hertha BSC besiegelt.

Nach seinem Tor – der Berliner Mitchell Weiser hatte eine unfreiwillige Vorlage gegeben, als ihm der Ball an den Oberschenkel gesprungen und von dort Boateng vor die Füße gefallen war – hatte der Schütze auf jegliche Freudengesten verzichtet. „Natürlich jubel’ ich hier nicht“, sagte Boateng. „Ich bin hier aufgewachsen und habe einen Riesenrespekt vor Hertha und den Fans.“

Desolate Verteidigung beim ersten Gegentor

Pal Dardai, Trainer von Hertha und als Aktiver Teamkollege des damals jungen Supertalents Boateng, sagte: „Das mit dem Tor war zum Teil Glück, der Ball fällt Kevin genau vor die Füße. Aber dann hat er es gut gemacht.“ Eintracht-Trainer Niko Kovac hatte die Leistung von Boateng besser gesehen als der Spieler. „Das spricht für die Selbstkritik von Kevin“, sagte Kovac. „Aber er hat heute in vielen Situationen das Spiel beruhigt. Er war wichtig.“

Der Treffer von Boateng war das zweite Geschenk, das die Berliner im Schneegestöber des Kühlschranks Olympiastadion verteilten. Schon nach 26 Minuten hatte Hertha die Gäste, die bis dahin desolat aufgetreten waren, zurück ins Spiel geholt. Bei einem Frankfurter Eckball fehlte in der Abwehr der Hausherren jegliche Staffelung. Der Ball wanderte 50 Meter von außen bis mitten vors Berliner Tor. Dort zog Marius Wolf aus 16 Metern unbedrängt ab: 1:1. „Das war ein naiver Fehler, von dem die jungen Spieler lernen müssen“, sagte Trainer Dardai. Hier dürfen sich wohl Arne Maier (18) und Maximilian Mittelstädt (20) angesprochen fühlen, die dort hätten stehen sollen.

Selke trifft nach starker Vorarbeit von Leckie

Die zweite Heimniederlage in Folge haben sich die Berliner selbst zuzuschreiben. Dabei war der Start fulminant: Kapitän Vedad Ibisevic war wieder einmal hellwach und stand nach 42 Sekunden frei vor dem Eintracht-Tor. Doch Torwart Lukas Hradecky lenkte den Ball zur Ecke. Die Hausherren, erneut im 4-4-2-System angetreten, spielten schwungvoll nach vorn. Mathew Leckie ließ mit einer Körpertäuschung zwei Verteidiger ins Leere laufen und passte auf Davie Selke. Der Stürmer schloss mit einem Flachschuss ins linke Eck ab, 1:0 für Hertha (15.).

In dem richtungsweisenden Spiel, das die Verantwortlichen vorab ausgerufen hatten, schien alles für Blau-Weiß zu laufen. Doch mit dem Frankfurter Ausgleich änderte sich das Gleichgewicht. „Der entscheidende Moment war, als Hertha sich hat zurückfallen lassen“, sagte Eintracht-Trainer Kovac.

Joker Lustenberger trifft nur die Latte

Fortan entwickelte sich vor 38.781 Zuschauern jenes Spiel, das vorab befürchtet wurde: Es gab viele, viele Zweikämpfe im Mittelfeld, diverse Freistöße, diverse Gelben Karten – keine der Mannschaften kam in einen Spielfluss. Für Liebhaber von attraktivem Fußball war das Olympiastadion kein passender Ort an diesem ersten Adventssonntag. Doch statt des Remis, das sich abzeichnete, kam es noch schlimmer für Hertha.

Nach dem Boateng-Treffer rannten die Berliner ein bisschen an. Aber außer einem 22-Meter-Schuss des eingewechselten Fabian Lustenberger, der an die Latte klatschte (87.), brachten die Berliner nichts mehr zustande.

Trainer Dardai fordert noch vier Punkte bis Weihnachten

Nationalspieler Marvin Plattenhardt war frustriert: „Jetzt kann ich wieder vier Tage nicht schlafen. Wir haben zu stark nachgelassen. Das darf uns zu Hause nicht passieren.“

Dahin ist das Faustpfand der vergangenen Saison, als Hertha zwölf Heimsiege gelangen. Gegen Frankfurt setzte es die dritte Pleite im Olympiastadion, während die Eintracht die derzeit stärkste Auswärtsmannschaft der Liga (15 Punkte) noch vor den Bayern (13) stellt. Von wegen richtungsweisend – Trainer Dardai weiß, was die Stunde geschlagen hat. Der Blick bei Hertha geht nach unten: „Jetzt haben wir zwei Wochen, aus denen wir vier oder fünf Punkte brauchen. Ziel sind 21 Punkte.“ Derzeit hat Hertha 17. Bevor es zum aktuell starken FC Augsburg geht, steht am Donnerstag in der Europa-League noch die bedeutungslos gewordene Partie gegen Östersund an.