Hertha-Gegner

Die neue Rolle des Kevin-Prince Boateng

Geläutert und gereift kehrt der 30-Jährige mit Frankfurt zurück zu Hertha – auch dank seines Trainers Niko Kovac.

Anführer: Seit Sommer spielt Kevin-Prince Boateng für Frankfurt

Anführer: Seit Sommer spielt Kevin-Prince Boateng für Frankfurt

Foto: Daniel Karmann / dpa

Berlin.  Der Wedding hat es in letzter Zeit zu einiger Berühmtheit in Frankfurt gebracht. Er wird als Grund aufgeführt, warum die Dinge funktionieren. Niko Kovac erzählt dann gern von seinem Berliner Kiez, der ja sonst eher als Problemfall in der Restrepublik wahrgenommen wird. Der Trainer von Eintracht Frankfurt erinnert daran, dass er deshalb mit seinem Starspieler gut zurechtkomme, weil sie beide im Wedding aufgewachsen seien – fast in derselben Straße. „Ich weiß, was für ein Typ er ist“, sagt Kovac über Kevin-Prince Boateng.

Boateng und der Wedding, das ist ein gemischtes Doppel. Auch dem mittlerweile 30-Jährigen haftet in der Restrepublik das Image des Problemfalls an. Aber zumindest im Umfeld der Eintracht verflüchtigt es sich gerade – und das hat maßgeblich mit Kovac zu tun. „Er hat mich sofort verstanden und weiß, wie er mich führen muss“, sagte Boateng neulich dem „Kicker“. Am Sonntag treffen Boateng und Kovac mit Frankfurt im Olympiastadion auf Hertha BSC (15.30 Uhr, Sky und Liveticker bei immerhertha.de). Hier haben beide ab 2005 zusammen gespielt und nebeneinander in der Kabine gesessen – Kovac am Ende seiner Spielerkarriere, Boateng am Anfang. Nun kehrt Kovac als Trainer zurück und Boateng in einer Rolle – die man so noch nicht kannte.

Ein Leben mit dem Stoff für viele

Die Geschichte des Kevin-Prince Boateng ist eine, die den Stoff für eine veritable Netflixserie liefern würde – über Aufstieg und Fall eines Mannes, der früh reich an Talent war, dessen Charakter aber auch dafür sorgte, dass er zu wenig daraus machte. Mit 20 zog er von Berlin aus in die Welt – nach gerade mal 42 Bundesligaspielen für Hertha. Hier hatte er seinem Trainer Falko Götz mal Prügel angedroht und sich mit einem Vorschlaghammer fotografieren lassen, um sich das Image des Ghettokids zu verleihen. Ein Großmaul, aber ein hervorragender Fußballer. Für 7,9 Millionen Euro kaufte ihn Tottenham 2007.

Was danach folgte, beschrieb Boateng 2016 in seiner Autobiografie: „Ich habe nicht immer 100 Prozent gegeben. Ich hätte mehr erreichen können.“ Aber: „Ich habe ja Karriere gemacht – trotz meines schwierigen Charakters, trotz der fehlenden Führung, trotz meiner Stunts, die ich mir geleistet habe.“ Im Schnelldurchlauf durch die Boateng-Serie: Absturz in England, BVB-Intermezzo, wo er nicht bleiben durfte. Treterskandal um Michael Ballack. Unten. WM 2010 mit Ghana gegen Deutschland und seinen Halbbruder Jerome Boateng. Wechsel zum AC Mailand. Oben. UN-Botschafter gegen Rassismus. Ganz oben. Dann sein dritter Rausschmiss aus einer seiner Mannschaften bei Schalke. Neuanfang auf Gran Canaria. Frankfurt. Ein Leben mit dem Stoff für viele.

Frankfurt hat die zweitbeste Defensive der Liga

Das Bild, das sie nun in Frankfurt von Boateng haben, ist eines jenseits der Skandale. „Kevin ist eine Persönlichkeit, ein Junge, der gerade heraus ist, der Emotionen hat und Empathie besitzt. Er hat die Qualität, die Mannschaft zu führen“, sagte Kovac. Komplizierte Charaktere brauchen starke Führung – und Kovac ist das offenbar mit Boateng gelungen. Der Problemfall von damals akzeptiert nun den Trainer und ordnet sich unter. Obwohl er sich als Offensivspieler sieht, bekleidet Boateng seit der Verletzung von Omar Mascarell in Frankfurt die Position als Stabilisator vor der Abwehr. Der, der immer für Wucht und Spektakel im Spiel stand, bleibt nun bei Freistößen schweren Herzens hinten, damit sein Team besser ausbalanciert ist.

„Ich bin reifer geworden“, sagte Boateng in dieser Woche auf die Frage, was ihn von dem Spieler, der Hertha vor zehn Jahren verlassen hat, unterscheide. Der Prinz hat eine neue Rolle gefunden. Mit ihm hat sich Frankfurt trotz zahlreicher Abgänge im Sommer auf einen achtbaren neunten Platz in der Liga geschoben und unterhält mit nur 13 Gegentoren die zweitbeste Defensive der Liga.

„Ich mag die Scheinwerfer nicht“

„Er spielt mit viel Spaß und Elan für Frankfurt. Das sieht gut aus, was er macht“, sagt Herthas Trainer Pal Dardai. Auch der Ungar kennt Boateng aus eigener Anschauung. Beide standen 19 Partien zusammen für Hertha auf dem Rasen. Wie er sich seine Reise in die Vergangenheit vorstellt, hat Boateng trotzdem emotionslos dargelegt: „Hinfahren, drei Punkte holen, wieder nach Hause kommen“, sagte er. Hertha sei ein ähnlich „eklig“ zu spielendes Team wie Frankfurt. „Ich denke aber, dass wir ein bisschen mehr Qualität haben.“

Neulich hat Kevin-Prince Boateng ein Foto von sich in den sozialen Netzwerken gepostet. Es zeigt ihn auf dem Sofa, seinen Sohn Maddox hält er im Arm. Seine Frau, das italienische Model Melissa Satta, sitzt daneben. Alle drei tragen Pyjamas. Sie ungeschminkt, er verpennt, aber glücklich. Ein Familienmoment. Der Rüpel von einst als liebender Vater und Ehemann. So sollen ihn die Leute heute sehen. „Ich bin zufrieden, wenn ich zu Hause bin und die Tür zumachen kann“, hat Boateng gerade über sich gesagt. „Ich mag die Scheinwerfer nicht.“ Es ist eine neue Episode in seiner Serie.