Immer Hertha

No Future in Berlin - Next Stop Arsenal

Keine Zukunft in Berlin, jetzt messen sich Wagner, Kachounga und Quaner mit den Besten der Welt - wie geht das, fragt Uwe Bremer.

Der Ex-Herthaner Elias Kachunga (M.) von Huddersfield Town  wird in der Premier League von drei Verteidigern von West Bromwich Albion gejagt

Der Ex-Herthaner Elias Kachunga (M.) von Huddersfield Town wird in der Premier League von drei Verteidigern von West Bromwich Albion gejagt

Foto: Gareth Copley / Getty Images

Im Grunde sind wir, die wir uns für Fußball interessieren, alle Experten. Es hat ja einen Grund, dass bundesweit niemand so viele Kollegen hat wie Bundestrainer Joachim Löw – über den Daumen gepeilt 40 Millionen. Bleibt die Frage, wie gut sich diejenigen auskennen, die im Fußball-Geschäft Entscheidungen treffen: die Manager und Trainer in den Vereinen. Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als mich in meinem Profil des Fotodienstes Instagram zwei Gesichter anschauten, die mir bekannt waren. Musste aber einen Moment überlegen, woher ich das Duo kannte, dass da in einem englischen Zug sitzt dunkelblaue Trainingsjacke, Computer, Kopfhörer, eine Flasche Wasser auf dem Tisch – klar, Elias Kachunga und Colin Quaner. Der eine war nicht gut genug für Hertha, dem anderen hatten sie beim 1. FC Union keine Perspektive zugetraut.

Und jetzt? Spielen Kachunga und Quaner mit Huddlersfield Town in der teuersten Liga der Welt, der Premier League. Vergangenen Sonnabend gegen Manchester City. Next Stop Arsenal.

Wagner schießt alleine aufs leere Tor

Schon verrückt. Ich war im Sommer 2012 im Trainingslager dabei, als der damalige Trainer Jos Luhukay die drei Stürmer vorstellte, die Hertha auf einen Schlag verpflichtet hatte: Sandro Wagner, Sami Allagui und Ben Sahar. Die meiste Zeit der Vorstellung redete Luhukay aber über Kachunga, das Talent, das Hertha vier Wochen zuvor geholt hatte. Er habe Elias beiseite genommen, und ihm erklärt, warum der Klub so viel Offensivpower benötige. Eigentlich war es aber so, dass mit jenem Tag die Ära Kachunga bei Hertha vorbei war – er verließ Berlin sechs Monate später.

Auch für Wagner war Berlin kein Karriere-Sprungbrett. Unvergessen die Bilder, wie Wagner alleine Bälle aufs leere Tore schießen musste – ­Hertha wollte ihn los werden.

Cicero - vom Wandervogel zum Volksheld

Die Liste lässt sich fortsetzen. Erinnert sich noch jemand an Cicero? Der Brasilianer verließ Hertha nach dem Abstieg 2010. Hat seither für sieben Vereine gespielt – und ist seit vier Tagen der Volksheld eines ganzen Kontinents. Im Hinspiel des Finales des Copa Libertadores, der südamerikanischen Variante der Champions League, erzielte Cicero für Gremio Porto Alegre den 1:0-Siegtreffer.

Bei Collin Quaner erzählten die Union-Verantwortlichen es nur hinter vorgehaltener Hand, warum die Eisernen im Februar mitten im Aufstiegsrennen ihren besten Torschützen nach England verkauften: Das Überraschende sei nicht die Trennung, sondern, dass Quaner sieben Saisontore erzielt hat. Unterton: Kein Spieler, der uns in der Bundesliga helfen würde.

Manchmal muss man sich trennen

Nun messen sich Kachunga und Quaner Woche für Woche mit den bestbezahltesten Fußballern der Welt. Wagner hat die Teilnahme an der WM 2018 und einen Wechsel zum FC Bayern vor Augen – warum hat das in Berlin niemand gesehen? Antwort: Weil das Geschäft auch für Trainer und Manager verrückt ist. Drei Jahre war Wagner nicht über den Ersatzspieler-Status hinausgekommen. Manchmal muss man sich trennen, damit eine Win-win-Situation entsteht.

Wagner hat die Machtprobe mit dem damals gerade zum Chefrainer beförderten Pal Dardai gesucht - da kann es dann nur einen geben. Hertha ist seither mit seinem Sturmduo Ibisevic/Kalou gut gefahren, Wagner hat sich in Darmstadt und Hoffenheim entwickelt- passt für beide Seiten.

Quaner, Spitzname „der Zehnkämpfer“

Kachunga und Quaner sind vielleicht nicht die besten Fußballer – sie erfüllen aber zwei Schlüsselqualifikationen, die im modernen Fußball extrem gesucht sind: Schnelligkeit und Athletik. Nicht zufällig hatte Quaner bei Union den Spitznamen „der Zehnkämpfer“.

Wenn Manager und Trainer daneben liegen können, an wem können sich die vielen Fußballfans orientieren - vielleicht beim Autor dieser Kolumne? Sagen wir so: Wie dessen Experten-Status einzuschätzen ist, ist mir seit längerem klar. Es war vor der WM 1990 in Italien, die Gruppen waren ausgelost. Da habe ich das Turnier mit Kollegen durchgetippt. 52 Spiele waren vorherzusagen. Meine Ausbeute: Von 52 Resultaten waren 51 falsch.