Immer Hertha

Wer hat das Sagen im deutschen Profifußball?

Bei Hertha, Hannover und dem HSV stellt sich die Machtfrage. Ein Lösungsvorschlag: Fans wie Aktionäre behandeln, beobachtet Uwe Bremer.

Hertha-Fans in der Ostkurve des Berliner Olympiastadions

Hertha-Fans in der Ostkurve des Berliner Olympiastadions

Foto: Sport Moments/Gora / picture alliance / Sport Moments

Berlin. In Berlin geht es um einen Antrag auf Änderung der Satzung von Hertha BSC. In Hamburg geht es um die Forderung des Investors, dass im Aufsichtsrat des HSV bestimmte Personen sitzen sollen. In Hannover geht es um ein Mitglied des Aufsichtsrates, das sein Veto einlegt gegen die Art der vollständigen Machtübernahme durch Klub-Präsident Martin Kind. Schon klar, jedes Thema ist für sich zu betrachten. Die Gemeinsamkeit der Fälle von Hertha, HSV und Hannover 96 ist die Frage, die dahintersteht: Wer hat das Sagen im Profifußball?

Es wird aus sehr verschiedenen Richtungen am Fußball gezogen: Da sind die TV-Sender mit ihren milliardenschweren Summen. Da sind Scheichs, US-Rechtehändler, Milliardäre, die in England oder Frankreich längst das Sagen haben. Viele Klubs hierzulande, auch Hertha, hoffen auf Investitionen etwa aus Asien. Da sind die Fans, die die zunehmende Kommerzialisierung mit Argwohn beobachten und fordern, dass ihre Rechte stärker berücksichtigt werden. Die geschilderten Fälle zeigen, dass die Frage „Wer hat das ­Sagen?“ inzwischen mitten in den Klubs angekommen ist und dort zum Teil ­erbittert ausgefochten wird.

Bei Hertha ist es eine Gruppe von Mitgliedern, die der Geschäftsführung untersagen will, die Option eines Stadions in Brandenburg in den Verhandlungen mit dem Berliner Senat zu benutzen. Deshalb soll die Satzung ergänzt werden um den Satz: Hertha trägt seine Heimspiele in Berlin aus. Vordergründig eine Selbstverständlichkeit, ­dahinter steht aber die Botschaft von Teilen der Basis an die Hertha-­Macher: Wir trauen euch nicht.

Beim HSV ist es Investor Kühne, Minderheitsaktionär im Klub, der massiv Einfluss nimmt, damit auch im neuen HSV-Aufsichtsrat Personen seines Vertrauens sitzen. Kühne kritisiert die Personalauswahl, die HSV-Präsident Jens Meier vorgenommen hat. Die Drohung von Kühne: Sonst gibt es kein Geld mehr.

In Hannover wendet sich Ralf Nestler, ein Steueranwalt und Mitglied des 96-Aufsichtsrates, dagegen, dass Präsident Kind 51 Prozent der Anteile an der Management GmbH von 96 erwirbt für 12.750 Euro. Begründung von Kind: Die Summe errechnet sich daraus, dass die GmbH ein Stammkapital von 25.000 Euro hat. Nestler legt ein Gutachten vor, dass dieser Preis viel zu gering sei. Da der Klub einen Marktwert von (geschätzt) mehr als 200 Millionen Euro hat, ist der Anteil der Management GmbH zwischen 10 und 30 Millionen Euro anzusiedeln. Die Angelegenheit wird vor ­Gericht ausgetragen. Kind (73) und Kühne (80) betrachten ihr Engagement nach dem Motto: Wer die Musik zahlt, bestimmt, was gespielt wird. Begründung von Kind: „So ist das nun mal.“

Wem gehört der Fußball? Beim englischen Zweitligisten Hull City schlug Klub-Chef Nick Thompson vor, einen Vertreter der Dauerkarten-Inhaber in den Aufsichtsrat zu berufen. Ian Hutchinson, ein Fan-Vorsitzender, konterte: Hull City möge „Fans wie Aktionäre behandeln“. Seine Forderung: Fanvertreter in den Aufsichtsrat. Und die Diagnose, die er macht, trifft auch auf die Fälle in Berlin, Hannover und Hamburg zu. Jede Marke würde viel dafür geben, so treue Anhänger zu haben wie ein Fußballklub. Wenn eine Vereinsführung mit den Wünschen von Investoren und TV-Anstalten umgehen kann, schafft sie das doch auch mit ihren Fans, oder? Um alle Interessen unter einen Hut zu bekommen, weiß Hutchinson: „Es braucht exzellente Führungsfähigkeiten.“

Quality in Leadership – was heißt das für Hertha? Die Verantwortlichen haben einiges vor, sie brauchen Mitglieder und Fans an ihrer Seite. Intern sind die Macher nicht glücklich. Haben doch mit Präsident Werner Gegenbauer, Aufsichtsratschef Bernd Schiphorst und Manager Michael Preetz alle wichtigen Vertreter erklärt: Unser Wunsch ist eine Fußballarena im Olympiapark. Doch wie das bei Kommunikation ist: Es geht nicht nur um das, was gemeint ist. Es geht vor allem um das, was ankommt.

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