Bundesliga

Pal Dardais 1000 Tage bei Hertha BSC

Der Ungar erreicht am Mittwoch einen Meilenstein beim Berliner Bundesligisten. Eine Trainerkarriere erzählt in sieben Episoden.

Pal Dardai ist seit dem 5. Februar 2015 Cheftrainer von Hertha BSC

Pal Dardai ist seit dem 5. Februar 2015 Cheftrainer von Hertha BSC

Foto: Reto Klar

Berlin.  Vor vier Wochen saß Pal Dardai im Erdgeschoss der Hertha-Geschäftsstelle und machte einen Witz. „So weit nach vorn wollt ihr planen?“, fragte der Ungar und grinste. Wir hatten Dardai zum Interview getroffen. Es ging um seine gesamte Zeit als Chefcoach bei den Berlinern. Das Ergebnis sollte heute erscheinen, vier Wochen später. Dardais gespielter Zweifel wollte sagen: Da kann ich ja längst schon entlassen sein. Wir lachten, denn das wirkte damals absurd.

Pal Dardai ist immer noch Hertha-Trainer, aber in diesen vier Wochen hat er erlebt, wie schnell es abwärts gehen kann. Drei der folgenden vier Spiele verlor sein Team, flog aus dem Pokal und quasi schon aus der Europa League. Das 2:1 gegen den HSV vom Sonnabend war deshalb auch für Dardai ein Befreiungsschlag. Zum ersten Mal befand sich die Elf unter dem 41-Jährigen in einer echten Schieflage. „In dieser Woche habe ich etwas gelernt“, sagte Dardai nach dem Sieg gegen Hamburg. Er meinte den Umgang mit Krisen – seinen eigenen, aber auch den der Medien und Fans. Dauern die Krisen zu lange, ist der Trainer bald weg.

Trainerkarrieren in der Bundesliga sind meistens kurz. 488 Tage betrug die durchschnittliche Verweildauer bei einem Klub in den vergangenen 20 Jahren. Ein Jahr und vier Monate. Dardai wird Mittwoch 1000 Tage Chefcoach von Hertha sein – doppelt so lang wie der Durchschnitt. Das ist eine Leistung. Nur zwei Kollegen in der Liga sind aktuell länger bei ihren Klubs (siehe Grafik). Für Dardai war es eine Reise, die meist bergauf ging, aber unten begann. Eine Karriere, erzählt an sieben Tagen.

1. Tag, 5. Februar 2015: Pal Dardai begann seinen ersten Tag als Cheftrainer bei Hertha auf einem Stuhl. Jos Luhukay war nach einem 0:1 gegen Leverkusen entlassen worden. Dardai, bis dahin U15-Trainer im Verein und Nationalcoach Ungarns, übernahm und wusste aus seiner Profizeit, dass seine erste Ansprache vor der Mannschaft schon die Weichen stellen würde. Folgen die Spieler ihm, oder nehmen sie ihn nicht ernst? Dardai schickte bis auf die Profis alle raus aus der Kabine, nahm sich einen Stuhl, setzte sich, um nicht von oben herab auf sie einzureden. Dann gab es Ärger. „Ich habe den Spielern gesagt: Ihr werde mich jetzt hassen. Aber, bei euch stimmt einiges nicht. Ihr seid in keinem guten Zustand“, erinnert sich Dardai. Danach begann die Arbeit, und die Spieler wussten, dass sie fortan mit direkter, harter Kritik leben müssen. Bis heute bereitet sich Dardai kaum auf Ansprachen vor. „Ich stelle mich einfach hin: Und in diesem Moment sage ich das, was kommt.“ Sein erstes Spiel gewann Dardai in Mainz mit 2:0.

Damals machte er eine wichtige Erkenntnis für sich: Setze dich nie wieder in schicken Klamotten auf die Bank! Für seine Premiere hatte er sich eine noble Jacke und gute Schuhe angezogen, aber irgendwann merkte er, dass ihn das bei seiner Arbeit behindert. „Das Spiel ist taktisch so komplex geworden. Es gibt Trainer, die während einer Partie drei Mal das System ändern. Da brauchen dich deine Spieler an der Seitenlinie. Da muss man als Trainer aktiv sein“, sagt Dardai. Und das gehe für ihn nun einmal nur im Trainingsanzug.

107. Tag, 23. Mai 2015: Vom Abrutschen auf den Relegationsplatz am 34. Spieltag der Saison 2014/15 trennte Dardai und Hertha nur ein Tor. Hätte Freiburg zeitgleich in Hannover noch das 2:2 erzielt, wären die Berliner nach sieben Spielen ohne Sieg auf Platz 16 gelandet. Auf der Heimreise nach einem 1:2 in Hoffenheim fühlte Dardai aber keine Erleichterung. Das Unterfangen mit Hertha war für ihn auch eine Gefahr. Mit Ungarn hatte er sich einen Namen als Trainer gemacht. Nun hätte dieser bei einem Abstieg schweren Schaden nehmen können. „In dieser Mannschaft fehlten Teamgeist, Kondition und Führungsspieler. Es war eigentlich keine Mannschaft. Wir mussten einfach diese paar Spiele überleben“, sagt Dardai heute. Im Moment des Klassenerhalts wusste er, dass er Trainer bleiben würde. Vorher war er nur einer „bis auf Weiteres“, wie Manager Michael Preetz es nannte. Nun konnte er sich für die neue Saison ein Team formen, wie er es sich vorstellte. „Als Trainer ist es ein spezieller Moment, wenn man seine erste Profi-Mannschaft bekommt“, sagt Dardai. „Bei mir war sie in einem schlechten Zustand. Und ich bin stolz darauf, dass ich helfen konnte, gemeinsam mit meinem Trainerteam.“

318. Tag, 20. Dezember 2015:In seiner ersten vollen Saison sollte Dardai einen goldenen Dezember erleben. Alle Spiele eines Monats zu gewinnen, war Hertha ewig lange nicht mehr gelungen. Dardai schaffte es: Leverkusen (2:1), Darmstadt(4:0), Nürnberg im Pokal (2:0) und kurz vor Weihnachten Mainz (2:0) wurden geschlagen. Hertha überwinterte auf Platz drei. „Danach habe ich aus Spaß zu meiner Frau gesagt: Jetzt läuft es wie beim Nachwuchs. Da hatten wir auch fast alles gewonnen“, sagt Dardai. Es sollten andere Tage kommen.

440. Tag, 20. April 2016: Es gibt unterschiedliche Arten von Niederlagen. Man erkennt sie daran, ob der Trainer danach schlafen kann, oder nicht. Bei der härtesten Pleite seiner Karriere schlief Dardai prima. Eine ganze Saison lang hatte er von seinem Traum erzählt: Einmal das Pokalfinale im eigenen Stadion zu erreichen. Nun war die Chance da. 76.000 Zuschauer kamen ins Olympiastadion, um Hertha gegen Dortmund zu sehen. Und dann hatte Dardais Elf lediglich 30 Prozent Ballbesitz und ging mit 0:3 unter. „Ich habe schon beim ersten Spielzug des BVB nach oben zum lieben Gott geguckt und gedacht: Das ist nicht der Tag, an dem wir das schaffen können“, erinnert sich Dardai. Diese Niederlage konnte er akzeptieren, weil sie für ihn unausweichlich schien. Bis heute spürt er früh in einer Partie, ob etwas möglich ist für seine Elf. Ein Überbleibsel aus Spielertagen. Ein Jahr später, nach dem Aus im Pokal-Achtelfinale gegen den BVB im Elfmeterschießen, als fast alle seine Spieler vom Punkt versagten, schlief Dardai schlecht.

744. Tag, 18. Februar 2017: Den 1:1-Ausgleich gegen den FC Bayern kassierte Dardais Elf in der sechsten Minute der Nachspielzeit. Noch heute kann sich der Ungar darüber aufregen, dass so lange nachgespielt wurde. „Der gegnerische Trainer (Carlo Ancelotti; Anm. d. Redaktion) hat einen solchen Druck auf den Vierten Offiziellen ausgeübt, dass ich damals etwas gelernt habe: Als Trainer muss man manchmal auch Druck auf die Schiedsrichter machen“, sagt Dardai. Gegen die Bayern hat er als Trainer bisher nicht gewinnen können. Nur gegen zwei weitere Klubs fehlt ihm ebenfalls ein Sieg: RB Leipzig (zwei Spiele, zwei Niederlagen) und Bremen. Während Ingolstadt (vier Spiele, vier Siege) und Augsburg (fünf Spiele, drei Siege, zwei Remis) Dardais Lieblingsgegner sind, hat sich Werder zu seinem „Angstgegner“ entwickelt. Fünf Spiele gab es, drei Remis und zwei Niederlagen, zuletzt ein 1:1 in Berlin.

852. Tag, 6. Juni 2017: Pal Dardai sagt, sein Vater, der selbst Trainer war, könne sich an jedes Tor seiner Spieler in jeder Partie erinnern. Er selbst dagegen müsse dafür lange nachdenken. Marvin Plattenhardt traf am 6. Juni 2017 nicht ins Tor. Er spielte nicht einmal für Hertha. Aber Dardai kann sich trotzdem gut an diesen Tag erinnern. Es war das erste Mal, dass einer seiner Profis zum deutschen Nationalspieler aufstieg. Plattenhardt gab in Bröndby gegen Dänemark beim 1:1 sein Debüt für die Elf von Bundestrainer Joachim Löw. Und man darf ohne Übertreibung behaupten, dass ihm das ohne Dardai nie gelungen wäre.

Unter Vorgänger Luhukay wurde der Linksverteidiger zumeist in die U23-Auswahl von Hertha abgeschoben, weil er für nicht gut genug befunden wurde. Dardai konnte das verstehen. „Beim ersten Gespräch, nachdem ich Trainer wurde, hat Michael Preetz zu mir gesagt: Wir haben Plattenhardt ... Da habe ich gesagt, er solle ihn lieber vergessen. Ich hatte Marvin in der U23 spielen sehen, und da war er ein schlechter Fußballer“, erinnert sich Dardai. Doch dann kam das erste Training. Danach ging er noch vom Platz direkt zum Manager ins Büro und revidierte seine Meinung: „Plattenhardt ist einer der besten Fußballer hier“, sagte Dardai zu Preetz. Unter ihm wurde kein Spieler seither öfter eingesetzt als der Linksfuß (95 Partien). „Damals habe ich gedacht: Marvin hat die Qualität, Nationalspieler zu werden. Ich bin froh, dass er das hingekriegt hat. Aber ich habe auch Ähnliches vor mit Mitchell Weiser und Niklas Stark – auch bei Davie Selke muss diese Richtung das Ziel sein“, sagt Dardai.

1000. Tag, 1. November 2017: Seit der Erfindung der Bundesliga im Jahr 1963 hat es bei Hertha nur vier weitere Trainer gegeben, die ebenfalls die 1000-Tage-Marke im Amt erreichten. Den Bestwert hält Helmut Kronsbein mit 2967 Tagen (siehe Grafik). Er benötigte dafür zwei Amtszeiten (1966-74 und 1979-80). Dardai hat mit 286 Bundesliga-Partien als Rekordspieler seinen Platz in der Vereinshistorie. Kann so etwas auch als Trainer ein Ziel sein? „Ich bin jetzt schon stolz auf das, was wir hier geschafft haben“, sagt Dardai. „Als Trainer braucht man nicht allzu lange nach vorn zu schauen. Zum Schluss ist der Ball rund, und die Fans sind Fans. Geht der Ball nicht oft genug ins Netz, ist irgendwann der Trainer schuld. Und dann geht man.“ Nach unserem Gespräch sollte er das selbst erleben. Auch wenn niemand wirklich daran dachte, Dardai zu entlassen, wurde es nach Wochen der Misserfolge ungemütlich. Natürlich sei es sein Ziel, so lange wie möglich zu verweilen, sagt er. Aber: „Ich bin keiner, der an seinem Stuhl klebt. Ich bin ja auch Hertha-Fan. Und ich erwarte, dass wir gut und erfolgreich spielen.“

Die durchschnittliche Halbwertszeit eines Trainers in der Bundesliga hat er nun mit 1000 Tagen um 100 Prozent überboten. Aber früher oder später wird auch Dardai bei Hertha Geschichte sein. Wie soll man sich dann an ihn erinnern? Er überlegt nicht lange: „Als der fleißige Dardai, mehr nicht – so wie als Spieler.“

Zwischen Tag eins und 1000 lagen viele Höhen und manche Tiefen für Pal Dardai. Seine größte Erkenntnis aus dieser Zeit bestehe darin, sagt er, dass ein Trainer am Ende nur ein Gehilfe sein kann. Man könne das Spielsystem verändern, aber entscheidend sei der Charakter der Spieler auf dem Feld. „Damit gewinnst du die Kriege“, sagt Dardai. „Ich glaube, wir haben im Vergleich zum ersten Tag da eine große Veränderung geschafft. Und darauf bin ich stolz.“