Europa League

Hertha im Europacup gegen Bilbao: Volle Kraft voraus

Warum Hertha im Europacup gegen Bilbao - ungeachtet der Meinung mancher Fans - auf der Torwart-Position rotiert.

Thomas Kraft bei seinem letzten Pflichtspiel für Hertha BSC im August 2016 bei Bröndby IF

Thomas Kraft bei seinem letzten Pflichtspiel für Hertha BSC im August 2016 bei Bröndby IF

Foto: City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Berlin.  Der FC Barcelona hat es mit Marc-Andre ter Stegen so gemacht, Borussia Dortmund mit Roman Weidenfeller. Aber nun, da auch Hertha BSC die Belastung seiner Torleute verteilen will, heulen viele Fans auf. Laut Trainer Pal Dardai soll Thomas Kraft in der Europa League stets Stammtorwart Rune Jarstein ersetzen und wird somit bei Herthas erstem Europa-League-Spiel seit fast acht Jahren an diesem Donnerstag gegen Athletic Bilbao zwischen den Pfosten des Tores im Olympiastadions stehen (21.05 Uhr, Sky).

Eine Entscheidung, die bei Immerhertha.de, dem Blog der Berliner Morgenpost, diverse Anhänger verstört. Die Kritikpunkte lauten: Damit zeige Hertha nur, dass man den Europacup nicht ernst nehme und keinen maximalen Erfolg will. Wenn Kraft im Tor steht, müsse sich niemand wundern, dass eine Magerkulisse von nur 25.000 Zuschauern erwartet werde, heißt es sogar.

Kraft will spielen, nicht reden

Derart heftige Kritik schlug Kraft immer mal wieder entgegen, seit er 2011 vom FC Bayern nach Berlin wechselte. Was er dazu sagt, hängt von der Situation ab, in der man ihn fragt. Meist antwortet Kraft, dass er dazu nichts sagt. Manchmal sagt er auch, dass sich von Leuten, die keine Ahnung haben, nichts sagen lässt. Im Vorfeld der Partie gegen Bilbao, seinem ersten Pflichtspiel bei den Hertha-Profis seit dem 4. August 2016, lässt er ausrichten: Er will sich nicht äußern, sondern erst einmal wieder spielen.

Die Hertha-Verantwortlichen denken jedoch ganz anders als die Fans. "Wir sind froh, dass wir Thomas haben", sagt Hertha-Manager Michael Preetz. Trainer Dardai verweist auf die neue Herausforderung mit nun drei Wettbewerben, der sich der Klub stellen muss: "Es kann sein, dass Spieler, die in der Bundesliga gegen Bremen in der Startelf standen, diesmal nicht im Kader sind." Rotation als neue Entwicklungsstufe für den Hauptstadt-Klub.

Stocker wird in der Startelf erwartet

Dardai plant gegen den defensivstarken Tabellenvierten der ­Primera Division (Torverhältnis von Bilbao nach drei Spielen: 3:0) vier Wechsel. Valentin Stocker wird erstmals in dieser Saison in der Startelf erwartet – und im Tor Kraft. "Thomas tut der Mannschaft gut", lobt Manager Preetz die Teamqualitäten des Schlussmanns, die nicht jeder vom mittlerweile 29-Jährigen erwartet hatte, nachdem er im Herbst 2015 seinen Nummer-eins-Status wegen einer Verletzung an Jarstein abtreten musste. Der norwegische Nationaltorwart machte seine Sache dann so gut, dass er seither gesetzt ist im ­Berliner Tor.

Im Anschluss zeigte Kraft dass er beim Gang durch die Torwartschule des FC Bayern (von 2004 bis 2011) nicht nur von Oliver Kahn gelernt hat. Dessen Mentalität des unbedingten Gewinnenwollens demonstriert Kraft seither bei jedem Trainingsspiel. Mit seinem permanenten Ehrgeiz pusht Kraft auch Konkurrent Jarstein. Dennoch herrscht im "Special Team" mit Torwarttrainer Zsolt Petry, Jarstein und Kraft sowie den Nachwuchstorhütern stets ein Zusammenhalt. Petry vermittelt seinen Schützlingen: Ihr seid gut. Aber ihr habt alle noch ­Potenzial, um euch zu verbessern.

Da Jarstein am Saisonende schwächelte, wird nun verteilt

Der Fußball hat sich stark verändert. Torwarte werden immer mehr zu "Torspielern". Jarstein ist in diesem Bereich einer der besten Keeper der Liga. Kraft hatte dort Nachholbedarf – und wird daher regelmäßig im Training und auch bei Freundschaftsspielen im Feld ­eingesetzt. Im Sommer, sein Vertrag bei Hertha lief aus, hätte Kraft Berlin verlassen können. Doch die Angebote aus dem Süden Europas reizten ihn nicht. Die Option USA – Kraft mag die Staaten – steht ihm auch später noch offen.

Also verlängerte Kraft im April seinen Vertrag bei Hertha bis 2019. Auch deshalb, weil Manager und Trainer Kraft darlegten, dass er realistische Einsatzchancen habe. "Im Vertrag haben wir das nicht festgeschrieben", sagt Manager Preetz, "aber wir haben das so mit Thomas besprochen."

Dardai lobt Kraft

Jarstein, der 2016/17 bei 38 Pflichtspielen im Hertha-Tor stand, waren zum Ende der Saison einige Fehler unterlaufen, weil die Konzentration nicht mehr gereicht hatte. "Dazu spielt Rune mit der norwegischen Nationalmannschaft", sagt Preetz. Deshalb soll die Belastung diesmal verteilt werden.

Auch wenn Trainer Pal Dardai vor dem Bilbao-Spiel weiß: "Es wird nicht einfach für Thomas, weil er lange nicht mehr unter Druck gespielt hat." Kraft hat sich seit Wochen auf den heutigen Europacup-Abend vorbereitet. Neben Freundschaftsspielen stand er für ­Herthas U23 in der Regionalliga im Tor (1:0 gegen Nordhausen) sowie im Test gegen den 1. FC Union (0:2). Er ­bekommt nun seine Chance und will sie nutzen – egal, ob das allen gefällt.

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