Immer Hertha

Wenn der Hertha-Trainer nachts an der Themse joggt

Camp Nou, Chisinau oder London: Hertha BSC hat einiges erlebt bei den Reisen durch Europa, erinnert sich Uwe Bremer.

Ex-Hertha-Trainer Jürgen Röber hatte es nicht immer einfach bei den Reisen durch Europa

Ex-Hertha-Trainer Jürgen Röber hatte es nicht immer einfach bei den Reisen durch Europa

Foto: pa

Das letzte Mal einen weißen Hosen­boden hatte ich in Chisinau. Im August 2001 beim Abschlusstraining zu der Uefa-Cup-Partie von Hertha BSC in Moldawien war das Gras noch so hoch, dass der Ball zur Hälfte darin verschwand. Am Tag danach war der Rasen gemäht, die Medienbänke strahlten in frischer weißer Farbe. Allerdings hatte niemand darauf verwiesen, dass die Farbe noch nicht getrocknet war …

Schwamm drüber, es wurde eh‘ nur über Alex Alves geredet. Der Brasilianer, Herthas teuerster Spieler und Star im Team, hatte bei Regionalliga-Verhältnissen vor 4400 Zuschauern gegen Zimbru Chisinau – Hertha gewann 2:0 – keine Lust. Trainer Jürgen Röber wechselte den Torjäger aus, was der als Beleidigung auffasste. Beim Bankett am Abend fehlte Alves – Magenprobleme. Gegen Mitternacht traf ich Alves im Teamhotel vor dem Fahrstuhl. Eine Tüte Chips hatte er unter dem Arm, die zweite war ­geöffnet und halb leer.

Friedhelm Funkel einsam am Rande der Coaching Zone

Lange ist’s her. An diesem Freitag wird in Monaco ausgelost, auf welche Gegner Hertha BSC in der Europa League trifft. Sieben Jahre nach dem letzten Spiel der Berliner in diesem Wettbewerb. Das Bild, das mir vom Februar 2010 in Erinnerung ist: Wie Hertha-Trainer Friedhelm Funkel einsam am Rande der Coaching Zone steht. Auf der anderen Seite des Feldes spielte Benfica Lissabon, das Estadio da Luz mit 30.000 Besuchern nicht mal halbvoll, mit seinen Stars David Luiz, Saviola und Angel di Maria Hertha in Grund und Boden. Die Berliner mit Jaroslav Drobny, Arne Friedrich und Florian Kringe verloren deshalb „nur“ mit 0:4, weil der Benfica-Trainer seine Stars nach einer Stunde auswechselte.

Jürgen Röber hatte es nicht immer einfach bei den Reisen durch Europa. So war Hertha im November 1999 beim FC Chelsea – die Übernachtung im düsteren 70er-Jahre-Hotel in London kostete 750 Mark – abhängig vom Parallelspiel. Gebetsmühlenartig hatte der Hertha-Trainer betont, dass er sich nicht darum kümmern werde, wie der AC Mailand beim Gruppenletzten Galatasaray Istanbul spielen werde. Doch in den letzten Minuten an der Stamford Bridge, Hertha lag 0:2 zurück, brüllte der damalige Pressesprecher von der unmittelbar hinter der Trainerbank gelegenen Pressetribüne: „Ausgleich für Galatasaray, 2:2.“ Damit hüpfte Hertha von Gruppenplatz 3 auf 2, was das Überwintern in der Champions League bedeutete. Röber, der zehn Meter entfernt stand, ballte die Faust.

Zwei Minuten später brüllte der Pressesprecher, ein Transistorradio am Ohr, erneut: „Elfmeter in Istanbul!“ Pause. „Elfmeter in der letzten Minute!“ Pause. Röber drehte sich um und brüllte zurück: „Verdammt noch mal: Elfmeter für wen?“ Eine berechtigte Frage. Weil bei einem Tor für Milan der schöne Königsklassen-Auftritt beendet wäre. Doch es gab ­Elfer für Galatasaray, das somit 3:2 gegen AC Mailand gewann – Hertha verblieb trotz der Niederlage in ­London im Wettbewerb. Röber war genervt. Verloren zu haben und Glückwünsche anzunehmen, das war nicht sein Ding. Nach dem Bankett schnappte sich der Trainer seinen Pressesprecher und joggte mit ihm anderthalb Stunden an der ­nächtlichen Themse entlang.

Es gibt immer etwas zu erleben

Unvergessen sind im März 2000 die 1800 mitgereisten Hertha-Fans im Camp Nou, die noch 45 Minuten nach dem 1:3 gegen den FC Barcelona ihren Helden feierten. Mochte Barca mit seinem Wundersturm Figo, Kluivert, Rivaldo gewonnen haben – der beste Mann auf dem Platz trug eine schlabbrige graue Trainingshose. So kehrte Torwart Gabor Kiraly direkt aus der Dusche mit nassem Haar und Handtuch in der Hand in die Arena zurück und bedankte sich bei den mitgereisten Fans aus ­Berlin. Kiraly hatte mit Glanzparaden in Serie dafür gesorgt, dass das Ergebnis im Rahmen geblieben war.

Der Blick in den Rückspiegel zeigt: Es gibt immer etwas zu erleben. Aber es ist bei Europacup-Spielen schwer, auswärts zu gewinnen. Hertha nimmt von Mitte September bis Anfang Dezember (mindestens) drei neue Anläufe.