Hertha BSC

Vedad Ibisevic: „Wir sind besser als letztes Jahr“

Der Hertha-Kapitän spricht im Interview über den Auftakt gegen seinen Ex-Klub Stuttgart, gewaltbereite Ultras und alte Rechnungen.

Vedad Ibisevic traf in 58 Liga-Spielen für Hertha 22 Mal

Vedad Ibisevic traf in 58 Liga-Spielen für Hertha 22 Mal

Foto: City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Berlin.  Vedad Ibisevic (33) hat dafür gesorgt, dass es für Hertha BSC gut losging. Beim Pokal-Spiel in Rostock erzielte der Kapitän das 2:0. Aller Anfang ist schwer. Bei Hertha könnte man sagen: Aller Anfang ist wichtig. Es warten große Herausforderungen auf Ibisevic und seinen Verein, da braucht es Rückenwind. Am Sonnabend startet Hertha in die neue Bundesliga-Spielzeit gegen Ibisevics Ex-Klub VfB Stuttgart (15.30 Uhr/Sky). Bald wartet die Europa League. Ein Gespräch über den veränderten Fußball, Ärger mit den Fans und die motivierende Kraft, wenn dich jemand für zu schlecht erklärt.

Herr Ibisevic, Sie stehen vor Ihrer 14. Saison. Kribbelt es vor dem Start noch genauso stark wie früher?

Vedad Ibisevic: Schon, es ist ja immer anders – mit neuen Zielen, neuen Herausforderungen. Auf dem Papier gehöre ich zwar zu den ältesten Spielern der Liga. Aber ich fühle mich überhaupt nicht so.

Wie haben Sie sich denn nach dem Auftaktsieg im Pokal in Rostock gefühlt?

Erleichtert, weil man in der ersten Pokalrunde immer ausrutschen kann. Das haben wir verhindert, obwohl wir mit Hansa ein schwieriges Los hatten.

Und mit den Fankrawallen schwierige Umstände. Wann haben Sie gemerkt, dass die Situation auf der Tribüne eskaliert?

Ich kenne Bengalos aus Bosnien. In Bosnien wird einfach weitergespielt. Aber die Reaktion vom Schiedsrichter war natürlich richtig. Erst als er das Spiel unterbrochen hat, habe ich gesehen, dass Raketen fliegen. Wenn die jemanden treffen, kann das böse enden.

Sind Menschen, die sich im Stadion so verhalten, für Sie Fans? Von Unterstützung fürs Team kann ja keine Rede sein ...

Das ist ein schwieriges Thema. Grundsätzlich ist es doch so: Unsere Fans sind unsere Fans, und der Großteil davon unterstützt uns großartig. Dass der eine oder andere mal eine blöde Idee hat und Dinge tut, die nicht nachvollziehbar und unverantwortlich sind, kannst du nicht ganz verhindern.

Viele Fans halten es für eine blöde Idee, dass der Profi-Fußball immer stärker kommerzialisiert wird. Können Sie das nachvollziehen?

Teilweise, denn ich mag ursprünglichen Fußball. Aber die Welt funktioniert nun mal so – alles wird immer globaler, es geht um großes Geld. Es wird eine Richtung vorgegeben, und die Vereine folgen. Das muss man aber differenziert betrachten.

Nicht nur für Zuschauer verändert sich der Sport, auch für die Profis, die mehr Medienarbeit leisten als früher. Steckt inzwischen zu viel Show im Fußball?

Das gehört dazu, ich finde das sogar gut. Die Bundesliga ist wirklich einmalig, deshalb sollte sie international noch stärker verbreitet werden. Und wir Spieler sind nun mal Teil dieser Marke. In den USA (wo Ibisevic von 2001 bis 2004 lebte, Anm.d.Red.) habe ich das schon vor vielen Jahren kennengelernt. In der NBA oder NFL haben die Spieler schon immer viel in dieser Richtung gemacht. Für die jungen Spieler, die in einer Social-Media-Welt aufgewachsen sind, ist das ohnehin normal.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sehen, dass in der Halbzeit des Pokalfinals Helene Fischer singt?

Das werde ich wahrscheinlich gar nicht mitbekommen (lacht), weil ich dann in der Kabine sitze und mich auf die zweite Halbzeit vorbereite. Und sonst? Höchstens, dass die da draußen den Rasen nicht kaputt machen sollen.

Noch liegt das DFB-Pokalfinale in weiter Ferne, dafür ist der Ligastart ganz nah. Zum Bundesliga-Auftakt treffen Sie auf Ihren Ex-Klub VfB Stuttgart, von dem Sie sich 2015 nicht gerade in ewiger Freundschaft verabschiedet haben. Wie stehen Sie heute zu Stuttgart?

Wie bei allen meinen früheren Vereinen verfolge ich auch in Stuttgart die Entwicklung. Die Veränderungen habe ich mitbekommen.

Abstieg, Aufstieg, der Einstieg von Mercedes als Investor – der VfB-Präsident sprach davon, in Deutschland die dritte Kraft werden zu wollen. Inzwischen hat er schon wieder die sportliche Führung umgekrempelt.

Von den Anlagen bringt der VfB alles mit, um ein großer Verein zu sein. Nur: Zwischen Wünschen und Taten gibt es wie überall einen großen Unterschied. In Stuttgart gab es in den vergangen Jahren zu viel Unruhe, zu viel Kommen und Gehen.

Bevor Sie gingen, saßen Sie nur noch auf der Bank oder Tribüne.

Mich stört, dass es immer heißt, ich wäre in Stuttgart nicht glücklich gewesen. In den ersten zwei Jahren war ich sogar sehr glücklich! Ich habe in zwei Saisons über 30 Tore geschossen, habe in der Europa League gespielt und stand im Pokalfinale. Das hat richtig Spaß gemacht. Die eineinhalb Jahre danach waren allerdings meine unglücklichste Zeit im Fußball. Das war eine gute Lehre dafür, wie schnell sich die Dinge ändern können.

Hertha hat sich für Sie danach als Glücksfall erwiesen. Haben Sie sich 2015 vorstellen können, dass Ihrer Karriere noch mal solch einen Schub bekommt?

Ich hab’s zumindest gehofft. Ich hatte das Gefühl, dass ich noch nicht am Ende bin. Das Schlimmste war für mich immer, wenn mir Leute erzählt haben, dass ich nicht gut genug bin, das war schon in der Jugend so. Denen wollte ich es dann zeigen. Aber dazu braucht man auch die Chance.

Jetzt gibt es neue Chancen. Hertha spielt wieder international.

Das wird eine riesige Herausforderung. Die vielen Spiele, die Reisen durch ganz Europa – das ist für viele von uns neu. Darauf dürfen wir uns freuen, aber die Bundesliga bleibt das Wichtigste. Wir müssen einen Weg finden, wie wir das alles unter einen Hut bekommen.

Wären Sie enttäuscht, wenn die Gegner nicht Arsenal oder Milan heißen, sondern Astana oder Luhansk?

Mit Stuttgart haben wir in Rijeka, Molde und Plowdiw gespielt. Solche Gegner können kommen, das ist eben auch Europa League. Eines sollten wir jedenfalls nicht tun: Teams unterschätzen. Diese Mannschaften können Fußball spielen, und für sie ist ein Duell mit einem Bundesligisten das Highlight des Jahres. Da braucht es volle Motivation, um die eigenen Ziele zu erreichen.

Es gibt Teams, die als Europa-League-Starter in der Liga gestrauchelt sind. Warum passiert Hertha das nicht?

Es kann uns passieren! Aber wir wissen um die Gefahr und müssen ein Mittel dagegen finden. Man muss die Saison positiv angehen, nicht ängstlich. Und wenn wir in Schwierigkeiten kommen, müssen wir die Ruhe bewahren. Das Worst-Case-Szenario wäre, dass wir in der Europa League nicht weiterkommen und in Abstiegsnot geraten.

Ist der Hertha-Jahrgang von 2017/18 noch besser als der letzte?

Ich denke schon. Wir haben junge, talentierte Spieler dazubekommen und die, die geblieben sind, sind reifer geworden. Gerade die jüngeren haben sich noch mal verbessert.

Verglichen mit Ihren Teams aus zehn Jahren Bundesliga: Wo würden Sie Hertha einsortieren?

Das legendäre Aufstiegsjahr mit Hoffenheim (2008/09, d.Red.) war natürlich besonders, da hat einfach alles geklappt, ich persönlich hatte ein überragendes halbes Jahr. Danach kommt für mich schon Hertha.

Ein Spieler ragt heraus: Mitchell Weiser. Wie dringend braucht Hertha ihn?

Man hat gesehen, wie sehr wir ihn vermisst haben, als er letzte Saison verletzt war. Er hat sich wirklich gut entwickelt. Ich wünsche mir, dass er dran bleibt, dass er weiterhin nicht zufrieden wird.

Was ist Ihr Wunsch für die Spielzeit?

Dass wir die Mannschaft bleiben, die wir sind.

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