Bundesliga-Vorbereitung

Pal Dardai bläst bei Hertha zur Attacke

Hertha soll schneller kombinieren und agressiver verteidigen: Trainer Dardai verändert das Spiel seiner Mannschaft.

Hertha-Trainer Pal Dardai gibt den Ton an

Hertha-Trainer Pal Dardai gibt den Ton an

Foto: Mathias Renner / City-Press GbR

Schladming.  Von lockerem Austrudeln konnte keine Rede sein. In der letzten Einheit des Trainingslagers in Schladming mussten Herthas Profis noch einmal Schwerstarbeit verrichten – ohne ihr geliebtes Spielgerät wohlgemerkt, stattdessen mit Hanteln, Seilen und Medizinbällen. Während sich Vedad Ibisevic, Mitchell Weiser und Co. am Freitagvormittag im prallen Sonnenschein durchs Zirkeltraining arbeiteten, plauderte Chefcoach Pal Dardai ein paar Meter weiter entspannt mit seinem Trainerteam. Seine Trillerpfeife ließ der Ungar nur noch zwischen seinen Fingern baumeln.

„Ich kann die Jungs nur loben, besonders ihre Mentalität“, sagte der Ungar: „Alle haben gut mitgemacht – ich bin mit dem aktuellen Stand zufrieden.“ Der Härtetest gegen Galatasaray Istanbul (s. Infokasten) stand da zwar noch aus, doch die Fortschritte, die sein Team unter der Woche gemacht hatte, waren unverkennbar. Körperlich haben die Berliner an Spritzigkeit und Dynamik gewonnen, spielerisch an Profil. Wer das Team in Schladming beobachtete, sah eine deutlich angriffslustigere Elf als im Vorjahr. Hertha, so die größte Erkenntnis des Trainingslagers, setzt auf Attacke.

Der Trainer fordert mehr Torgefahr

Für Dardai ist die offensivere Ausrichtung der logische nächste Schritt, nachdem er seiner Mannschaft zunächst das Verteidigen und später das Ballbesitzspiel eingeimpft hatte. „Jetzt wollen wir im Angriff viel durch die Mitte spielen und auch über Konter“, erklärte der Coach, „wir brauchen einfach mehr Torgefahr.“

Wie jene entstehen soll? In Schladming ließ Dardai dafür drei Elemente trainieren. Erstens: den Spielaufbau über eine defensive Dreierkette, die sich aus den beiden Innenverteidigern und einem zurückfallenden Sechser bildet. Dadurch soll im Mittelfeld mehr Raum entstehen, den es zu nutzen gilt. „Ihr seid alle gut“, trichterte er seinen Spielern ein, „also seid mutig!“

Duda noch nicht ganz auf der Höhe

Das zweite Element betrifft das Kombinationsspiel im letzten Spielfeld-Drittel. Statt zähem Ballgeschiebe will Dardai knackige Passfolgen und überraschende Tempoverschärfungen sehen – mit flottem, präzisem Ein-Kontakt-Spiel. Eine zentrale Rolle kommt hierbei Spielmacher Ondrej Duda zu, der zwar endlich beschwerdefrei ist, aber noch einen Fitness-Rückstand offenbarte. „Seine defensive Disziplin ist schon gut“, sagte Dardai, „aber mit seinen Querpässen muss er tierisch aufpassen. So etwas führt zu Ballverlusten.“ Noch ist der Slowake nicht das Offensiv-Herzstück, das er sein soll.

Das dritte Puzzlestück für einen erfolgreicheren Angriff liegt in einer höheren Verteidigung. Hertha will den Gegner im Spielaufbau aggressiver unter Druck setzen und vor allem die Chaos-Momente nach eigenem Ballverlust besser nutzen. Geht das Spielergerät in der gegnerischen Hälfte verloren, soll es so schnell wie möglich zurückerobert werden. „Jagen! Jagen!“, brüllte Co-Trainer Rainer Widmayer über den Trainingsplatz. „Bis zum Pokalspiel in Rostock (14. August) muss das sitzen“, forderte Dardai.

Schwächen bei den Flanken

So viel zur Taktik, bleibt das Personal. Der Schlüssel zu mehr Offensivgefahr sei schließlich die individuelle Klasse, betonte der Trainer – Genki Haraguchi und Alexander Esswein hätten ihre Flanken nun mal „überall hingeschlagen, nur nicht auf unsere Spieler“. Die neuen Hoffnungsträger auf den Flügeln heißen Mathew Leckie, der im Trainingslager einen überzeugenden Eindruck hinterließ, und Valentino Lazaro.

Der Österreicher, am Donnerstag verpflichtet, wird jedoch erst in ein paar Wochen ins Training einsteigen. Für Valentin Stocker und besonders Sinan Kurt scheint sich die Perspektive indes immer finsterer. Stocker blieb im 18er-Kader gegen Galatasaray außen vor, Kurt kassierte gar den nächsten Rüffel. „Wenn man einen jungen Spieler immer wieder motivieren muss, hat man ein Problem“, sagte Dardai: „Wir müssen ihn nicht abgeben, aber er soll seinen Hintern bewegen.“

Comeback von Torunarigha

Ansonsten störte sich Dardai in Schladming nur an der Abwesenheit potenzieller Stammkräfte. Defensiv-Allrounder Niklas Stark, der als Innenverteidiger eine aufsehenerregend gute U21-EM spielte, fehlte ebenso verletzt wie Rekordeinkauf Davie Selke. „Schade, dass Davie nicht bei uns war, denn für taktische Arbeit haben wir in der Saison nicht mehr viel Zeit“, monierte Dardai. Auch mit Eigengewächs Jordan Torunarigha hätte er sicher gern weitergearbeitet. Immerhin gab der 19-Jährige nach dreiwöchiger Verletzungspause sein Comeback bei der U23 in der Regionalliga (2:0 in Luckenwalde). Dessen neuer Links­verteidiger-Konkurrent Karim Rekik, wirkte längst nicht immer souverän.

Was Dardai dem Hertha-Jahrgang 2017/18 zutraut? Das ließ er noch offen. „Wir werden unsere Ziele erst festlegen, wenn alle zusammen sind“, sagte er mit Blick auf die kommende Woche. Fest steht: Nach 50 Punkten 2015/16 und 49 in der Vorsaison werden die Erwartungen nicht kleiner, die Herausforderungen mit der Doppelbelastung Europa League jedoch auch nicht.

„Wir haben in den letzten Jahren mit Pal das Beste aus der Mannschaft rausgeholt“, betonte Vedad Ibisevic und ahnte ­bereits: „Das dritte Jahr wird mit ­Sicherheit das schwerste.“