Hertha BSC

Wer sich bei Hertha jetzt besonders strecken muss

Trainer Dardai hat seine Start-Elf gefunden, doch dahinter müssen jetzt im Trainingslager sechs Profis zeigen, dass sie dem Team noch helfen können

Foto: Expa/Martin Huber / MARTIN HUBER

Schladming.  Die Idylle ist trügerisch, aber es ist leicht, ihr zu erliegen. So malerisch Schladming von seinem Bergpanorama umspannt wird, so putzig kommt das 7000-Einwohner-Städtchen ja im Kleinen daher. Verwinkelte Gassen und ein rauschender Bach prägen das Bild, dazu Blumenschmuck an jeder Ecke. Den Einheimischen geht es gut, das sieht man ihnen an, und die Touristen genießen das Leben. „Hier trifft man sich“, steht unter dem Ortsschild. „Hier macht man gern Urlaub“, sagen die Besucher.

Seit Montag zählen auch die Profis von Hertha BSC zu den Gästen, mit dem Unterschied, dass sie von der Genuss-Atmosphäre nichts haben werden. Dafür steht im Trainingslager zu viel auf dem Programm, zu viel auf dem Spiel auch. Zwei Wochen vor dem Pflichtspielstart im DFB-Pokal bei Hansa Rostock am 14. August müssen sich die Berliner langsam, aber sicher finden. Fußballerisch, als Team – genauso wie jeder Einzelne seinen Platz. Wer wo steht, hat das Jubiläumsspiel gegen Liverpool unmissverständlich gezeigt.

Pekarik und Lustenberger müssen sich anbieten

Jene, die nicht zu ersten Wahl gehörten, werden in Schladming beweisen müssen, dass sie trotzdem wichtig sind. Es wird Härtefälle geben. Für einige geht es sogar um die Zukunft. Da wären zum Beispiel die Routiniers Fabian Lustenberger (29) und Peter Pekarik (30), die gewisse Parallelen zu jenem Hochradfahrer aufweisen, der tagtäglich als Touristengag durch Schladming rollt.

Nicht mehr zeitgemäß wirken sie, nicht nur, weil ihnen das Tempo fehlt, sondern weil andere, neuere Modelle längst bessere Qualitäten mitbringen. Mehr Angriffslust wie Mitchell Weiser, der Pekarik als Rechtsverteidiger verdrängt. Oder eine stabilere Konstitution wie Niklas Stark, an dem Lustenberger weder als Innenverteidiger noch als Sechser vorbeikommt. Verzichten wird Hertha trotzdem nicht auf das erfahrene Duo, weil beide als Musterprofis gelten, die sich pflichtbewusst hinten anstellen und da sind, sobald sie gebraucht werden. Weil sie flexibel einsetzbar sind, und Hertha die Europa-League-Saison ohne Ersatzpersonal nicht überstehen wird.

Die Berliner planen nun eine Leihe im Fall Lazaro

Inwieweit Valentin Stocker (28) und Genki Haraguchi (26) noch gebraucht werden, steht indes auf einem anderen Blatt. Die beiden Flügelspieler erinnern an die Paraglider, die in Schladming oft direkt neben dem Trainingsgelände landen. In ihren besten Momenten gelingen ihnen spektakuläre Manöver, doch meist hängen sie irgendwie in der Luft. Manchmal droht sogar eine harte Landung, so wie am vergangenen Freitag. Da hatte Dardai beide zu einem Test gegen den Siebtligisten Club Italia abgeschoben. Ein eindeutiges Signal.

Im Trainingslager können Stocker und Haraguchi noch mal Werbung in eigener Sache machen, ihre Zukunft wird jedoch auch davon abhängen, ob Hertha den Österreicher Valentino Lazaro (21) von Red Bull Salzburg verpflichtet. Nachdem sich beide Klubs schon fast handelseinig waren, wurde bei Lazaro eine Außenbandverletzung diagnostiziert. Nun ist eine Leihe im Gespräch. „Wir wollen das Ganze in den nächsten Tagen abschließen“, sagte Salzburgs Geschäftsführer Stephan Reiter den „Salzburger Nachrichten“. Die Entscheidung könne „in beide Richtungen“ gehen.

Ob die Entwicklung von Alexander Esswein (27) in eine gute Richtung geht? Daran sind in Berlin inzwischen erheblich Zweifel aufgekommen. Die vom Trainer gelobte „internationale Schnelligkeit“ hat der Offensiv-Allrounder zigfach nachgewiesen, taktisches Verständnis und Torgefahr hingegen kaum. Wäre Esswein ein Schladming-Tourist, dann wohl ein Straßenradfahrer. Schnell und geradeaus – kein Problem, aber sobald es in anspruchsvolleres Gelände geht, fehlen die richtigen Mittel. In seinem zweiten Jahr bei Hertha muss er nachweisen, dass er mehr ist als ein Abfahrer.

Abwehrspieler Torunarigha fehlt in Österreich

Bleiben die Aufsteiger, jene vier Talente, die über den steinigen Nachwuchsweg stetig nach oben gekraxelt sind. Jetzt, da sie einen Fuß ins Profi-Lager gesetzt haben, wird sich zeigen, ob sie weitere Schritte machen können Von Julius Kade (18) und Trainersohn Palko Dardai (18) erwartet niemand Wunder, körperlich wirken sie noch nicht bereit für den Männerfußball. Florian Baak (18) ist physisch weiter, merkt aber, „dass es nicht reicht, nur groß zu sein“ (Dardai). Der Abwehrspieler kann sich in Österreich zeigen, weil Jordan Torunarigha nach einer Außenbandverletzung entgegen der ersten Planung doch in Berlin geblieben ist. Dem hochgelobten Arne Maier (18) wird zugetraut, jetzt den Durchbruch zu schaffen.

Dass der Weg vom Supertalent zum Profi kein Selbstläufer ist, beweist Sinan Kurt. Der 21-Jährige galt einst als Versprechen. Nun steht er bei Hertha auf wackeligen Beinen. Schon mehrfach hat Dardai mangelnde Professionalität angemahnt. In Schladming wird er unter besonderer Beobachtung stehen. Er könnte verliehen werden.