Politik

754 Kilometer durch die Alpen

Was ein Wissenschaftler vom Genfer See auf sich nimmt, um seinem Heimatverein Hertha BSC zu folgen

Mit Entfernungen kann man sich leicht vertun. Aber der Routenplaner im ­Internet ist unbarmherzig: Die Strecke, um von einem Ende der Schweiz ans andere Ende von Österreich zu kommen, beträgt 754 Kilometer. Bahn, Flieger, alles zu umständlich. Es bleibt nur das Auto. Zum Glück für Gerhard Gmel spielt die Familie mit. Eigentlich ist es so, dass Tochter Annik den Familien-Wagen täglich nutzt, um zu ihrer Arbeit zu kommen. Damit der Papa seiner ­Leidenschaft nachgehen kann, macht sie eine Woche Homeoffice – Gmel kann fahren. Ein international anerkannter Alkohol- und Drogenforscher, 58 Jahre alt, der Urlaub nimmt, um Fußball zu gucken. Wenn Hertha BSC am ­Sonntag ins Trainingslager in die Steiermark fliegt, ist Gmel vor Ort.

Seit 1994 lebt er in Lausanne, mehr als 1000 Kilometer entfernt von seiner Heimatstadt Berlin. Während der Saison pflegt Gmel seit 20 Jahren sein Ritual: Immer am Sonnabend fischt er ein Hertha-Trikot aus dem Schrank und geht einkaufen. „Ich hoffe insgeheim, dass mich jemand anspricht.“ Die ­Resonanz im französisch-schweizer Grenzgebiet ist jedoch Wochenende für Wochenende dieselbe: nichts. Ob im Freundeskreis, unter Bekannten, im ­Fitnessstudio – es gibt keinen Gesprächspartner für seine Fußballliebe.

Hart für Gmel, aufgewachsen in Moabit, und seit dem neunten Lebensjahr Fan der Blau-Weißen. „Meine Mutter hat auf dem Markt gearbeitet, so bin ich am Sonnabend immer zum Olympiastadion gefahren.“ Schnell hatte er heraus, wenn es bei der weiträumigen Umzäunung ein Loch im Zaun gab. Nach 30 Minuten haben die Ordner die Stadiontore geöffnet. „Als ­Bengel haben sie mich schon nach 20 Minuten reingelassen.“ Die Idole seiner Jugend waren Volkmar Groß, Arno Steffenhagen, Erich Beer und Wolfgang Sidka. „Wir wollten damals guten Fußball sehen. Hertha hat Ende der 60er bis Mitte der 70er guten Fußball geboten.“ Irgendwann kam das Studium, das erste Kind, das zweite. 1994 war Gmel, mittlerweile Wissenschaftler, nach Lausanne umgesiedelt. „Die Kinder waren zwei und sechs Jahre alt. Neues Land, neuer Job, neue Sprache, da war Fußball nicht mehr wichtig.“

Das sollte sich ändern. „1997 beim Hertha-Aufstieg in die Bundesliga nicht dabei sein zu können, das hat richtig wehgetan.“ Das Internet macht es möglich, dass Hertha als Anker in die Heimat funktioniert. Seit Jahren verfolgt Gmel, was über seinen Klub berichtet wird. Und entflieht zumindest im Netz der Hertha-Diaspora. „Meine Begeisterung hängt damit zusammen, dass ich nicht zu Hertha gehen kann.“ Schlechtes Wetter im Stadion, volle Stadiontoiletten, lauwarmes Bier, Wartezeiten bei der Abfahrt - „alles, was den Besuch verderben kann, erlebe ich nicht“. Wann immer er ein paar Minuten Pause hat, schaut Gmel unter seinem Nutzernamen „Hurdiegerdie“ etwa bei Immerhertha vorbei, dem Blog der Morgenpost.

In Schladming ist Gmel zum zweiten Mal dabei. Er war überrascht von der Gemeinschaft unter den Fans. Obwohl neu und älter als die meisten, „war ich sofort in der Runde aufgenommen“. Gmel staunte, wie schnell Fußball ist, wenn man ihn nicht als TV-Zuschauer, sondern als Trainingsgast aus zwei Meter Entfernung verfolgt. Beim Fan-Treffen mit den Profis plaudert er, natürlich, mit den Schweizern Fabian Lustenberger und Valentin Stocker. Und spielte einen Vorteil seines Wohnortes aus: „Ich habe mich auf französisch bei Salomon Kalou entschuldigt, dass ich ihn immer so kritisch gesehen habe.“ Und Kalou, Champions-League-Sieger mit Chelsea und Afrika-Cup-Meister mit der Elfenbeinküste? „Der war total nett.“

Am meisten freut sich Gmel auf den ­Tagesbeginn. Im Hotel in den ­Frühstückraum zu kommen „und 20 Leute berlinern zu hören – da wird mir ganz warm ums Herz“. Und wie sieht die Familie den Hertha-Faible des ­Papa? „Als ich vergangenen Sommer aus Schladming zurückgekommen bin, sagte meine Frau: ‚Du hast schon lange nicht mehr so glücklich ausgesehen.‘“