Bundesliga

In der Kraft liegt Herthas Ruhe

Kondition getankt, Herausforderungen erkannt: Hertha-Manager Preetz sieht in der Teilnahme an der Europa League mehr Chance als Gefahr

Foto: Mathias Renner / City-Press GbR

Bad Saarow.  Das Handy am Ohr, gestikulierend auf und ab schreitend – so war Michael Preetz in den vergangenen Jahren in jedem Trainingslager zu beobachten. So sieht der Berufsalltag eines Fußball-Managers aus, wenn die Transferphase läuft. Es gibt immer einen Spieler, den man noch verpflichten möchte. Und im eigenen Kader immer einen Profi, den man vielleicht abgeben könnte.

Aktuell bereitet sich Hertha BSC auf die anspruchsvollste Saison seit Jahren vor. Erstmals seit 2009 ist der Hauptstadt-Klub im Europacup unterwegs. Die Bundesliga ist nach den Abstiegen von Darmstadt und der Rückkehr von Stuttgart sowie Hannover noch ausgeglichener geworden. Dazu haben Konkurrenten mit deutlich höheren Personaletats (Gladbach, Schalke, Wolfsburg) keine Dreifach-Belastung. „Uns erwartet eine knackige Saison“, sagt Michael Preetz.

Um so erstaunlicher, was die Hertha-Verantwortlichen derzeit im Trainingslager in Brandenburg ausstrahlen: Preetz hat sich vergangene Woche ein paar freie Tage gegönnt und ist der Mannschaft erst zwei Tage später nachgereist. In Bad Saarow plauderte er mit Präsident Werner Gegenbauer oder mit Trainer Pal Dardai. Die meiste Zeit schaut der Manager zu.

Weitere Transfers sind schon vorbereitet

Der Grund für die Ruhe: Vier wichtige Wechsel hat Hertha gleich zu Anfang der Transferperiode abgewickelt: John Brooks wurde für 20 Millionen Euro nach Wolfsburg verkauft. „Ohne diesen Wechsel hätten wir uns Davie Selke nicht leisten können“, sagt Preetz über den Stürmer, der für 8,5 Millionen von RB Leipzig verpflichtet wurde.

Mathew Leckie (vom FC Ingolstadt) soll für mehr Geschwindigkeit auf Herthas Außenbahnen sorgen, Karim Rekik (von Olympique Marseille) die Abwehr stabilisieren. Dardai lobt: „Karim ist ein sehr intelligenter Fußballer, beidfüßig, in Holland gut ausgebildet, ein guter Typ.“

Die Basis ist also gelegt. Weitere Transfers, auf die Hertha hofft, sind vorbereitet, aber im Moment tut sich nichts. Deshalb hat Preetz einen Kurz-Urlaub genommen. Und schaut nun, wann Bewegung ins Personalkarussell kommt. Das Transferfenster ist bis zum 31. August geöffnet. Die Arbeit liegt im Moment getreu dem Motto „in der Kraft liegt die Ruhe“ beim Trainer-Team. „Es geht darum, die Mannschaft in die bestmögliche Verfassung zu bekommen“, sagt Preetz. In Bad Saarow wurde die Kondition für die neue Saison erarbeitet.

Leihe von Passlack geplatzt – Interesse an Lazaro

Die offizielle Lesart geht so: Hertha vertraut allen Spielern, die derzeit das Konditionsprogramm von Fitnesstrainer Henrik Kuchno durchstehen. „Dazu gehören auch Genki Haraguchi und Valentin Stocker“, sagt Preetz. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass sich der Trainer für die Positionen des japanischen und Schweizer Nationalspielers mehr Dynamik, mehr Spielverständnis und mehr Torgefahr wünscht.

Das Hertha-Interesse am schnellen Österreicher Valentino Lazaro (von RB Salzburg) gilt als gesichert. In einem Hintergrundgespräch mit Medienvertretern in einem Bootshaus am Scharmützelsee wollte sich Preetz am Mittwoch aber nicht in die Karten schauen lassen: „Ob Lazaro oder Felix Passlack, wer auch immer in den Medien gespielt wird, dazu gibt es nichts zu sagen.“

Die Option Passlack ist mutmaßlich geplatzt. Hertha wollte den schnellen Rechtsverteidiger, der bei Borussia Dortmund nur selten zum Einsatz kam, ausleihen. Da aber der Portugiese Raphael Guerreiro (Fußbruch) für Monate ausfallen wird, wird der BVB ihn wohl nicht hergeben.

Gezielte Maßnahmen gegen Dreifach-Belastung

„Wir sind dicht dran am Markt“, sagt Preetz, im Moment sei aber nichts „in der Pipeline“. Der Manager weiß um die Herausforderung. „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Vereine, die die Dreifach-Belastung nicht gewohnt waren, in der Bundesliga in Bedrängnis gekommen sind.“

Darauf will sich Hertha mit einem Bündel von Maßnahmen über Trainingssteuerung, Reisen, Verbesserungen bei der Ernährung und der Regeneration einstellen. Vor allem betont Preetz die Freude: „Die Mannschaft hat zwei Jahre dafür gearbeitet, um international zu spielen. Die Europa League ist eine Bühne für jeden Spieler, um sich zu zeigen.“ Zumal es in diesem Jahr – die Uefa lost die Europa League-Gruppen am 25. August aus – attraktive Gegner gibt wie den FC Arsenal oder Olympique Lyon. Europa soll mehr Chance als Gefahr sein.

Trotzdem bleibt die Bundesliga und das Vermeiden von Abstiegssorgen oberstes Gebot. Und konträr zu der Ruhe, die die Hertha-Verantwortlichen ausstrahlen, weiß Preetz um die Mechanismen der manchmal absurd schnellen Branche. Er lacht, als er gefragt wird, wie seine Ambitionen aussehen mit Hertha für die kommenden 15, 20 Jahre: „Wäre ich Trainer, würde ich sagen: Wir können über die nächsten sechs Wochen reden.“ Jeder weitergehende Zeithorizont sei Spekulation ...