Immer Hertha

Mit Hertha von der Hotelbar zur Eistonne

Das Trainingslager der Fußball-Profis von heute ist mit früher auch nicht mehr zu vergleichen, findet Uwe Bremer.

Hertha-Fans im Olympiastadion

Hertha-Fans im Olympiastadion

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Das Adrenalin pulsierte, Jürgen Röber holte aus, sein Arm hatte schon die Hälfte des Weges zurückgelegt, als aus dem Hintergrund eine energische Stimme ertönte: „Jürgen, lass’ das!“ Es war Bernd Storck, der den Trainer von Hertha BSC wieder erdete. Der harmlose Kick am freien Nachmittag im Trainingslager zwischen Journalisten und dem Trainerteam hatte eine Eigendynamik angenommen. Natürlich war der Hertha-Tross, allein Röber und Storck brachten die Erfahrung von über 500 Bundesliga-Spielen mit, turmhoch überlegen. Aber es war nickelig geworden. Ein Ellenbogen hier, eine Grätsche dort.

Dann gab es Einwurf für die Journalisten. Der Kollege wollte das Spiel schnell machen und Röber den Ball auf den Rücken werfen. In den Wurf hinein drehte sich Röber um, der Ball traf ihn mitten im Gesicht – spontan holte der damalige Hertha-Trainer aus. Am Ende ist nichts passiert – aber seit jenem Nachmittag im Juli 1999 gibt es kein Fußballspiel dieser Art mehr.

Der Hertha-Jahrgang 2017/18 bricht heute ins Lauftrainingslager nach Bad Saarow auf. Für den Schreiber dieser Zeilen ist es die 25. Saison, in der er ­Hertha begleitet. Auch an Trainings­lagern lässt sich einiges ablesen über Entwicklungen im Profifußball.

Da war die Vorbereitung im Januar 2002 in Marbella. Gerd Driehorst, Mentaltrainer bei Hertha, schwärmte von dem Programm mit neuen, spaßbetonten Übungen, das Röber durchzog. Wie wichtig es als Trainer sei, sich neu zu erfinden, rauszukommen aus den bekannten Wegen. Zwei Bundesliga-Niederlagen und einen K.o. im DFB-Pokal später war ­alles Makulatur – am 6. Februar ­wurde Röber entlassen.

Auch mit dem Angebot eines Mentaltrainers gehen die meisten Profiklubs sehr viel defensiver um als Hertha damals. Manager Dieter Hoeneß wollte 1998 die Vorreiterrolle des Hauptstadt-Klubs unterstreichen. Seit einem öffentlich ausgetragenen Trennungsstreit im Frühjahr 2004 wirken bei Hertha und den anderen Profiklubs Mentaltrainer nur im Hintergrund. Längst vorbei sind die Zeiten, als Medien und Mannschaft in einem Hotel wohnten. Weil es Klubverantwortliche nervt, wenn etwa morgens um 2.30 Uhr ein Journalist noch an der Hotelbar lungert – bloß nichts verpassen. Gewartet wurde auf Manager Dieter Hoeneß, der das Teamhotel an der Algarve am frühen Abend verlassen hatte. Der kam aber weder angeheitert noch in Plauderlaune zurück. Der damalige Manager war insgesamt vier Stunden im Auto unterwegs gewesen, um sich bei einem Test einen interessanten Spieler anzuschauen – der wurde wegen einer Verletzung aber nicht eingesetzt.

Obwohl in der Branche jeder Manager ein Loblied singt auf Beständigkeit und Kontinuität: Das Hertha-Trainingslager im Winter 2010 leitete Friedhelm ­Funkel. 2011 war es Markus Babbel, im Januar 2012 ­Michael ­Skibbe, im Januar 2013 Jos ­Luhukay. Aktuell verantwortet Pal Dardai sein fünftes Trainingslager. Verrückt: Dardai ist zweieinhalb Jahre Bundesliga-Trainer. Nur Peter Stöger (1. FC Köln/seit 2013) und Christian Streich (SC Freiburg/2012) sind länger im Amt.

Auch wenn der blau-weiße Tross schon lange im abgeschirmten Hotel logiert, sei den Lesern ein Abstecher nach Brandenburg empfohlen. Allein das Waldstadion zwischen Bad Saarow und Reichenwalde ist die Reise wert. Die Betreuung ist liebevoll. Näher als auf dieser Anlage kann man nicht erleben, wie Salomon Kalou, Vedad Ibisevic oder Jordan Torunarigha arbeiten.

Nach Intervallläufen bei 35 Grad kam vor drei Jahren im Waldstadion erstmals die Eistonne zum Einsatz – von der alle Profis Gebrauch machten. Hat man Glück, entspinnt sich auf der kleinen Terrasse mit dem prima Überblick ein Gespräch mit Herthas Athletik-Experten. Die sitzen am Laptop und berichten, dass nicht nur jeder Meter, den die Profis laufen, protokolliert wird. Sondern auch die Puls­frequenz und was man sonst an Daten erfassen kann. Nur der Adrenalinwert des Trainers ist auch heute noch eine unerforschte Größe …

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