Immer Hertha

Bayern München wirbt um blutjunge Hertha-Talente

Der Rekordmeister will sich drei Hertha-Hoffnungen schnappen. Nikola und Nemanja Motika sowie Torben Rhein sind 13 und 14 Jahre alt.

Greift nach Hertha-Talenten: Bayern-Präsident Uli Hoeneß

Greift nach Hertha-Talenten: Bayern-Präsident Uli Hoeneß

Foto: Matthias Balk / dpa

Er klaut. Ausgerechnet der erfolgreichste und finanzstärkste Fußballklub des Landes, der FC Bayern, jener Verein also, der sich ohnehin alles und jeden leisten kann, "klaut", titelte am Donnerstag der Boulevard. Eine skandalträchtige Schlagzeile, zweifelsohne – und zugleich eine Steilvorlage für alle Zyniker. "Geht das schon wieder los?", werden sie sich gedacht haben, während in ihren Köpfen die Namen Hoeneß und Rummenigge aufpoppten. Der eine, Präsident Uli Hoeneß, hatte den Fiskus bekanntlich um viele Millionen Euro gebracht; dem anderen, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, war vor ein paar Jahren entgangen, dass man auf Reisen erworbene Luxusuhren beim Zoll präsentieren muss. Kann ja mal passieren.

Spaß beiseite. Beim aktuellen "Talente-Klau" vergeht einem nämlich das Lachen – zumindest als Berliner. Bei den drei Nachwuchshoffnungen, die sich die Bayern schnappen wollen, handelt es sich um Spieler von Hertha BSC, also um potenzielle Hauptstadt-Stars vor morgen. Wer weiß: Vielleicht wären aus Nemanja Motika (14) und dessen Bruder Nikola (13) eines Tages die nächsten Boatengs geworden? Oder aus Torben Rhein, auch er erst 14 Jahre, der nächste John Brooks?

Konkret äußern wollte sich am Donnerstag kein Hertha-Verantwortlicher zu dem Fall. Im Grundsatz, das bestätigte der Klub, entsprächen die in der "B.Z." geschilderten Fakten aber den Tatsachen. Demnach hätten die Eltern des Trios den Verein über den Wechselwunsch informiert. Seither warten sie in Herthas Nachwuchsakademie auf eine offizielle Kontaktaufnahme der Bayern. Bislang vergebens.

Beim Umgarnen ihrer Wunschspieler waren die Münchner weniger zurückhaltend. Von einer Einladung zu einem Champions-League-Spiel ist die Rede, auch von einem anschließenden Zukunftsgespräch im Beisein von Hoeneß und Rummenigge. Königsklassen-Atmosphäre als Trumpf, auch was die Ausbildungsbedingungen betrifft. Mit Hermann Gerland hat in München einer der besten Spielerentwickler des Landes das Nachwuchs-Sagen, ein Trainer, der Granden wie Philipp Lahm und Thomas Müller hervorbrachte. Es gibt schlechtere Visitenkarten.

Es gehe um Top-Talente – "die sind richtig gut", sagt Herthas Nachwuchschef Benjamin Weber, der natürlich "not amused" ist von den Abwerbeversuchen. Förderverträge, um Talente an sich zu binden, dürfen die Klubs erst ab der U15 abschließen. Vorher müssen die Vereine damit leben, ihre hoffnungsvollsten Spieler für eine überschaubare Aufwandsentschädigung abzugeben.

Vereine diskutieren schon mit Zehnjährigen über "Karriereplan"

Neu ist das Phänomen nicht. Tatsächlich wird die Jagd nach Talenten immer früher eröffnet. Ab der U13 ist überregionales Scouting Usus, frei nach dem Motto: Warum später teuer bezahlen, was man heute im Vorbeigehen mitnehmen kann? Es sei ein "Wettkampf um Kinder", bei dem der "Konkurrenzkampf immer größer" werde, sagte ein Talentscout des Hamburger SV in einer im April ausgestrahlten NDR-Dokumentation: "Immer früher wird den Jungs und den Eltern der große Traum erzählt." Ein System, das ein flaues Gefühl im Magen hinterlässt.

Seriös prognostizieren lässt sich die Entwicklung eines Spielers in so jungen Jahren nicht. Trotzdem diskutieren Vereinsvertreter schon mit Zehnjährigen über ihren "Karriereplan" – und investieren mitunter absurde Summen. Den Gipfel der Talentjagd-Perversion produzierte unlängst Real Madrid: In der Hoffnung, den nächsten Neymar gefunden zu haben, zahlten die Spanier 45 Millionen Euro (!) für einen 16-jährigen (!!) Brasilianer namens Vinicius Junior. Ein letzter Beweis dafür, dass der Markt entfesselt ist.

Für Christian Streich, den meinungsstarken Cheftrainer des SC Freiburg, ist das Rad auch hierzulande längst überdreht. Es gebe keine Schamgrenze mehr, moniert er, "da werden soziale und pädagogische Aspekte einfach über Bord geworfen". Ob ein 14-Jähriger mehr verdiene als sein Vater, interessiere einfach nicht mehr. Eine Kritik, die man ruhig mal sacken lassen darf.

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