Fußball

Davie Selke wird Herthas neue Spitze

Für Davie Selke geben die Berliner mehr Geld aus denn je. Der 22-Jährige gilt als eines der größten Sturm-Talente des Landes.

Foto: imago sport / imago/Picture Point LE

Berlin.  Pal Dardai und Michael Preetz hatten sich aus nächster Nähe von Davie Selkes Fähigkeiten überzeugen können – vor nicht einmal vier Wochen. Im Berliner Olympiastadion mussten Trainer und Manager von Hertha BSC mitansehen, wie der Stürmer von RB Leipzig innerhalb kürzester Zeit sein großes Repertoire darbot. Auf einen feinen Pass per Hackentrick ließ er eine Balleroberung folgen, setzte zum Vollsprint an und drosch das Spielgerät schließlich wuchtig ins Netz. Den Berliner Verteidiger John Brooks ließ Selke dabei aussehen wie einen hüftsteifen Freizeitspieler.

Das Gute aus Berliner Sicht: Brooks gehört seit Mittwoch dem VfL Wolfsburg an. Und Selke seit Donnerstag Hertha. Beides ist eng miteinander verknüpft – Preetz nutzte die rund 20 Millionen, die er für Brooks herausgehandelt hatte, prompt zur größten Investition, die Hertha je für einen einzelnen Spieler getätigt hat. Nach Morgenpost-Informationen beläuft sich die Ablöse auf einen Sockelbetrag von 8,5 Millionen Euro. Durch Bonuszahlung kann sich die Summe auf einen kleinen zweistelligen Millionenbetrag erhöhen. Dem Vernehmen nach läuft Selkes Vertrag bis 2022.

Nur zwei Startelfeinsätze in der abgelaufenen Saison

„Wir freuen uns sehr, dass wir einen weiteren talentierten deutschen Nationalspieler für uns gewinnen konnten“, sagte Preetz. Ein „richtiger“, also ein A-Nationalspieler ist Selke allerdings noch nicht. Seit der U16 hat er jedoch alle DFB-Auswahlteams durchlaufen und zählte auch zur deutschen Olympiaauswahl, die 2016 in Rio die Silbermedaille gewann. Sein damaliger Trainer Horst Hrubesch hält große Stücke auf ihn, auch wenn Selke in Rio viele Chancen vergab. „Es geht nicht immer darum, dass der Mensch die Tore machen muss“, sagte Hrubesch. „Wenn man sieht, wie er arbeitet, wie er die Bälle holt – das ist einfach große Klasse.“ Aus dem Mund einer Stürmerlegende ein kleiner Ritterschlag.

In Leipzig waren die Verantwortlichen zuletzt weniger von ihm begeistert. Vielleicht, weil er nicht gut genug ins pressingwütige Konzept von Trainer Ralph Hasenhüttl passte. Vielleicht auch, weil die Konkurrenz um Timo Werner und Yussuf Poulsen schlicht zu groß war. Nur zweimal stand Selke in der abgelaufenen Saison in der Startelf, kam insgesamt auf 430 Einsatzminuten und vier Tore. Zwei davon erzielte er beim 4:1 gegen Hertha. „Im Torabschluss“, sagte Hasenhüttl, „ist er wahrscheinlich unser Bester.“

Bei Hertha passt Selke, 1,92 Meter groß, Rechtsfuß, perfekt ins Anforderungsprofil. Als Ergänzung zu den Routiniers Vedad Ibisevic (32) und Salomon Kalou (31) hatten die Verantwortlichen nach einem jungen Stürmer gefahndet – auch, um die Abhängigkeit von den Treffern des Angreifer-Duos zu reduzieren. „Gerade im Hinblick auf die anstehenden internationalen Aufgaben ist er eine wichtige Verstärkung“, sagte Preetz.

Gemeinsam mit Weiser und Stark bei der U21-EM

Seine Fähigkeiten hat Selke, Sohn einer Tschechin und eines Äthiopiers, schon früh gezeigt. Bei der U19-EM 2014 schoss er das deutsche Team mit sechs Treffern zum Titel, wurde Torschützenkönig des Turniers und stellte den Rekord des Spaniers Alvaro Morata (Real Madrid) ein. Fakten, die Fantasie wecken. „Wir sehen noch eine Menge Entwicklungspotenzial“, sagt Preetz.

Seinen Durchbruch im Männerbereich schaffte Selke bei Werder Bremen. In der Saison 2014/15 gelangen ihm in 30 Spielen neun Tore und vier Vorlagen. Zahlen, die RB Leipzig acht Millionen Euro wert waren. In Liga zwei steuerte Selke zehn Treffer zum Aufstieg bei, doch sein persönlicher Aufstieg, der geriet danach ins Stocken.

Dass Selke Leipzig verlassen wollte, war bekannt. An potenziellen Abnehmern mangelte es nicht. Neben den Premier-League-Klubs aus West Ham, Everton und Swansea buhlte vor allem Werder um seinen verlorenen Sohn. Manager Frank Baumann konnte bei Herthas Angebot aber nicht mitgehen. „Bei Selke sind wir raus“, sagte er am Donnerstagvormittag.

Wie wertvoll Selke für Hertha werden kann, muss die Zukunft zeigen. Dass er Ibisevic und/oder Kalou auf Anhieb verdrängt, darf bezweifelt werden. Seine Qualitäten – Athletik, ein gutes Kopfballspiel, Schnelligkeit und Leidenschaft – sind jedoch unbestritten.

Bevor er richtig in Berlin ankommt, zieht es Selke vorerst nach Grassau am Chiemsee. Dort bereitet sich die deutsche U21 auf die EM in Polen vor. Mit dabei sind auch die Herthaner Mitchell Weiser und Niklas Stark. Sie werden sich von Selkes Können schon jetzt überzeugen können. Aus nächster Nähe.