Rekordtransfer

Herthas John Brooks vor Rekordwechsel nach Wolfsburg

Herthas Eigengewächs John Brooks kehrt seiner Heimat den Rücken und wechselt nach Wolfsburg. Die Berliner erhalten eine Rekordablöse.

John Brooks hat für Hertha BSC 90 Bundesligaspiele und 29 Zweitligaspiele gemacht

John Brooks hat für Hertha BSC 90 Bundesligaspiele und 29 Zweitligaspiele gemacht

Foto: Thomas Frey / dpa

Berlin. Eigengewächs, Aushängeschild, Identifikationsfigur und Kapitän der Zukunft – John Anthony Brooks hat bei Hertha BSC viele Rollen gespielt, allen voran natürlich die des hochveranlagten Innenverteidigers. Damit ist nun Schluss. Brooks (24) wechselt zum Bundesliga-Konkurrenten VfL Wolfsburg und wird sich somit aller emotional aufgeladener Nebenrollen entledigen. Bei den Niedersachsen soll der US-Nationalspieler mithelfen, einen Beinahe-Absteiger wieder in einen Europapokal-Teilnehmer zu verwandeln. Nicht mehr und nicht weniger.

Wie Hertha der Morgenpost bestätigte, haben sich beide Klubs auf einen Transfer geeinigt. Letzte Formalitäten blieben am Dienstag offen, sollen aber am heutigen Mittwoch geklärt werden. Die Ablöse beläuft sich nach Informationen dieser Zeitung auf mindestens 20 Millionen Euro – eine Summe, mit der Hertha in neue Dimensionen vorstößt. Bislang hielt Stürmer Adrian Ramos den Transferrekord. Der Kolumbianer war 2014 für 9,7 Millionen Euro zu Borussia Dortmund gewechselt.

Coach Dardai hadert mit der Einstellung des Verteidigers

So lukrativ der Transfer für Hertha ist, so sehr erstaunt er aus Spieler-Perspektive. Während seine Ex-Kollegen 2017/18 in der Europa League reüssieren, wird sich Brooks im VfL-Trikot mit dem Liga-Alltag begnügen müssen. Wolfsburg, als Pokalsieger und Tabellenzweiter 2015 noch zum Bayern-Jäger Nummer eins erklärt, hatte erst am Montag in der Relegation gegen Eintracht Braunschweig den Klassenerhalt gesichert. Und dass Mutterkonzern Volkswagen in Zeiten des Abgasskandals das Investitionspedal durchtritt, gilt als unwahrscheinlich.

Zu „Lebenslang-blau-weiß-Aussagen“ hat sich Brooks, geboren in Berlin und seit 2007 bei Hertha, nie hinreißen lassen. Prinzipiell sei er offen für vieles, sagte er, sprach offen über sein Sehnsuchtsziel, die englische Premier League. Vorerst aber habe in Berlin alles gepasst, hier wollte er Teil einer Entwicklung sein. „Hier entsteht gerade etwas“, sagte Brooks im November, „und wir sind längst nicht am Ende.“ Anfang 2016 hatte er seinen Vertag bei Hertha bis 2019 verlängert. Warum es jetzt trotzdem zum Wechsel kommt? Auch, weil Brooks bei Trainer Pal Dardai durch ­seine zu laxe Einstellung zunehmend in Ungnade gefallen war.

Brooks’ Potenzial ist unbestritten. Mit 1,93 Meter verfügt er über Gardemaß, ist schnell, kopfballstark und technisch versiert. Als Linksfuß verfügt er zudem über eine Extraqualität, die auch der frühere US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann zu schätzen wusste. Der Schwabe war einer seiner größten Förderer, verglich Brooks mit dem „jungen Per Mertesacker“ und lobte einen kommenden Weltklassespieler. „Für John“, sagte er, „ist die Grenze der Himmel.“

Dardai sah es ähnlich. Anders als sein Vorgänger Jos Luhukay, der den Deutsch-Amerikaner nach Patzern mehrfach vor der Halbzeit ausgewechselt hatte, schenkte er Brooks demonstrativ Vertrauen. Die Unbeständigkeit konnte aber auch er dem Verteidiger nicht austreiben. Das Problem verortete der Ungar, der in der Schlussphase seiner aktiven Karriere mit Brooks in Herthas U23 gespielt hatte, im Kopf. Zu wenig Konzentration, zu wenig Ehrgeiz, stattdessen zu viel Unbedarftheit und Risiko – dass Dardai sich nicht gegen einen Abgang stemmen würde, war ein offenes Geheimnis.

Hinzu kam Brooks’ Verletzungsanfälligkeit. In der abgelaufenen Saison plagten ihn Adduktoren-, Achillessehnen-, Oberschenkel- und Rückenprobleme. Im Saisonendspurt ereilte ihn ein Muskelfaserriss – zehn Partien verpasste Brooks.

Mit Jordan Torunarigha hat Dardai bereits einen „Brooks 2.0“ in Stellung gebracht. Der 19 Jahre alte Youngster, auch er ein Produkt der eigenen Nachwuchsakademie, schaffte in der Rückrunde den Sprung zu den Profis und kam bereits auf acht Einsätze. Da er als Linksfuß mit 1,89 Meter ähnliche Voraussetzungen mitbringt wie Brooks, ist der „echte Wettkampftyp“ (Dardai) als Nachfolger prädestiniert. Dennoch: Hertha wird in der Abwehr nachrüsten müssen, allein schon, um der neuen Mehrbelastung durch die Europa League Sorge zu tragen.

Das Geld, dass Brooks den Berlinern einbringt, kommt da gerade recht. Manager Michael Preetz steht schließlich vor einem spannenden Transfersommer. Er will Hertha nicht nur in der Breite ­verstärken, sondern auch in der Spitze. Vor allem offensiv wünschen sich die Verantwortlichen mehr Kreativität und mehr Tempo. Herausragende Schnelligkeit hat jedoch ihren Preis. Die Brooks-Millionen bescheren dem Manager nun neuen Handlungsspielraum.

Der Wechsel weckt Erinnerungen an Simunic

Brooks nächster Einsatz führt ihn in die Heimat seines Vaters. Denn: Auch Klinsmann-Nachfolger Bruce Arena hält große Stücke auf ihn. Der US-Coach hat den Berliner für die Länderspiele gegen Venezuela (6. Juni) und in Mexiko (11. Juni) nominiert. Jenseits des großen Teichs wird sein Wechsel nicht unbemerkt bleiben. Dass für einen US-Nationalspieler eine derart hohe Summe bezahlt wird, ist ein Novum.

In Berlin macht sich hingegen eher ein Déjà-vu-Gefühl breit. Schon 2009 wollte ein hochveranlagter Hertha-Verteidiger perspektivisch nach England. Josip Simunic ging dafür über den vermeintlichen Zwischenschritt Hoffenheim. Sein nächster Verein wurde zwei Jahre später Dinamo Zagreb.

Für Brooks, der seine Karriere sicher nicht am Mittellandkanal beenden will, könnten noch ganz andere Hürden auftauchen. Durch den Brexit wird es künftig jedenfalls nicht einfacher, in England eine Arbeitserlaubnis zu ­bekommen. Auch nicht für Profi­Fußballer in der Premier League.