Bundesliga

Hertha sucht einen Babysitter

Bei Hertha warnen sie vor dem abgestiegenen Tabellenletzten Darmstadt – vor allem, weil die Berliner mit einer Junior-Abwehr anreisen.

Abwehrcasting: Florian Baak, Sidney Friede, Chef Jordan Torunarigha und Nico Beyer (v.l.) stellen sich den Intendanten Rainer Widmayer und Pal Dardai vor

Abwehrcasting: Florian Baak, Sidney Friede, Chef Jordan Torunarigha und Nico Beyer (v.l.) stellen sich den Intendanten Rainer Widmayer und Pal Dardai vor

Foto: Ottmar Winter

Berlin.  Man muss es dieser Tage ja betonen: Pal Dardai ist kein Babysitter. War er nie. "Das hat immer meine Frau erledigt", sagt Herthas Trainer.

Nur hat die im Umgang mit der Jugend geschulte Frau Dardai bislang nicht geäußert, wer am Sonnabend (15.30 Uhr) gegen den SV Darmstadt spielt. Das ist auch nicht zu erwarten. Weshalb dann zwei Tage vor Anpfiff doch Herr Dardai sprach. Ihm fehlt es nämlich an Innenverteidigern: Fabian Lustenberger ist seit langem verletzt, John Brooks und Sebastian Langkamp sind gesperrt und bei Niklas Stark sollen nach einer Überlastungsreaktion im Fuß "keine leichtsinnigen Fehler" begangen werden, sagt Dardai. Er wird also festlegen müssen, wer neben dem 19-jährigen Jordan Torunarigha spielt, der mit vier Bundesliga-Spielen fast der Routinier in der Abwehr ist. Im Casting: Nico Beyer, 20, Florian Baak, 18, und Sidney Friede, 19.

Dardai ist zwar kein Babysitter, rühmt sich aber der Fähigkeit des optischen Charaktertests. Eine der bekanntesten Praktiken des Ungarn: weit gereisten Nationalspielern, Rekonvaleszenten und Jungen tief in die Augen schauen, notfalls bis in die fragende Seele, dann weiß der Befindlichkeits-Seismograf Dardai schon, wen er spielen lassen kann. Im Falle der Junior-Verteidiger etwa habe er schon "eine Tendenz", sagt Dardai. "Im Kopf."

Dardai wählt: Der Mann? Der Azubi? Oder der Ballsichere?

In andere Köpfe wollte er sie nicht lassen. Nachvollziehbar. "Wenn ich das jetzt sage, entspannt sich derjenige oder bekommt Angst. Das will ich nicht."

Das, was alle sehen: Der kopfballstarke Beyer kennt Torunarigha gut, die beiden sind zusammen A-Jugend-Pokalsieger geworden. Baak trainiert schon eine ganze Weile mit den Profis und hat mehr Tempo als die anderen. Friede ist im Mittelfeld ausgebildet und dementsprechend spielintelligenter als die anderen. "Beyer ist der Mann, Baak der Auszubildende, Friede der Ballsichere", sagt Dardai. "Aus den dreien müsstest du eigentlich einen Abwehrspieler machen." Aber das würde wohl nicht mal Frau Dardai hinbekommen.

Zuletzt war Dardais Tendenz aber schon mal zu erahnen: Im letzten öffentlichen Training durfte sich Baak mit Torunarigha einspielen, der für seine starke Entwicklung mit der Nominierung für die U20-Weltmeisterschaft belohnt wurde. Vom 20. Mai bis 11. Juni ist dann auch Maximilian Mittelstädt dabei.

Die Rückrunden-Müdigkeit gehört schon zur Folklore

Mittelstädt wäre in Darmstadt die Alternative zu Marvin Plattenhardt, der nach einem Muskelfaserriss im Oberschenkel überraschend die komplette Trainingswoche mitmachte. Dardai will bei ihm noch die intensiven Läufe im letzten Training abwarten. Es sieht aber so aus, als könne der Linksfuß spielen. Ein Glück für die Berliner, die Plattenhardts Standards als Türöffner brauchen. Im Hinspiel sorgte er per Freistoß aus 30 Metern für einen Hertha-Moment der Saison.

Im Dezember empfing Hertha Darmstadt als Tabellen-Dritter, mittlerweile ist Europa-League-Platz sechs bedroht. Sie wären ganz froh, zählte die Spielzeit nur 30 Spieltage – die Rückrunden-Müdigkeit gehört ja schon zur Folklore im Westen der Stadt.

Was aber wäre beim Gegner aus Darmstadt noch möglich, wenn diese Saison ausnahmsweise auf 38 statt 34 Spiele geweitet würde? Unter Trainer Torsten Frings, der mindestens noch genauso viel Spieler ist wie Dardai, haben die "Lilien" einen mysteriösen Aufschwung hingelegt und drei der letzten vier Spiele gewonnen. Frings hat Auftritte hilfloser Überforderung in eine grimmige Freude verkehrt, Teams wie den HSV, Schalke oder die Saison-Überraschung aus Freiburg schlecht aussehen zu lassen.

Hertha ist auf der Suche nach Indizien für Europa

Dass die Darmstädter Fußball arbeiten können, war ein offenes Geheimnis. Noch vor Wochen wäre Dardai hier bestens mit dem Hünen Beyer beraten gewesen, um den Luftraum über Südhessen gegen die langen Bälle des Gastgebers abzusichern. Unter Frings sieht es Darmstadt allerdings nicht mehr nur auf die nächste Keilerei ab. Technisch beschlagen sind die Darmstädter Angriffe neuerdings, rollen mit Willen und Tempo über die Flügel. "Das ist eine Mannschaft, an der du dich messen kannst", sagt Dardai. "Sie haben sich unter dem neuen Trainer entwickelt, sind gut drauf und spielen ohne Druck. Da darfst du nicht sagen: Das ist ja nur Darmstadt."

Alles richtig. Für die Berliner bleibt es allerdings – mit Verlaub – nur der SV Darmstadt 98. Für den der Abstiegskampf nun auch vorbei ist: Mit dem 0:1 gegen die Bayern am vergangenen Wochenende stand der Abstieg fest. Und alles andere als drei Punkte gegen den Tabellenletzten wäre kein Indiz für die europäische Eignung der Berliner. "Wenn du keine Punkte holst, hast du das nicht verdient", formuliert Dardai. Herthas Manager Michael Preetz will noch gar nicht so weit schauen. "Wir gehen das Spiel bei allen personellen Schwierigkeiten optimistisch an", sagt Preetz. Manchmal gibt es ja auch ohne Babysitter einen schönen Nachmittag.

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