Immer Hertha

Aus der Wissenschaft kann Hertha neuen Mut schöpfen

Hertha hat auswärts einen Negativlauf, Gegner Bremen einen Erfolgsrausch. Zeit, das Gesetz der Serie zu entkräften, meint Jörn Lange.

Herthas Marvin Plattenhardt auf dem Spielfeld (Archivbild)

Herthas Marvin Plattenhardt auf dem Spielfeld (Archivbild)

Foto: Soeren Stache / dpa

Haben Sie es auch gesehen? Dieses epische Fußballspiel am Mittwochabend? Pokal-Halbfinale. Bayern gegen Dortmund. Große Bühne mit noch größerem Spektakel, mit denkwürdigen Toren, einem unerwarteten Triumph des BVB und einer bitteren Tragödie auf Bayerisch. 90 Minuten, die wirkten wie die Essenz der Faszination Fußball, die ja nicht zuletzt von ihrer Unvorhersehbarkeit lebt, davon, dass das Unmögliche möglich werden kann.

So wie der Fehlschuss von Münchens Arjen Robben, der beim Stand von 2:1 das leere Tor vor sich hatte. Doch statt ins Netz schoss der Niederländer den Ball an die gestreckte Fußspitze des verzweifelt grätschenden BVB-Verteidigers Sven Bender, von wo aus das Spielgerät an den Pfosten flipperte. Eine unfassbare ­Szene, Nachahmung unmöglich – und letztlich der Wendepunkt der Partie.

Kuriositäten dieser Art finden sich zuhauf im Fußball, auch und gerade bei Hertha BSC. Aktuell hat es der Berliner Bundesligist etwa fertiggebracht, acht Auswärtsspiele in Serie zu verlieren. Nicht als Abstiegskandidat wohlgemerkt, sondern als ansonsten gefestigte Mannschaft, die vier Spieltage vor Saisonende auf Tabellenplatz fünf steht und zu Hause fast jedes Spiel gewinnt. Klingt unglaublich. Ist aber so.

Jetzt, da im Fußball die Entscheidungen fallen, hat der Fußballgott offenbar besonders große Freude an derartigen Skurrilitäten. Für Sonnabend hat er quasi das Gipfeltreffen der Absurdität arrangiert. Hertha ist zu Gast bei Werder Bremen, dem Team also, dem es tatsächlich gelungen ist, die absonderliche Berliner (Negativ-)Serie in ihrer Absonderlichkeit noch zu toppen – mit einer Positivserie.

Die Norddeutschen, im Februar noch im tiefsten Tabellenkeller, sind seit nunmehr zehn Spielen in Serie ungeschlagen, haben acht davon sogar gewonnen. Tschüss Abstiegskampf, Moin, Moin Europapokal – Werder ist Hertha inzwischen bis auf vier Punkte auf die Pelle gerückt. Wie sich das erklären lässt? Kaum. Werders einstiger Erfolgsmanager Willi Lemke spricht von „einem Wunder“.

Statistikern ist dieser Ansatz freilich zu plump, schließlich sind Hertha und Werder keine Einzelschicksale. Fast jeder Klub hat schon Erfolgsserien gefeiert oder Negativläufe durchlitten, meist in hochemotionalen Wochen, sei es in überbordender Euphorie oder tiefem Frust. Mainz 05 gewann 2010/11 als absoluter Underdog die ersten sieben Saisonspiele, schlug dabei sogar die ­vermeintlich übermächtigen Bayern. Hertha indes verlor 2009/10 acht Partien in Folge. Beides nicht zu fassen.

Zeit für mehr „Selbstwirksamkeit“

Über die Jahre haben sich Legionen von Wissenschaftlern den Phänomenen rund um die Serien und Läufe gewidmet. Mit verblüffend eindeutigen Ergebnissen: Der amerikanische Sozialpsychologe Albert Bandura erklärt die Erfolgsdynamik zwar mit einer „erhöhten Selbstwirksamkeit“, einer Art Spezial-Selbstvertrauen, erteilt dem vielzitierten „Gesetz der Serie“ aber eine Absage.

Am Roulettetisch erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit auf Schwarz schließlich auch nicht dadurch, dass die Kugel vorher fünf Mal auf Rot gelandet ist – jedes Mal aufs Neue stehen die Chancen 50:50. Genauso steigert eine Siegesserie nicht die Wahrscheinlichkeit auf einen weiteren Erfolg. Eine Erkenntnis, die durch etliche ­internationale Studien belegt wurde.

Weniger erbaulich für Hertha sind die Analysen von Negativläufen. Wie der Physik-Professor Andreas Heuer errechnet hat, steigt bei Pleitenserien die Wahrscheinlichkeit auf eine weitere Niederlage. Abwärtstrends halten sich demnach hartnäckiger. Für einen Spezialfall wie Hertha – zu Hause erfolgreich, auswärts harmlos – bräuchte es aber wohl eine Sonder-Untersuchung.

In fremden Stadien wirkten die Berliner zuletzt so, als würden sie selbst nicht an einen Erfolg glauben. Vielleicht dienen ihnen die kämpferischen Dortmunder nun als Inspiration. Ansonsten hilft sicher ein Blick auf die Borussia aus Mönchengladbach. Die blieb in Bremen zwischen 1987 und 2015 (!) ohne Sieg. Aber irgendwann, und das macht Mut, reißt eben jede Serie.