Verletzungssorgen

Jetzt auch noch Plattenhardt: Hertha gehen die Kräfte aus

Pal Dardai hadert, weil nach John Brooks auch Marvin Plattenhardt muskelverletzt ausfällt. Nach Bremen reist eine Nachwuchs-Abwehr.

Ausfall Nummer acht: Herthas Marvin Plattenhardt fehlt gegen Bremen

Ausfall Nummer acht: Herthas Marvin Plattenhardt fehlt gegen Bremen

Foto: Boris Streubel / Bongarts/Getty Images

Berlin.  Kurz vor der Geschäftsstelle von Hertha BSC, den Trainingsplatz im Rücken, das Auswärtsspiel in Bremen vor Augen, stand jetzt also der Mann, der den unheimlichen Personalstand beim Berliner Bundesligisten erklären sollte. Pal Dardai aber sprach beschwingt. Fast so, als ginge es am Sonnabend (15.30 Uhr) mit allen in den Urlaub, nicht ohne acht Spieler nach Bremen. „Ich bin daran gewöhnt“, sagte Herthas Trainer. „Das geht die ganze Rückrunde so. Ich schaue nach vorne.“

Dieser Optimismus war in der folgende Analyse nicht ganz aufrechtzuerhalten. Verständlich: Innerhalb zweier Tage ist Dardai die halbe Abwehrkette weggebrochen. Am Dienstag quittierte John Brooks’ Hüfte den Dienst, am Mittwoch folgte Marvin Plattenhardts Oberschenkel. Beide Spieler fallen mit Muskelfaserrissen aus. Was insofern Anlass für gehobenen Ärger ist, als dass Muskelverletzungen zwischen entzündeten Schambeinen, gesprengten Schienbeinköpfchen und geprellten Kniescheiben als Verletzungen gelten, die durchaus zu verhindern sind. Bei Hertha waren sie ziemlich lange ziemlich stolz auf die geringe Zahl ihrer Muskelverletzten, also insgeheim auch auf die gelungene Trainingssteuerung.

Diese Woche brachte nun beinahe so viele muskuläre Probleme wie die gesamte bisherige Saison. „Das ist untypisch bei uns“, sagte Dardai und deutete interne Ermittlungen an. „Viele Torschüsse machen wir nicht, viele lange Bälle auch nicht. Ich habe unsere Fitnesstrainer schon gefragt, welche Übung das ist. Wir müssen prüfen, ob wir da zu viel machen. Oder zu wenig.“

Missverständnis zwischen Dardai und Plattenhardt

Im Fall Plattenhardts hatte Dardai einen abseitigen Verdacht: Der Linksverteidiger, der 14 Tage wegen einer Mittelohrentzündung pausiert und erst vor zwei Wochen sein Comeback gegeben hatte, habe laut Dardai schon während des jüngsten Spiels gegen Wolfsburg (1:0) Oberschenkel-Probleme gehabt, diese aber nicht formuliert. Auch trainierte er am Dienstag, erneut ohne Anzeichen eines Missbefindens. „Und dann reagiert der Körper so“, sagte Dardai. „Ich weiß, dass jeder spielen will. Aber das ist nicht in Ordnung.“ Plattenhardt war von dieser Version überrascht. „Das kann nur ein Missverständnis gewesen sein“, sagte er der Morgenpost. „Die Beschwerden habe ich erst seit gestern Abend, es ist gestern im Training passiert, ich bin dann gleich zum Physio. Davor war ich absolut beschwerdefrei.“ Er habe das bereits mit dem Trainer geklärt: „Alles gut.“

Wer den Schenkel Plattenhardts auf dem Gewissen hat, bleibt ohnehin eine müßige Frage. Dardai muss andere Antworten finden. Etwa darauf, wie er nach dem Abhandenkommen von Brooks, Plattenhardt, Niklas Stark und Fabian Lustenberger eine halbe Abwehrreihe ersetzt. Angenehmerweise ist Dardai keiner, der darüber zum Melancholiker wird. „Ich beschwere mich nicht“, sagt er. „Aber eines werde ich in Bremen sicher nicht haben: erfahrene Spieler.“

Der Spielplan beweist dahingehend einmal mehr sein Talent für Geschichten: Werders Großform ist vor allem zwei Stürmern zu verdanken, die die Bundesliga seit etlichen Jahren prägen: dem offiziell besten Greis der Liga, Claudio Pizarro (38), und Ex-Nationalspieler Max Kruse. Der 29-Jährige erlebt derzeit seine Renaissance, schoss zuletzt in Ingolstadt vier seiner 13 Saisontore.

Sieht Langkamp Gelb, wird Torunarigha zum Abwehrchef

Diesem Bremer Flow stellt Hertha Maximilian Mittelstädt (20) und Jordan Torunarigha (19) entgegen. Das Duo ist zusammen ein Jahr älter als Pizarro. „Das wird interessant“, sagt Dardai. „Wer zu den Besten gehören will, muss sich mit den Besten messen“, sagt Torunarigha.

Während Linksverteidiger Mittelstädt mit 14 Bundesligaspielen vergleichsweise routiniert ist, kommt Torunarigha bislang auf 121 Einsatzminuten. Er ist trotzdem unabkömmlich dieser Tage: Erst half Torunarigha als zentraler Mann, Resultate über die Zeit zu bringen, dann als Linksverteidiger, 90 Minuten in Gladbach, und zuletzt als Stürmer gar, in der Schlussphase gegen Wolfsburg. All das machte er gut, bemerkenswert gut für einen 19-Jährigen, der seit vier Monaten Profi ist. Das Vertrauen in Torunarigha ist groß. „Er ist ein guter Junge und kann mit Druck umgehen“, sagt Dardai.

Nichtsdestotrotz steht Herthas Trainingswoche im Zeichen von Torunarighas Einsatz. Dardai setzt viele Spielformen an, Verteidiger Sebastian Langkamp soll den zehn Jahre jüngeren Kollegen coachen. Viel zu tun hatte Langkamp dem Vernehmen nach bislang nicht. „Jordan hat ein gutes Stellungsspiel und ist unaufgeregt“, lobt er.

Aufregung kann sich Torunarigha ohnehin nicht leisten: Langkamp, Herthas letztem Mohikaner, droht in Bremen die fünfte gelbe Karte. Torunarigha wäre im Heimspiel gegen den designierten Champions-League-Teilnehmer aus Leipzig dann plötzlich der Abwehrchef. Dardai nimmt deshalb schon mal die A-Junioren Florian Baak und Sidney Friede mit ins Training. Dort trafen sie nun immerhin wieder auf Salomon Kalou und Vladimir Darida. Beide sind nach kleineren Blessuren spielfähig. „Bis jetzt“, sagt Dardai. „Aber es sind ja noch zwei Tage.“ Das klang zum ersten Mal wie ein Stoßgebet.