Bundesliga

Esswein - Herthas Sekt-oder-Selter-Spieler

Hertha legt das erste Saison-Kontertor am 30. Spieltag hin - weil Jungvater Esswein die entscheidende Flanke gelingt.

Alexander Esswein (l.) enteilt dem Wolfsburger Yannick Gerhardt

Alexander Esswein (l.) enteilt dem Wolfsburger Yannick Gerhardt

Foto: dpa Picture-Alliance / City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Berlin.  Dass ein Bundesliga-Trainer seiner Mannschaft zu einem Kontertor gratuliert, ist etwas kurios. Konter sind ein einfacher und schneller Weg zum gegnerischen Tor und gehören als solche zum Selbstverständnis der meisten Erstligisten. Hertha BSC scheint eine Vorliebe für eher umständliche Tore zu haben: Der entscheidende Treffer von Vedad Ibisevic gegen Wolfsburg war das erste Berliner Kontertor der Saison. Die ist nun schon 30 Spiele alt, weshalb Trainer Pal Dardai mit schelmischer Miene einen Glückwunsch ans Team übermittelte.

Dardai ist ein erklärter Freund des Konters. Er dürfte unter der veritablen Tempophobie seiner Mannschaft gelitten haben. Dabei weiß der Ungar auch, dass sein Konter-Bataillon limitiert ist: Da wäre Mitchell Weiser, der angemessen flink, aber auch oft verletzt ist. Da wäre Genki Haraguchi, der seit einiger Zeit unangemessen angestrengt spielt. Und da wäre Alexander Esswein.

Esswein zuvor 13 Spiele ohne Torbeteiligung

Der Sommerzugang gilt als schnellster Spieler im Berliner Kader, leider aber auch als der, dessen Aktionen einen am schnellsten in den Wahnsinn treiben können. Alexander Essweins Spiel ist das Risiko. Gegen Wolfsburg brachte er gerade mal 58 Prozent seiner Pässe an den Mann. Das ist eine typische Quote für Sekt-oder-Selters-Spieler wie Esswein, kein Problem also. Wäre da nicht der Mangel, dass Esswein den Torabschluss nicht unbedingt erfunden hat und bisher allgemein eher als stilles Wasser auftrat: Zuletzt pendelte er zwischen Bank und Feld und blieb 13 Spiele ohne Torbeteiligung.

Für den Sekt-Esswein muss der Gegner schon aus Wolfsburg kommen. Essweins letzte Torbeteiligung datierte vom Hinspiel in Niedersachsen, beim 3:2 im Dezember 2016 erzielte er den 2:2-Ausgleich. Vier Monate später durfte Esswein wieder gegen den VfL ran. Und war prompt der Unruheherd, den es nach schläfrigen Anfangsminuten gebraucht hat für Herthas zwölften Heimsieg. Der 27-Jährige hatte mehr gelungene Aktionen als zuletzt, ließ sich auch von härteren Wolfsburger Gangarten nicht irritieren, gewann 56 Prozent seiner Zweikämpfe. Das klingt nach weniger, als es für einen Offensivmann letztlich ist.

Tochter Emilia Malea ist vier Wochen alt

Die Sicht von Trainer Dardai auf den jungen Vater – Tochter Emilia Malea ist vier Wochen alt – ist differenziert: Der Vorgesetzte registriert, dass Esswein sich nach den Aufregungen rings um die Geburt wieder auf seinen Beruf konzentriere. „Ich war mit Genki Haraguchi zuletzt nicht zufrieden. Essi hat gut trainiert, seine Körpersprache war ganz gut. Aber er muss sich ­steigern, vor allem beim defensiven Stellungsspiel.“

Zur Krönung fand eine Esswein-Flanke den Kopf von Ibisevic. „Ich war überrascht, wie perfekt der Ball kam“, sagte Ibisevic. „Normalerweise gelingt das Essi nicht so.“ Herthas Kapitän wollte diese Beobachtung als Spaß verstanden wissen. Obwohl sich sein Trainer bereits des Öfteren höflich ereifert hatte, dass sich außer Ibisevic und ­Salomon Kalou niemand zuständig fühlt für das offensive Berliner ­Wohlergehen.

Ibisevic lobt Esswein

Kalou und Ibisevic sind zusammen 63 Jahre alt, da kann der Weg zum Tor schon mal lang werden. Dementsprechend schön fanden es die Kollegen, dass diesmal Esswein ein paar von den Wolfsburgern gewährte Meter Platz zum Anlass nahm, einen der beiden zu entlasten. „Essi macht das jede Woche besser“, lobte Ibisevic. Was dann weniger nach einem Spaß als vielmehr nach einer Ankündigung für Herthas zweites Kontertor klang: Kommende Woche geht es nach Bremen.