Bundesliga

Herthas Blockade vor dem Höhenflug

Die Berliner scheitert zu oft, wenn Big Points im Ringen um Europa möglich sind. Doch es fehlt noch mehr: Geschwindigkeit für Plan B

Berlins Kapitän Vedad Ibisevic (Nr. 19) bei einer der wenigen Chancen gegen den HSV. Hamburgs Dennis Diekmeier (r.) wehrt den Kopfballversuch ab

Berlins Kapitän Vedad Ibisevic (Nr. 19) bei einer der wenigen Chancen gegen den HSV. Hamburgs Dennis Diekmeier (r.) wehrt den Kopfballversuch ab

Foto: Ottmar Winter

Berlin.  Schlimm ist ja nicht die Niederlage an sich. Schlimm ist, dass sie vom Rasen hinunter in den Mannschaftsbus krabbelt und dass man mit ihr dann vier Stunden lang gemeinsam nach Hause tuckern muss. Viel Zeit zum Nachdenken. "Das ist auch nicht die beste Methode zu regenerieren", sagt Pal Dardai am Montagmorgen wieder angekommen in Berlin, nachdem er sich über Herthas 0:1 beim Hamburger SV mächtig geärgert hat. Worte wie "Schrott", "Halbzeit verschenkt" und "null Fußball" sind bereits gefallen. Ein Trainer darf auch mal frustriert sein.

Normalerweise hätte Dardai wenig Grund für derlei Unzufriedenheit. Hertha steht mit 37 Punkten als Tabellenfünfter immer noch gut da. Aber beim Ungarn geht es um einen Kampf, den er schon länger kämpft, jedoch bisher nicht gewinnen konnte. Warum knickt seine Mannschaft immer dann ein, wenn sie einen Big Point vor der Nase hat? Wenn es das Universum so gut mit Hertha meint, dass die gesamte Ligakonkurrenz im Ringen um die Europa-League-Plätze patzt und die Berliner nur noch zugreifen müssen? Warum vermasseln sie es dann regelmäßig?

"Wir kommen mit positivem Druck nicht gut klar"

Das war in dieser Spielzeit mehrfach so – zuletzt vor dem 0:2 gegen Schalke. Und das kennt Dardai bereits aus der Vorsaison. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr verlor Hertha 0:2 in Hamburg, als das Verfolgerfeld des damaligen Tabellendritten fast geschlossen Punkte liegen ließ. Aber anstatt die Chance zu ergreifen, wirkten die Blau-Weißen blockiert, fast ängstlich – und gingen unter. Dasselbe Bild nun wieder in Hamburg. Bei einem Sieg hätte Hertha schon sieben Punkte Vorsprung auf Platz sieben gehabt. Nichts war's.

"Wir kommen mit positivem Druck nicht gut klar. Denn dann kommt das Mentale: Ich will nur keinen Fehler machen", sagt Dardai. Im Endspurt der vergangenen Saison, als Hertha von Platz drei noch auf Rang sieben zurückfiel, hat er sich intensiv mit der Psychologie solcher Dynamiken befasst. Der 40-Jährige hat Bücher gelesen, Gespräche mit Experten geführt und auch angeregt, einen Teampsychologen zu beschäftigen. Das Verpassen der direkten Europapokal-Teilnahme verhindern konnte er nicht.

Daher nun die Frustration, weil die Befürchtung reift, dass sich alles wiederholt. "Wenn wir nicht an unsere Stärke glauben, wird es schwierig", sagt Dardai. Gegen Frankfurt vor einer Woche habe seine Elf auch schon so verhalten begonnen, dann aber doch den Sieg erzwungen (2:0). "Das war das erste Mal, dass wir einen Big Point landen konnten. Nun haben wir es wieder nicht geschafft. Dabei wäre das ein Big Big Point gewesen", so der Hertha-Coach.

Dardai wünscht sich schnelle Spieler im Sommer

Doch Herthas Blockade, wenn ein beschwingter Höhenflug möglich wäre, hat nicht allein mentale Gründe. Der Mannschaft fehlt vor allem auswärts, wenn sie ihr gewohntes Passspiel manchmal nicht aufziehen kann, ein Plan B. Plan B in Hamburg wäre gewesen, sich hinten reinzustellen und auf Konter zu lauern, wie es die gute alte Auswärtsschule vorschreibt.

"Zum Kontern brauchst du enorm viel Dynamik. Wir aber sind keine Umschaltmannschaft", sagt Dardai dazu. Seiner Elf fehle es an Geschwindigkeit. Die, die sie in den Beinen haben wie Genki Haraguchi oder Alexander Esswein, sind kaum torgefährlich. Und so reiht sich eins ans andere: Hertha ist das einzige Team ohne eigenes Kontertor. Weil es das aber besonders auswärts öfter bräuchte, wenn das Zutrauen fehlt, haben die Berliner nun fünf Mal in Folge in der Fremde verloren. "Das belastet mich auch", sagt Dardai.

Mitchell Weiser kehrt gegen Dortmund zurück

Die Lösung für beide Probleme – Blockade und fehlende Geschwindigkeit – ist komplex. Ersteres lasse sich nicht wegtrainieren. "Das ist ein Lernprozess, der nur über solche Spiele kommt", sagt Dardai. Zweiteres allerdings lässt sich zumindest im Sommer beheben. Dardai hofft, flinkere Spieler zu bekommen. "Wenn jemand zu uns kommt, aus der Jugend oder als Transfer, braucht er Geschwindigkeit, damit wir variabler sind", sagt er. "Wenn du noch zwei, drei schnelle Spieler hast, kannst du auch mal kontern."

Einen Zugang aus den eigenen Reihen kann Dardai schon gegen Dortmund am Sonnabend begrüßen: Mitchell Weiser wird erstmals seit Mitte Dezember wieder im Kader stehen, nachdem ihn eine Nervenirritation im Rücken monatelang außer Gefecht setzte. Der 22-Jährige ist einer der wenigen Berliner mit der nötigen Geschwindigkeit. "Es ist eine Erleichterung, wenn er fit ist. Unser Umschaltspiel sieht mit ihm ganz anderes aus", sagt Dardai. Weiser wird spielen – ob von Beginn an oder von der Bank kommend, das entscheidet sich noch.

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