Fredi Bobic

„Hertha ist uns zwei Jahre voraus“

Fredi Bobic spricht im Interview über die Perspektiven von Eintracht Frankfurt und Hertha BSC: als Ausbildungsklubs für die Großen der Branche

Fredi Bobic, ehemaliger Hertha-Stürmer und heutie Vorstand Sport von Eintracht Frankfurt

Fredi Bobic, ehemaliger Hertha-Stürmer und heutie Vorstand Sport von Eintracht Frankfurt

Foto: Reto Klar

Berlin.  Hertha BSC empfängt am 21. Bundesliga-Spieltag Eintracht Frankfurt (Olympiastadion, 18.30 Uhr), der Macher der Gäste ist ein alter Bekannter: Fredi Bobic (45), Vorstand Sport in Frankfurt, trug von 2003 bis 2005 das Hertha-Trikot. Bobic, dessen Familie in Berlin lebt, nahm sich Zeit für eine Morgenpost-Interview.

Fredi Bobic: Bei uns im Umfeld des Vereins wird gerade viel diskutiert: Jetzt kommt der Knick! Oder kommt er nicht? Niko [Kovac/Trainer von Eintracht Frankfurt] und ich, wir sehen das entspannt. Weil wir einschätzen können, dass es nicht außergewöhnlich ist, wenn man mal zwei Spiele verliert. Wir wissen, dass wir gegen Hertha vier Stammspieler ersetzen müssen wegen Verletzungen und Sperren. Aber keine Bange, wir kommen nach Berlin, um zu punkten.

David Abraham hat bereits den fünften Platzverweis bei Eintracht Frankfurt kassiert, überhaupt steht die Mannschaft in dem Ruf, sehr hart zu spielen.

Grundsätzlich kommen wir über die mannschaftliche Geschlossenheit. Wir müssen kompakt spielen, unbequem, aber nicht unfair ...

... das wird Sandro Wagner anders in Erinnerung haben ...

... ja, es gab zwei Szenen in dieser Saison, die brutal aussahen, die Aktion von Abraham gegen Wagner gehört dazu. Aber wenn ich mir die Flut an Karten anschaue, die gezogen werden, da bin ich an der Seite meines Trainers. Niko sagt, dass 30 Prozent der Karten zu Unrecht verteilt wurden. Wir haben gerade auf der Manager-Tagung der Liga untereinander geredet, dass wir Verantwortliche auf unsere eigenen Spieler einwirken müssen. Ich mag dieses schnelle Fallen, dieses dauernde Lamentieren und Schinden von Situationen nicht. Diese Kultur gefällt mir nicht. Die macht es den Schiedsrichtern, bei der hohen Geschwindigkeit, in der heute alles passiert, sehr schwer.

Beim VfB Stuttgart war die angeblich schlechte Transferpolitik von Fredi Bobic ein Grund für Ihre Entlassung. Bei Eintracht Frankfurt gilt die gelungenen Transferpolitik von Fredi Bobic als ein wichtiger Grund für den Aufschwung. Wie passt das zusammen?

Wenn ich sehe, welche Spieler den VfB gegen Ablöse verlassen haben: Kostic, Didavi, Antonio Rüdiger, Timo Werner, das sind Werte, die in meiner Zeit aufgebaut worden sind. Und auch im aktuellen Kader sind noch Werte vorhanden. Ohne ketzerisch sein zu wollen: In der Phase, als ich weg war, sind Fehler gemacht worden. Ich war überzeugt von dem, was wir in Stuttgart vorhatten. Als ich nicht mehr Teil davon war, habe ich relativ schnell damit abgeschlossen. In Frankfurt habe ich einen tollen Traditionsverein übernommen, der ganz andere Probleme hat. Anders als in Stuttgart muss die Eintracht nicht konsolidiert werden. Frankfurt ist solide aufgestellt, aber eben sportlich und wirtschaftlich im unteren Drittel. Wir haben Phantasie benutzt und unsere Netzwerke, um gute, hungrige junge Spieler zu verpflichten.

Frankfurt geht es aktuell so, wie Hertha im vergangenen und auch in diesem Winter: Wegen der guten Platzierung gibt es im Umfeld hohe Erwartungen ...

... jetzt muss Europa als Ziel ausgegeben und am besten im Winter noch einen Millionen-Kracher geholt werden. Ja, das kommt mir bekannt vor. Aber der Trainer und wir von der sportlichen Leitung bleiben ruhig. Wir setzten im Winter fort, was wir im Sommer begonnen haben: Wir versuchen, Dinge im Verein zu verändern. Ob es um die Infrastruktur geht, der Staff drumherum, da gab es ein Facelifting, wir haben in allen Bereichen Experten reingeholt. Wir haben, Zu- und Abgängen sowie das Team drumherum, 30 Personalien bearbeitet.

Hertha und Eintracht sind beide nicht mit dem großen Geldbeutel unterwegs. Treffen sich aber nach 20 Spieltagen als Sechster und – Fünfter. Was sagt das über die Bundesliga aus?

Das heißt, dass beide Vereine einen guten Job machen. Hertha ist uns zwei Jahre voraus, ist in Sachen Entwicklung und Stabilität weiter. Hertha ist einen Tick reifer, weil die Mannschaft schon länger zusammenspielt. Auch Hertha hat seine Dellen. Aber das ist normal. Die Wahrheit liegt doch in der Tabelle: Ein Sieg, und du bist Dritter, eine Niederlage und du bist Siebter. Ich glaube, dass die Verantwortlichen beider Vereine den Saisonverlauf sehr realistisch einschätzen. Über die Bundesliga sagt das Abschneiden von Hertha und Frankfurt, dass die Liga brutal attraktiv ist - nach Platz eins.

Dann tut es besonders weh, wenn man, wie Hertha, nach 95 Minuten 1:0 gegen die Bayern führt, dass es nach 96 Minuten doch nicht zum Sieg gereicht hat.

Ja, wir haben mit zehn Mann 2:2 gegen die Bayern gespielt. Da hat sich was geändert in dieser Saison. Niemand geht mehr auf die Knie, wie zu Guardiola-Zeiten. Die anderen Vereine sind selbstbewusster geworden. Wenn es ganz am Ende gegen die Bayern doch nicht zum Sieg reicht, muss niemand traurig sein. Weil jeder Zuschauer gesehen hat, dass die eigenen Mannschaft alles reingeworfen hat.

Fredi Bobic ist nicht ganz unschuldig daran, dass Vedad Ibisevic durch seinen Wechsel von Stuttgart nach Berlin in die Erfolgsspur zurückgefunden hat.

Ich war in Stuttgart ja raus aus dem Geschäft. Aber den Weg von Vedad habe ich immer verfolgt. Wir haben heute noch Kontakt. Mir war klar, dass Vedad gut nach Berlin passt. Er spricht fünf Sprachen und ist ein Führungsspieler.

War es riskant von Hertha-Trainer Pal Dardai, Vedad Ibisevic, Dauerproblemfall bei den Schiedsrichtern, zum Kapitän zu machen?

Ich fand das einen klugen Schachzug. Vedad muss in seiner Funktion als Kapitän auftreten. Und das Amt ist Schutz gegen die Schiedsrichter, die ihn immer etwas auf dem Kieker hatten. Egal, ob ein Spieler 25 Jahre ist, oder 32 wie Vedad: Dieses Amt hat Vedad noch mal eine Stufe in der Entwicklung vorangebracht. Und dass das Zusammenspiel mit Salomon Kalou klappen würde, war mir eh’ klar.

... obwohl beide nicht die Erfinder der Schnelligkeit sind.

Kalou und Ibisevic machen in einer sehr guten, homogenen Einheit bei Hertha die Extraqualität aus. Das sind zwei Topspieler in der Bundesliga. Salomon ist nicht der Schnellste, kann aber mit dem Ball alles. Und vor dem Tor ist er ein Killer. Dass Vedad nach wie vor die ersten ein, zwei Meter drauf hat um wegzukommen, hat er am vergangenen Samstag bewiesen bei seinem Tor gegen die Bayern. Und diese ein, zwei Schritte im Strafraum sind die entscheidenden.

Fredi Bobic ist 2003 als 30maliger deutscher Nationalspieler zu Hertha gewechselt. So wie sich die Preise entwickelt haben, kann Fredi Bobic als Eintracht-Manager sich genauso wenig einen deutschen Nationalstürmer vergleichbarer Qualität leisten wie Hertha.

Das Geschäft hat sich in den letzten zehn Jahren sehr verändert. Natürlich haben sich die Preise in der Bundesliga entwickelt. Die Akademien werfen jedes Jahr neue hochtalentierte Spieler auf den Markt. Die Jungen finden viel schneller den Eingang zu den Profis als zu meiner Zeit. Was sich am meisten verändert hat, sind die Gelder, die die Champions League-Starter kassieren. Die Champions League entzweit die Ligen: in jene, die international spielen und die anderen. Das ist nicht nur in Deutschland so, das ist ein internationales Phänomen. Wer regelmäßig Champions League spielt, ist nicht mehr antastbar. Die haben die Finanzen, um Fehler zu korrigieren. Wenn normale Vereine Fehler machen, heißt das: Trainer weg, Manager weg. Damit haben diese Vereine keine Kontinuität und dadurch meist keinen Erfolg.

Hertha ist ein Beispiel, dass ein Verein auch ohne Champions League ...

... Hertha ist ein Beispiel für eine Führung, die untereinander gut arbeitet, so dass man sogar zwei Abstiege miteinander überleben kann. Unter der Voraussetzung, dass man eine klare Strategie fährt. Wenn man jedes Mal, wenn etwas passiert, die Strategie über den Haufen wirft, geht es aus wie beim HSV oder – schlimmer noch – bei 1860 München.

Der Abstand von Hertha und Frankfurt zu den Champions-League-Klubs wird immer größer. Erst recht, wenn ab 2018 neuer Verteilerschlüssel greift, wo es allein für die Teilnahme an der Königsklasse 35 Millionen Euro gibt und für eine Halbfinal-Teilnahme mehr als 100 Millionen.

Am Ende des Tages sind wir in Frankfurt oder hier in Berlin gehobene Ausbildungsklubs für die Großen. Das ist so. Aktuell sehe ich zum vierten Mal in den letzten fünf Jahren Bayern gegen Arsenal. Ja, war ein tolles Spiel. Aber, sorry, mich packt diese Ansetzung nicht mehr. Gefühlt haben wir längst eine Europa League. Spätestens ab dem Halbfinale spielen die immer gleichen Vereine.

Und die Fans in Frankfurt oder Berlin träumen: Wie schön wäre es, wenn mein Verein mal in der Königsklasse dabei ist.

Die Wahrheit ist doch: Vereine wie Köln, Frankfurt, Hertha, Mainz, der HSV und Werder – Stuttgart und Hannover werden wieder dazu kommen – hoffen vor der Saison: Hoffentlich passt alles. Einen guten Saisonstart erwischen, um mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben. Das müssen wir als Verantwortliche dem Umfeld immer wieder sagen. Es ist ein Wert, dass wir Teil der Bundesliga sind.

Wie nehmen Sie RB Leipzig wahr, die finanziell ganz andere Möglichkeiten haben als die genannten Traditionsvereine der Liga?

Leipzig hat eine gute Mannschaft, gute Strukturen, gute Experten, die gut arbeiten. Sie haben das Kapital, das sie zur Verfügung haben, gut eingesetzt. Das ist ein anderes Geschäftsmodell, ein anderer Fußballklub. Das darf man gerne hinterfragen. Aber sie sind in der Liga, das gilt es zu respektieren.

Hertha sucht externe Investoren, um die Mannschaft entwickeln zu können. Braucht Eintracht Frankfurt auch Geld von außerhalb?

Wir überlegen, wie wir neue Geldquellen generieren können. Wegen der Struktur als Aktiengesellschaft ist das bei uns etwas komplexer. Dann wollen wir unsere Geschäftsstelle und die Lizenzspielerabteilung inklusive Nachwuchs vereinigen. Das wird ein großes Projekt sein, das Eintracht Frankfurt aber braucht, um für die nächsten 20 Jahre professionelle Arbeitsbedingungen zu haben. Aber ja, wir sind auf der Suche nach frischem Geld.

Hier in Berlin schaut man bei der Investoren-Suche in den Fernen Osten. Eintracht Frankfurt wird im Sommer eine Reise nach Amerika machen. Mal unter uns: Wer in Asien wartet auf Hertha BSC? Und wer in den USA auf Eintracht Frankfurt?

Wir haben über 40.000 Mitglieder. Eintracht Frankfurt hat in Deutschland 1,5 Millionen Fans. Das sind gute Werte. Wir können mit der Marke Eintracht Frankfurt international auftreten. Ich hatte mehrere Telefonate mit den Klubbesitzern der Major League Soccer in den USA. Wir werden in Seattle gegen den amtierenden US-Meister spielen, dann in San Jose, dann in Columbus/Ohio. Dort aufzutreten, das wird eine gute Story für uns. Die sind happy, dass sie dort eine deutsche Mannschaft sehen – und nicht immer nur die Engländer. Sowohl Frankfurt als auch Berlin sind bekannt. Wir sollten nicht mutlos sein. Ob Frankfurt oder Berlin, beide Städte stehen für Internationalität.

Viele Bundesligisten bemühen sich um Internationalisierung, um Digitalisierung. Aber unter Ultras oder anderen Fans gibt es ein Unbehagen, dass der Fußball sich verändert in Richtungen, die ihnen nicht gefällt. Was bedeutet das für die Vereine?

Tradition ist wichtig. Die gilt es zu pflegen und zu bewahren. Wir haben eine sehr breite Fanbasis, natürlich auch Ultras. Die Fans stehen immer treu zum Verein, haben auch ihre Wünsche. Wir versuchen das zu lösen, indem wir im Dialog stehen. Es braucht bei diesen Themen Verständnis auf beiden Seiten. Wir müssen Verständnis wecken für bestimmte Schritte, die ein Verein gehen muss, um weiterzukommen. Andrerseits, bei aller Internationalisierung: Jeder Verein muss sich daran erinnern, woher er kommt: aus seiner Region. Wir zeigen uns regelmäßig in den umliegenden Dörfern und Städten. Um auch die Angst zu nehmen. Wir wollen anfaßbar und erlebbar bleiben. Es ist doch klar, dass wir nicht alle drei Monate nach China oder in die USA fliegen. Gleichzeitig gehört aber auch Eintracht Frankfurt zur Bundesliga. Wir können nicht nur in unserem Liegestuhl liegen und der DFL sagen: Schiebt uns mal die Millionen rüber! Auch wir müssen unseren Teil beitragen, dass die Bundesliga international bekannter wird.