Hertha BSC

"Immer einen Schritt nach vorn, nicht zurück"

Trotz des späten Gegentors ist Herthas Leistung gegen den FC Bayern vor allem eines: ein Fortschritt für die Berliner.

Niklas Stark und Vedad Ibisevic (r.)

Niklas Stark und Vedad Ibisevic (r.)

Foto: City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Berlin.  Er fand keine Ruhe. „Ich habe nicht eine Minute geschlafen“, sagte Hertha-Trainer Pal Dardai am Tag nach dem denkwürdigen 1:1 gegen den großen FC Bayern, bei dem den Berlinern die greifbare Sensation erst in allerletzter Sekunde durch die Finger geronnen war. Die Emotionen und das Adrenalin wollte auch Stunden nach Abpfiff nicht so recht abebben, erzählte der Ungar. „Du denkst nach über die letzte Minute“, sagte er – und meinte das bittere, späte Gegentor durch Robert Lewandowski in der nicht enden wollenden Nachspielzeit (90.+6).

Natürlich war die Enttäuschung über das unglückliche Ende eines aus Berliner Sicht famosen Spiels auch am Sonntagvormittag noch nicht verflogen. Doch immerhin der Ärger über die vielen Extraminuten hatte sich relativiert. „Ein Sieg wäre nicht unverdient gewesen, aber du spielst bis der Schiedsrichter pfeift“, sagte Dardai, der den Fehler weniger beim Unparteiischen als vielmehr in den eigenen Reihen suchte. „Wir müssen daraus lernen“, betonte er, „das war eine Situation, die man verteidigen kann.“

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Aggressiv und leidenschaftlich

Bis auf diese eine Nachlässigkeit war den Beinahe-Helden in Blau-Weiß wenig vorzuwerfen. Aggressiv und fleißig waren sie gegen den Rekordmeister aufgetreten, leidenschaftlich und mutig, hatten verbissen verteidigt, erstaunlich gut kombiniert und beherzt gekontert. Elf Torschüsse brachten Hertha gegen den Tabellenführer zustande, deutlich mehr als den offensiv zumeist harmlosen Auftritten in diesem Jahr (im Durchschnitt 7,75 Abschlüsse pro Partie). „Wir haben endlich mal wieder gesehen, dass auch wir kicken könnte“, hatte der völlig abgekämpfte Mittelfeldwühler Per Skjelbred im Bauch des Olympiastadions gesagt, „das war ein Schritt in die richtige Richtung.“

Auch Dardai war bemüht, die gefühlte Niederlage in einen gefühlten Sieg umzudeuten. Die Bayern seien schließlich sehr glücklich gewesen über den Punktgewinn – „das spricht für unsere Qualität“. Sicher, die Münchner waren von ihrer Gala-Form gegen den FC Arsenal so weit entfernt wie Berlin von London, aber dennoch war Herthas Darbietung eine bemerkenswerte. Nicht nur wegen des Ergebnisses, sondern vor allem wegen der Art und Weise seines Zustandekommens. Ohne Mauertaktik und harte Fouls, stattdessen mit der fußballerisch ansprechendsten Leistung seit Monaten und einer hochstehenden Defensive. „Immer einen Schritt nach vorn, nicht nach hinten“, erklärte Dardai die kräftezehrende Taktik.

Torflaute überwunden

Nach vorne, nicht nach hinten – diese Vorgabe werden die Hertha-Profis nun aber auch in ihren Köpfen beherzigen müssen. „Es war das zweite Mal, dass wir kurz vor Schluss nicht zum Ziel kommen“, sagte Dardai mit Blick auf das Pokal-Aus in Dortmund, „wir müssen gucken, dass wir das psychologisch hinbekommen.“ Am Sonnabend (18.30 Uhr) kommt mit Eintracht Frankfurt ein direkter Konkurrent um die Europapokalplätze ins Olympiastadion.

Mutmacher lieferte das Bayern-Spiel zuhauf, vor allem die Erkenntnis, dass Stürmer Vedad Ibisevic beim 1:0 (21.) seine sieben Spiele währende Torflaute überwunden hat. „Das war wichtig für uns alle“, sagte sein Trainer, der nun auf die Rückkehr alter Effizienz hofft. Blenden lassen wollte sich Dardai vom Achtungserfolg jedoch nicht. „Wir müssen immer an unser Limit gehen“, forderte er, „sonst kriegen wir Probleme. Wir haben zwar einen großen Punkt gewonnen, aber jetzt müssen wir auch mal wieder drei holen.“ Damit die Nächte endlich wieder ruhiger werden.