Immer Hertha

Warum wir uns am Fußball überfressen haben

Seine Omnipräsenz im Alltag hat das Spiel entwertet und uns übersättigt. Eine Diät könnte helfen, meint Jörn Meyn.

Herthas Mitchell Weiser beim Eckstoß im Olympiastadion

Herthas Mitchell Weiser beim Eckstoß im Olympiastadion

Foto: Rainer Jensen / dpa

Ende der 90er-Jahre spielte ich in der B-Jugend meines Heimatvereins. Damals hatten wir einen Trainer, über den wir Spieler uns hintenrum immer lustig gemacht haben. Herr Sewe hieß er. Herr Sewes Trainertätigkeit war eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Und bisweilen hatten wir das Gefühl, der gute Mann sei von gestern. Herr Sewe stand bei Auswärtsfahrten mit auf dem Rücken verschränkten Armen im Gang des Teambusses, starrte auf die ostdeutsche Ödnis, durch die wir tuckerten, und sagte Sätze wie: „Männer, eurer Problem ist, dass ihr nichts wertschätzt.“

Wir haben dann leise gelacht. Nicht dass der Alte einen als disziplinarische Maßnahme noch aus der ersten Elf strich. Herr Sewe aber hing weiter laut seinen Gedanken nach: „Als ich so alt war wie ihr, da haben wir monatelang auf ein Europapokal-Spiel gewartet. Das war vor- und nachher wochenlang Thema bei uns. Das war noch Fußball!“

Wir fanden das natürlich noch mehr zum Schreien. Denn keiner von uns 16-Jährigen begriff es. Herr Sewe hatte fast sein ganzes Leben in der DDR verbracht, wo ganz früher mal der SC Motor Jena im Europapokal auftrumpfte – später dann Carl Zeiss Jena, Magdeburg, Dynamo Dresden oder Lok Leipzig. Immer waren diese Spiele Feiertage für ihn, wenn sie im Fernsehen kamen. Selten und deshalb kostbar.

Man kann heute jeden Tag ein Livespiel gucken - Das hat den Fußball entwertet

Bei mir ist das anders. Nur Anfang der 90er, als die Königsklasse ihren Namen noch wirklich verdiente, weil dort ausschließlich die Meister ihrer Länder spielten, musste ich mal auf Europapokal-Spiele lauern. Seither ist der Fußball zu einem stetig verfügbaren Gut mutiert. Fast wöchentlich laufen Champions-League-Spiele oder mindestens eine Europa-League-Partie im TV. Dazu die Bundesliga am Wochenende. Der Spielplan hat sich immer größer aufgefächert. Wenn man will, kann man jeden Tag in der Woche ein Livespiel im Fernsehen verfolgen. Und erst heute begreife ich, dass der alte Sewe mit seiner Gestrigkeit vielleicht doch gar nicht so daneben lag: Seine Aufgeblasenheit, seine Omnipräsenz in unserem Alltag hat den Fußball auch entwertet.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt monate-, wochen- oder sogar tagelang auf eine Partie hingefiebert habe. Es steht ja gleich wieder die nächste an. Und wenn nicht, dann füllt das immer schriller werdende Gerede, Geschreibe und Gesende über Fußball den Zwischenraum, den es vielleicht gebraucht hätte, um etwas Sehnsucht nachwachsen zu lassen.

Ich habe mich am Fußball überfressen und weiß nicht, ob das Völlegefühl wieder verschwinden wird. Dienstag Dortmund – Benfica, Mittwoch Bayern – Arsenal, Donnerstag Gladbach – Florenz, nun am Sonnabend Hertha – Bayern, und alles immer ganz groß, immer ganz wichtig und deshalb nie wirklich besonders.

Nie war der Fußball besser - und doch ist es nicht mehr dasselbe

Blitzumfrage in meinem Freundeskreis – Typen, die ihr Leben lang Fußball spielten und leidenschaftlich guckten. Einer legt gerade eine Fußballdiät ein, weil er übersättigt ist. Ein anderer erinnert mich, wie wir uns früher über die Highlights aus den Ligen in Frankreich oder Spanien bei Eurogoals freuten. „Heute kannst du dir alles im TV oder im Internet komplett angucken. Das ist nichts Besonderes mehr.“

Es ist paradox: Nie war der Fußball besser, schneller, ansehnlicher als jetzt. Aber ich bekomme zunehmend das Gefühl, dass er den Menschen entgleitet. Das hat vielleicht nicht allein mit dem Umstand zu tun, dass er sich an jeder Ecke an uns heranschmeißt wie eine Escortdame. Aber er fühlt sich bisweilen ebenso unecht an. Schön anzusehen zwar, aber auch überschminkt, und am Ende haben viele den berechtigten Verdacht, dass es allein ums Geld geht.

Was also tun? Es gibt Stimmen, die für eine Verschlankung des Spielplans plädieren, aber die werden sich wohl kaum durchsetzen. Eine Fußballdiät beginnen? Würde in meinem Beruf eine echte Diät notwendig machen, weil ich dann arbeitslos wäre. Also weitergucken, manchmal ärgern und auf die seltenen Momente hoffen, in denen der Fußball wirklich mal wieder ganz groß, ganz wichtig und deshalb besonders ist.

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