Ex-Herthaner

Hany Mukhtar – Auf Umwegen am richtigen Ort

Hany Mukhtar galt als großes Hertha-Talent. Doch dann ging er zu einem Weltklub und scheiterte. Nun ist er in Dänemark glücklich.

Hany Mukhtar bei einem Kurzbesuch in Berlin

Hany Mukhtar bei einem Kurzbesuch in Berlin

Foto: Reto Klar

Berlin.  Das verabredete Treffen in Kopenhagen fällt aus. Hany Mukhtar fragt, ob auch Berlin ginge. Sein Trainer bei Bröndby IF hat Montag kurzfristig frei gegeben, und Mukhtar möchte nach Hause fliegen, bevor am Sonntag mit dem Stadtderby gegen den FC Kopenhagen die zweite Saisonhälfte der dänischen Liga beginnt. Eine unverhoffte Lücke im Zeitplan. Ein gutes Timing. Und um richtige und falsche Zeitpunkte geht es bei Hany Mukhtar.

Es gibt Geschichten, die lange schon geschrieben sind, bevor sie überhaupt richtig begonnen haben. Doch manchmal kommt es vor, dass sie ein störrisches Eigenleben entwickeln und die Fahrt ans Ziel über Umwege fortsetzen.

Mukhtar galt als eines der größten Talente von Hertha BSC. Schon als B-Jugendlicher schaffte er den Sprung zu den Profis, gab mit 18 sein Bundesligadebüt gegen den FC Bayern und wurde zum „Kronprinz“ auf die Königsrolle im Hertha-Mittelfeld ernannt. Ein halbes Kind war Mukhtar, aber eine ganze Projektionsfläche für den Fantraum vom Nachwuchsspieler, der es bis nach oben schafft. Dass es anders kam, hat mit falschen Versprechungen und echten Gelegenheiten zu tun. Mukhtar sagt: „Den Weg, den ich gegangen bin, hätte nicht jeder gewählt. Aber ich bin mit mir im Reinen.“

In Portugal kam der 21-Jährige nur auf 15 Minuten Einsatzzeit

Der 21-Jährige sitzt in einem Café am Kurfürstendamm. Berliner Westen, alte Hertha-Heimat. Er spricht so überlegt über sich selbst, dass man sich fragt, warum einer wie er vor zwei Jahren ein solches Risiko einging.

Hertha wollte im Januar 2015 seinen auslaufenden Vertrag verlängern und ihn für Spielpraxis in die Zweite Liga ausleihen. Mukhtar wollte das lange auch, dann brach er die Gespräche ab und wechselte zu Benfica Lissabon – nach Mitgliederzahlen der zweitgrößte Klub der Welt und ein Champions-League-Teilnehmer. Nur ein einziges Spiel bestritt er dort für die erste Elf – 15 Minuten nach einer Einwechselung. Und man erwischte sich dabei, wie man dachte: War ja klar. Warum das also?

Im Sommer 2014 hatte Mukhtar die U19-EM mit Deutschland gewonnen. Sein Tor im Finale gegen Portugal brachte den Titel. RB Leipzig unter dem Trainer Alexander Zorniger wollte den 1,73 Meter kleinen Mittelfeldspieler verpflichten. Aber Hertha-Coach Jos Luhukay sagte, er solle bleiben, denn er setze auf ihn. Keine einzige Partie bestritt Mukhtar danach. Seine Hoffnung auf den Durchbruch zerrieb sich im Berliner Existenzkampf.

Benficas Glanz blendete auch

„Es ist sicher schwerer, wenn man aus der eigenen Jugend nach oben will, als wenn man von einem Klub gekauft wird“, sagt John Brooks. Er ist mit Mukhtar befreundet und das letzte Hertha-Talent, das es geschafft hat. Mukhtar selbst sagt: „Ich mache Hertha keine Vorwürfe. Ich bin am Ende selbst dafür verantwortlich, ob ich auf dem Platz stehe.“

In die damalige Frustration als Tribünengast hinein kam das Angebot von Benfica. Mukhtar flog nach Lissabon und wurde von unzähligen Kameras empfangen. Er fragte seine Mutter: Auf wen warten die? Auf ihn. Tagelang lief seine Ankunft im TV. „Da habe ich gemerkt, was dieser Verein für eine Power hat. Natürlich ist man als 19-Jähriger davon fasziniert“, sagt Mukhtar und weiß, dass ihn der Glanz des Weltklubs vielleicht auch geblendet hat.

Obwohl er kaum spielte, spricht Mukhtar nur gut über Benfica. Dort trainierte er mit Stars wie dem brasilianischen Verteidiger Luisao. Mit Renato Sanches spielte er in der zweiten Mannschaft, und am 19 Jahre alten Portugiesen lässt sich erklären, welch seltsame Wege der Fußball manchmal geht.

Das Gegenbeispiel Renato Sanches

Anders als Mukhtar hatte Sanches nicht einmal die Vorbereitung zur Saison 2015/16 bei Benficas erster Elf absolviert. Zwei Monate später aber war er Stammspieler und ging im vergangenen Sommer für 35 Millionen Euro zum FC Bayern. Mukhtar hatte Lissabon da längst wieder verlassen. Eine Last-Minute-Ausleihe zu Red Bull Salzburg verlief ernüchternd. Mukhtar kam in einem System, das keinen Platz für einen Freigeist wie ihn hatte, nur auf Kurzeinsätze.

Zorniger rief im Sommer 2016 an – nun Trainer bei Bröndby –, und für Mukhtar fühlte sich das zunächst an wie ein Abstieg: Benfica, Österreich, jetzt Dänemark?

Zorniger, der ihn schon nach Leipzig holen wollte, überzeugte Mukhtar, und zum ersten Mal in seiner Karriere bekam er, wovon er geträumt hatte: Einsatzzeit. In 22 Pflichtspielen traf der Offensivspieler sechs Mal und bereitete fünf Tore vor.

Bröndby hat eine Kaufoption im Sommer

Mit Bröndby warf er Hertha aus der Europa-League-Qualifikation und steht nun auf Platz zwei der dänischen Liga – hinter dem FC Kopenhagen, gegen den es am Sonntag geht. Der Profifußball hat auch ihm endlich die Tür geöffnet, und Mukhtar hat sich diesmal hindurchgedrückt. Seine Ausleihe geht nur bis Sommer, dann müsste er zurück zu Benfica, wo sein Vertrag noch bis 2020 gültig ist. Wahrscheinlich ist das nicht.

Bröndby hat eine Kaufoption für Mukhtar, und Mukhtar kann sich das vorstellen, auch wenn er langfristig in einer Topliga Europas spielen will. Möglichkeiten, im Winter in die Bundesliga zurückzukehren, sagte er ab. Wo vor zwei Jahren vielleicht zu viel Ungeduld war, hat sich nun Weitsicht eingestellt.

Hätte er aus heutiger Sicht die Dinge anders entschieden? Hätte er damals nur einen Monat warten sollen? Dann kam bei Hertha Pal Dardai und setzte auf die Jugend. „Ich bin als Kind zu Benfica gewechselt, jetzt sehe ich mich als Mann. Deshalb war der Schritt richtig“, sagt Mukhtar.

Um es im Profifußball zu schaffen, brauche man drei Dinge: den Glauben an sich, die Fähigkeit, mit sich selbst ehrlich zu sein, und das richtige Timing. Es hat ein paar Umwege bedurft, aber heute sagt Hany Mukhtar: „Jetzt bin ich am richtigen Ort, zum richtigen Zeitpunkt.“