Bundesliga

Hertha BSC schießt Elfmeter wie im Rausch

Hertha hat drei Jahren lang alle Elfmeter verwandelt. Das lässt hoffen für das Pokalspiel in Dortmund - wäre da nicht eine Verletzung.

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Berlin.  Erst kämpfen und dann cool bleiben, so könnte es klappen. Der DFB-Pokal hat ja – Achtung, Floskel-Alarm! – seine eigenen Gesetze und zu jenen zählt bekanntlich auch die spannendste, dramatischste und grausamste Form der Entscheidung: das Elfmeterschießen.

Zu behaupten, dass sie bei Hertha im Achtelfinal-Duell bei Borussia Dortmund auf diesen ultimativen Fußball-Showdown hinarbeiten, wäre zwar übertrieben. Sollte am Mittwochabend aber nach 90 und 120 Minuten keine Entscheidung gefallen sein, werden die Berliner so gut vorbereitet an den Punkt treten wie nie zuvor.

Ausgerechnet Topschütze Kalou droht auszufallen

„Wir haben erstmal ein sehr hartes Spiel vor uns“, betont Hertha-Coach Pal Dardai, „aber Elfmeterschießen haben wir das ganze Jahr über immer wieder trainiert.“ Auf dem Übungsplatz bittet der Ungar regelmäßig zum simulierten Nerventest, und auch nach den beiden Vorbereitungsspielen im Wintertrainingslager hatte er ein zusätzliches Elfmeterschießen vereinbart. Die Bilanz: zehn Versuche, zehn Treffer.

Um den letzten verschossenen Elfmeter der Berliner zu finden, muss man in der Statistik ein Weilchen blättern. Mittwoch ist es auf den Tag genau drei Jahre her, dass Adrian Ramos an HSV-Keeper René Adler scheiterte. Ein Fauxpas ohne Folgen, weil danach Sami Allagui traf, ehe Ramos nachholte, was er zuvor versäumt hatte – Endstand 3:0. Seither gab es in der Liga elf Elfmeter für Hertha, und egal wer sein Schicksal herausforderte, ob Ramos, Ronny, Jens Hegeler oder Alex Baumjohann (je ein Treffer), ob Vedad Ibisevic (zwei) oder Salomon Kalou (fünf), sie alle brachten den Ball ins Ziel.

Ausgerechnet Kalou (31) fehlte jedoch am Montag auf dem Trainingsplatz. Rückenprobleme, Einsatzchance 50:50. Dardai ist nicht der einzige, der stark darauf hofft, dass der Ivorer rechtzeitig fit wird. Denn unter Druck die Nerven behalten, das kann keiner bei Hertha besser als „Mister Cool“ Kalou. „Ich versuche, nicht nachzudenken und blende alles aus, was mich ablenken könnte“, erklärt der Angreifer im Gespräch mit der Morgenpost.

Der Ivorer hat eine spezielle Methode

Zuletzt gelang ihm das Anfang Dezember in Wolfsburg. 90. Minute, Spielstand 2:2, Elfmeter für Hertha, direkt vor dem Wolfsburger Fan-Block. Last-Minute-Sieg oder gefühlte Niederlage, Held oder Depp – eine Entscheidung, die sich am Ende eines umkämpften Schlagabtauschs verdichtet auf einen winzigen Augenblick. Und Kalou? Dunkelt den Wolfsburger Anhang und das Stadion vor seinem inneren Auge ab, lässt den Lärm, die Sprüche von Gegnern und Kollegen wie auf Knopfdruck aus seinem Kopf verschwinden. „Wenn ich ehrlich bin“, sagt Kalou, „sehe ich nicht mal das Tor, sondern nur Ball und Keeper.“ Zwei Atemzüge später springt Wolfsburgs Torhüter Benaglio aus Sicht des Schützen nach rechts. Kalou schießt nach links – der Sieg.

Wissenschaftlicher etlicher Disziplinen haben sich dem Thema Elfmeter angenommen, Physiker, Mathematiker, natürlich auch Psychologen. Statistiken und Theorien existieren zuhauf, im Ernstfall geholfen, haben sie jedoch wenig. Die höchste Trefferquote? Oben rechts, 91 Prozent. Das Problem: Die Variante erfordert eine gewisse Kühnheit. Nur ein km/h mehr Schussgeschwindigkeit und ein Grad erhöhter Abschusswinkel, schon landet der Ball 50 Zentimeter höher – und womöglich über der Latte. Dann vielleicht doch lieber wuchtig in die Mitte? Erfolgsquote immerhin noch 83 Prozent.

Kalou kann wenig anfangen mit den Analysen, er vertraut auf seine eigene Methode. „Ich warte, bis sich der Torwart bewegt“, sagt er, „dann kann ich meinen Fuß öffnen oder schließen.“ Links oder rechts – ein Psycho-Spielchen, in dem er ein Meister ist.

Selbst im Star-Ensemble Chelsea gesetzt

Etliche Granden des Weltfußballs haben beim Elfmeterschießen ihr persönliches Waterloo erlebt, von Roberto Baggio bis David Beckham, von Bastian Schweinsteiger bis Lothar Matthäus. Nicht so Kalou.

Mit Yaya Touré, ebenfalls Experte vom Punkt, lieferte er sich beim Nationalteam einst ein legendäres Duell. Beide verwandelten je elf Elfmeter in Folge, bis dem Trainer die Geduld abhandenkam. Er brach den Shootout ab. Im Afrika-Cup-Finale 2015 trafen beide. Hätte Kalou verschossen, wäre das Endspiel verloren gegangen. „Ich empfinde keinen Druck“, sagt er, „höchstens eine Art Rausch.“

Selbst im Star-Ensemble des FC Chelsea zählte der Rechtsfuß zur ersten Garde der Schützen. Im Uefa-Cup-Finale 2008 verwandelte er ebenso wie im englischen Supercup 2009, als er die Entscheidung auf dem Fuß hatte. Seine Mitspieler jubelten schon vorab. Zu Recht. Einzig im Trikot des OSC Lille schob er 2013 einen Ball neben das Tor.

Gute Erinnerungen an die 1. Pokal-Runde

Die Art zu schießen, sagt Kalou, sollte man nicht verändern. Das hat er auch seinen unerfahreneren Mitstreitern bei Hertha mit auf den Weg gegeben. Er weiß: Wenn es hart auf hart kommt, ist jeder auf sich allein gestellt, „deshalb musst du dir sicher sein, was du tust“.

In der ersten Pokalrunde klappte das hervorragend. Im Elfmeterschießen bei Jahn Regensburg trafen Ibisevic, Vladimir Darida, Mitchell Weiser und Marvin Plattenhardt. Der letzte Schuss verwandelte Elfmeter-König Kalou. So wie immer, ganz cool.