Immer Hertha

"Dardai muss weg"?! Der Hertha-Faktencheck

Wenn die Emotionen Achterbahn fahren: Auch „gefühlte Wahrheiten" können Trainer-Stühle zum Wackeln bringen, beobachtet Uwe Bremer.

Die ersten Hertha-Fans legen Dardai den Rücktritt nahe

Die ersten Hertha-Fans legen Dardai den Rücktritt nahe

Foto: dpa Picture-Alliance / Federico Gambarini / picture alliance / Federico Gamb

Eben noch war Thomas Tuchel der hellste Stern am deutschen Trainer-Himmel. Tuchel, der selbst in den großen Schuhen von Vorgänger Jürgen Klopp in seiner Premieren-Saison mit Borussia Dortmund 78 Punkte holte. „Der beste Zweite aller Zeiten“, eine Punktzahl, die in vielen Jahren für die Meisterschaft gereicht hätte.

Aktuell gibt Tuchel das Modell Bettvorleger. Seine Vorgesetzten, die Medien, Fans – alle trampeln auf dem Trainer herum. Der BVB liegt als Tabellenvierter einen Zähler hinter den Champions-League-Rängen – eine Platzierung, die fürs Umfeld schwer zu ertragen ist. Der Vorstandsvorsitzende Hans-Joachim Watzke fordert die direkte Qualifikation für die Königsklasse. Sport-Chef Michael Zorc verlangt für das Topspiel gegen RB Leipzig am Sonnabend „eine massive Steigerung“. Diverse Medien schreiben die Entlassung des Trainers herbei.

Tuchel hat das Momentum verlassen. Und so aufgeheizt, wie der Profifußball betrieben wird, ist er nicht weit weg von dem, wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen diskutiert wird. Wer Fakten und Zusammenhänge einbringt, dessen Stimme wird kaum noch gehört. Wenn im US-Wahlkampf „gefühlte Wahrheiten“ die Realität ersetzen, wenn die neue Administration Lügen zu „alternativen Fakten“ ernennt – hej, was in der Politik richtig ist, kann im Profifußball nicht falsch sein.

Pal Dardai ist „Trainer der Hinrunde“

Meinungen zu Tuchel könnten berücksichtigen, dass der Trainer – entgegen den Versicherungen seiner Chefs – drei Stars verloren hat (Mats Hummels, Ilkay Gündogan, Hendrikh Mkhitaryan). Und dass der Verlust an Qualität nicht ohne weiteres durch junge, schnelle Talente auszugleichen ist.

In Berlin beginnt sich Ähnliches zu formieren. Pal Dardai wurde zu Beginn dieser Woche von der Internetseite der Deutschen Fußball-Liga bundesliga.de zum „Trainer der Hinrunde“ gekürt. Weil Hertha auch in dieser Saison besser als erwartet gepunktet hat. Die Dardai-Truppe hatte die Weihnachtspause mit 30 Zählern auf Platz drei verbracht.

Schnee von gestern. Bei Immerhertha.de, dem Blog der Berliner Morgenpost, gibt es Stimmen, die Dardai den Rücktritt nahelegen. Der misslungene Start ins Jahr mit zwei Niederlagen in Folge wird hochgerechnet. Hatte Hertha nicht zum Jahresende zwei der letzten drei Spiele verloren? Macht vier Niederlagen aus fünf Partien. Schlussfolgerung: Dardai hat sich überlebt. Und die 30 Punkte – eine Ausbeute, die die viel teurer besetzte Konkurrenz aus Leverkusen, Schalke, Wolfsburg, Gladbach gern hätte – überdecken die „wahre Entwicklung“: Demnach stagniert Hertha seit anderthalb Jahren. Schade, dass Manager Michael Preetz keine Traute habe, seinen Kumpel Dardai zu entlassen.

Gefühlslage scheint von Rudi Völler inspiriert

Wenn Trainer Dardai die Fans um Unterstützung in der anstehenden Partie gegen Ingolstadt bittet, lautet das Echo im Blog, von Nutzer „NKBerlin“ formuliert: „Wir wollen keine starken Sprüche und leere Versprechungen hören, es müssen endlich Taten folgen auf dem Platz.“ Faktencheck: Herthas Heim­bilanz: acht Spiele, sieben Siege.

Die Gefühlslage mancher Fans scheint von Rudi Völler inspiriert: „Die Geschichte mit dem Tiefpunkt, und noch mal ein Tiefpunkt. Da gibt’s noch mal einen niedrigen Tiefpunkt …“ Schließlich spielen die Blau-Weißen nach Ingolstadt im Pokal in Dortmund, dann in der Liga gegen Schalke und den FC Bayern. Ja, es geht Hertha so wie allen anderen Fußballvereinen dieser Welt: In jedem Spiel droht eine Niederlage. Um das auszuhalten, hilft manchmal ein Blick in die Vergangenheit. Zu Saisonbeginn, da waren sich diverse Auguren im Blog sicher: Hertha im freien Fall Richtung Abstieg, Dardai nicht zu retten. Beleg: Das letzte schwache Viertel der vorvergangenen Saison sowie das Aus auf dem Weg in die Europa League.

Realitätscheck: Hertha hat die zweitbeste Hinrunde seiner Bundesliga-Historie gespielt. So sicher in jedem Spiel eine Niederlage droht, so sehr enthält jedes Spiel die Chance, ein Momentum zum Positiven zu schaffen.