Hertha BSC

Hertha ist zurück im Kampfmodus

Pal Dardai gibt seiner Mannschaft für die Woche auf Mallorca die Schulnote eins. Stocker ist einer der Gewinner des Trainingslagers.

Pal Dardai ist mit der Woche auf Mallorca zufrieden

Pal Dardai ist mit der Woche auf Mallorca zufrieden

Foto: Ottmar Winter

Palma de Mallorca.  Pal Dardai drehte sich ein letztes Mal genüsslich in die Sonne. Er wolle etwas braun werden und gut aussehen für seine Frau, hatte Herthas Cheftrainer zum Auftakt des Trainingslagers auf Mallorca gescherzt, als er nach seinen Zielen gefragt wurde. Jetzt, am Rande des Übungsplatzes, einen Tag vor der Abreise, sah er offenbar noch Nachholbedarf. Also: schnell noch mal die Augen zu und Farbe tanken. Zumindest kurz.

Zum Abschluss ein Besuch in der Kathedrale von Palma

Was seine ernsthafteren Ziele betraf, wähnte sich Dardai im Soll. Das milde Wetter, der exzellente Platz und vor allem das hohe Engagement der Berliner Profis – „alles top“, sagte der Ungar, „da würde ich Note eins geben.“ Doch auch ihm merkte man am Freitag an, dass es nun genug war mit der Intensivvorbereitung, genauso wie seinen Spielern. Während der Trainer ein letztes Mal mit den Medienvertretern sprach, plätscherte das Geschehen in seinem Rücken vor sich hin.

Die Spieler der B-Elf, die am Vortag gegen den spanischen Viertligisten UD Poblense gewonnen hatten (1:0), trabten matt über den grünen Rasen, die Stammkräfte spielten sich mehr oder weniger engagiert die Bälle in die Füße. Der Elan der ersten Tage war immer weiter zerfasert – Auflösungserscheinungen, die nicht untypisch sind am Ende einer zehrenden Trainingswoche. „Die Luft ist ein bisschen raus“, gab Dardai zu. Die letzte Einheit auf Mallorca dauerte grade einmal 35 Minuten. Danach wurden nur noch kulturelle Reize gesetzt. Am Nachmittag besichtigte die Mannschaft die Kathedrale von Palma.

Im eisigen Berlin ist es mit dem Spaß wieder vorbei

Einen guten Eindruck hat Hertha trotzdem hinterlassen. Gut drei Wochen nach dem letzten Bundesligaspiel 2016, dem 2:0 gegen Darmstadt, haben die Berliner wieder Fahrt aufgenommen – mit temporeichem Kombinationsspiel und zielstrebigen Abschlüssen. Eine komplette Einheit wurde für Torschüsse ausgegeben, eine andere für Standards, auch an offensiven Spielzügen wurde gefeilt. Immer wieder griffen Dardai und Co-Trainer Rainer Widmayer ein und korrigierten, forderten exaktere Abstände, höhere Passgeschwindigkeit oder sauberere Ballannahmen. Dinge, an die im eisigen Berlin nicht mal zu denken gewesen wäre.

„Wir mussten die Bedingungen ausnutzen“, sagte Dardai, ehe ihm beim Ausblick auf die kommende Woche ein kalter Schauer über den Rücken lief. „In Berlin, wenn es kalt ist, können wir nur einmal pro Tag draußen trainieren“, gab er zu bedenken. Von den Platzverhältnissen wollte er gar nicht erst sprechen.

Skjelbred bezahlt Einsatz mit einem blauen Auge

Auch die Frage, wie nah die Berliner schon an ihrer Wettkampfform sind, mochte er nicht recht beantworten. Tatsächlich ließ sich das 1:1 gegen den Zweitligisten RCD Mallorca am Mittwoch schwer bewerten. Vorbereitung ist Vorbereitung, Ernstfall ist Ernstfall – der Aussagewert von Testspielen ist begrenzt.

Zumindest eine Erkenntnis hatte das erste Spiel des Jahres dann aber doch zutage gefördert: Hertha ist zurück im Kampfmodus, ließ sich von galligen Spaniern nicht den Schneid abkaufen, sondern fightete verbissen zurück. „Ein bisschen mehr Aggressivität schadet nicht“, sagte Dardai, der in der Halbzeit „grünes Licht“ gegeben hatte. Von den aufmüpfigen Mallorquinern und dem spanischen Schiedsrichter, der in Durchgang eins diverse fragwürdige Abseitsentscheidungen getroffen hatte, wollte sich Hertha nicht durch die Manege ziehen lassen und gab Kontra. Mittelfeldspieler Per Skjelbred sah anschließend aus wie ein Boxer. Ein Ellenbogenschlag hatte ihm einen Cut und ein blaues Auge beschert.

Feines Gespür für das Seelenheil des Teams

„Durch Aggressivität kann man einen Punkt retten“, hatte Dardai schon nach dem enttäuschenden 0:1 im Olympiastadion gegen Werder Bremen im Dezember gesagt. Keiner beherzigte das mehr als Valentin Stocker. Mit bissigem Zweikampfverhalten gab der Schweizer gegen Mallorca den Ton vor und belohnte sich zudem mit dem Ausgleichstreffer. Im Kampf um den vakanten Platz von Salomon Kalou, der in den kommenden Wochen mit der Elfenbeinküste beim Afrika-Cup um den Titel spielt, hat er derzeit die Nase vorn. Mitbewerber Genki Haraguchi hinterließ im Test gegen Poblense derweil einen unglücklichen Eindruck. „Seitdem es um seine Vertragsverlängerung geht, ist er übermotiviert“, meinte Dardai.

In Bezug auf seine Spieler verfügt der Trainer ja über sensible Antennen. Der Ex-Profi ist ein aufmerksamer Beobachter mit feinem Gespür für das Seelenheil des Teams. Auch auf Mallorca achtete Dardai genau auf seinen emotionalen Seismographen, vielleicht sogar etwas genauer als sonst – besonders am Montagnachmittag. Da nämlich hatten sich die Berliner in der noblen Teamunterkunft verschanzt. Große Mannschaftssitzung mit Manager. Einschwören auf das neu definierte Ziel Platz sechs. „Ich hatte ein gutes Gefühl“, rekapitulierte der Trainer am Freitag. „Man hat den Zusammenhalt in der Luft gespürt. Das ist die Basis für den Erfolg.“

Letzter Test vor Leverkusen am Dienstag gegen die U23

Besorgt wirkte der Trainer nie auf Mallorca, einzig der Bänderriss von Sinan Kurt vermasselte ihm vorübergehend die Laune. Dabei fehlen ihm mit Kalou und Mitchell Weiser, der wegen muskulärer Probleme erst im Februar zurückkehren wird, zwei seiner torgefährlichsten Spieler. Mit der Rückkehr nach Berlin an diesem Sonnabend und dem nahenden Auftakt zur zweiten Saisonhälfte am Sonntag (22. Januar) in Leverkusen wird der Druck nun aber steigen. Für Dienstag ist ein letzter Härtetest gegen Herthas U23 geplant. Auch dann wird Dardai wieder ganz genau hinschauen und sicher vieles sehen. Nur keine wärmenden Sonnenstrahlen.