Bundesliga-Vorbereitung

Lustenberger über das Leben ohne Kapitänsbinde

Lustenberger über den Wechsel des Amtes zu Ibisevic, sein Verhältnis zu Trainer Dardai und die Perspektive von Hertha

Volle Konzentration: Fabian Lustenberger (vorn) bei Dehnungsübungen im Trainingslager von Hertha BSC auf Mallorca

Volle Konzentration: Fabian Lustenberger (vorn) bei Dehnungsübungen im Trainingslager von Hertha BSC auf Mallorca

Foto: dpa Picture-Alliance / City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Palma de Mallorca.  Es ist lange her, dass Fabian Lustenberger mit Journalisten gesprochen hat. Mitte August entzog Herthas Trainer Pal Dardai dem Schweizer die Kapitänsbinde, seither wurde jede Medien-Anfrage abgeblockt. Am Sonntag, fünf Monate nach seiner Degradierung, hat er sich erstmals den Fragen gestellt – auch der zu seinem Medien-Boykott. Also, Fabian Lustenberger, warum das Ganze? „Ich glaube, ich habe mir diese Auszeit rausnehmen dürfen“, sagt er am zweiten Tag des Trainingslagers auf Mallorca.

Lustenberger hat es sich auf der weitläufigen, mit Säulen gerahmten Terrasse von Herthas Teamunterkunft bequem gemacht, genießt die Sonne und das luxuriöse Quartier. Umringt von Palmen, Golfplätzen und Pinien thront das Landgut aus dem 13. Jahrhundert über den Dächern von Palma. Auch die deutsche Nationalelf war schon dort: Pools, Jacuzzi, Sauna, Dampfbad. Wer hier residiert, ist oben.

Team kassiert die wenigsten Kontertore der Bundesliga

Oben, das war auch der Platz von Lustenberger im Hertha-Team. Drei Jahre lang trug er die Kapitänsbinde, war als primus inter pares der verlängerte Arm des Trainers, wenngleich er sich nie als Alphatier geriert hat. Dann aber kam Herthas Aus in der Europa-League-Qualifikation gegen Bröndby IF und damit auch das persönlich Aus für Lustenberger. Binde weg, Strafversetzung ins zweite Glied – für Dardai war der blasse Kapitän einer der Verantwortlichen für die Misere, die in der enttäuschenden Rückrunde der Vorsaison ihren Anfang genommen hatte.

Lustenberger sieht es etwas anders. „Die zweite Saisonhälfte“, sagt er, „war von uns allen nicht optimal.“ Sicher, an einem einzelnen liegt es nie im Mannschaftssport. Aber an einigen nun mal mehr als an anderen. Dardai jedenfalls wünschte sich einen anderen Kapitän, einen Kämpfertypen alter Schule, der das Team anführt und mehr Präsenz ausstrahlt, einen aggressive Leader. Den fand er in Vedad Ibisevic. Für Lustenberger kam diese Maßnahme kurz vor dem Saisonstart genauso überraschend wie für alle anderen, schließlich war er erst wenige Wochen zuvor im Amt bestätigt worden. „Ich hatte ein paar Tage damit zu tun“, gibt der Defensiv-Allrounder zu, „aber ich habe die richtige Reaktion gezeigt.“ Kein Schmollen, keine Beschwerden, stattdessen kämpfte sich Lustenberger sofort zurück ins Team.

Dardai lobt Lustenberger

Wenn er fit war, spielte er in fast jedem Spiel. Nur ein einziges Mal verzichtete Dardai in der Liga auf Herthas dienstältesten Spieler, der seine zehnte Saison in Berlin absolviert. „Lusti ist ein Leistungsträger“, sagt der Coach, „auch wegen seiner Erfahrung.“ Dass er ihn nicht für den besten Führungsspieler hält, heißt nicht, dass er ihn nicht als Fußballer schätzt. Im Gegenteil: „Fabian kann ein Spiel lesen“, lobt Dardai: „Als Sechser brauchst du Handlungsschnelligkeit und musst sehr gut antizipieren. Da ist er ein Prototyp.“

Ob ihm die Binde fehlt? „Nein“, sagt Lustenberger – und man glaubt es ihm. Er braucht das Kapitänsamt nicht, genauso wenig wie er spektakuläre Szenen braucht. Seine Stärken sind andere: taktische Disziplin und Zuverlässigkeit, Stellungsspiel und Übersicht. Dass Hertha in dieser Saison die wenigsten Kontergegentore der Liga kassierte (eins), und die zweitwenigsten Gegentreffer durchs Zentrum zuließ (sechs), ist auch sein Verdienst. Und: Anders als noch in der vergangenen Saison, als er in der Schlussphase oft ausgewechselt werden musste, hält Lustenberger inzwischen 90 Minuten durch. Fortschritt statt Rückschritt.

Lustenberger hat drei Länderspiele absolviert

Dass er sich nicht unterkriegen lässt, hat Lustenberger oft genug bewiesen. Rückschläge gab’s in seiner Karriere viele. Doch immer wieder hat er sich aufgerappelt. So wie nach seiner Fußprellung 2012, die ihn fast 140 Tage außer Gefecht setzte. Oder nach zwei Muskelfaserrissen in Folge, die ihn zwei Jahre später ereilten. Lustenberger ist Herthas Stehaufmännchen.

Auch die Nichtberücksichtigung in der Schweizer Nationalmannschaft weckt in ihm keinen Groll mehr. Vor der Europameisterschaft 2016 hatte ihm Trainer Vladimir Petkovic per SMS mitgeteilt, dass er ohne ihn plane. Seitdem herrscht Funkstille. „Wenn es noch mal reichen sollte, ist’s gut“, sagt er, „und wenn nicht, habe ich einen schönen Urlaub mit meiner Familie.“ Der zweifache Vater und dreifach Nationalspieler sieht den Fußball inzwischen abgeklärt. Es gibt mehr in ­seinem Leben als Leistungssport.

Das Ziel heißt Europapokal

Wieder international spielen, möchte er trotzdem unbedingt. Vielleicht mit der Schweiz, auf jeden Fall aber mit Hertha – und mit Dardai. Nachhaltigen Schaden scheint die Beziehung der beiden nicht genommen zu haben, auch wenn sie nicht immer einer Meinung sind. Dass Dardai mutmaßt, ohne Binde spiele Lustenberger befreiter, lässt den Schweizer schmunzeln. „Ich habe auch in den drei Jahren als Kapitän nicht schlecht gespielt“, sagt er, räumt aber ein: „Es tut gut, dass ich mich ganz auf Fußball konzentrieren kann.“ Jenseits aller Last.