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Wenn Männer in Maskottchen beißen

Rituale und Marotten helfen uns nicht nur während der Feiertage. Auch im Fußball sind sie unverzichtbar, beobachtet Jörn Lange.

Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic betritt das Feld immer mit dem rechten Fuß

Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic betritt das Feld immer mit dem rechten Fuß

Foto: Jan Kuppert/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Erfolg beginnt einerseits im Kopf und zum anderen mit guter Vorbereitung – das gilt im Familienleben genauso wie im Fußball. Der Glaube an die Wirksamkeit von Ritualen spielt jedenfalls in beiden Fällen eine große Rolle. Um den Haus- beziehungsweise Stadionsegen aufrechtzuerhalten, behelfen wir uns gern mit kleinen Tricks.

Ich zum Beispiel bin fest davon überzeugt, dass die Weihnachtsfeierlichkeiten in meiner Verwandtschaft nur deshalb harmonisch ablaufen, weil alles strikt durchgetaktet ist. Wer kommt wann wo zu Besuch? Wann gibt es wo was zu essen? Wer ist fürs Kochen/Baumschmücken/Kinderbespaßen verantwortlich? Das alles ist seit Jahren geklärt und fest verankert. Keine Ungewissheit, kein kurzfristiger Entscheidungsdruck, kurz: Es läuft.

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Zugegeben: Vielleicht würde alles genauso reibungslos vonstattengehen, wenn wir von unseren Marotten abweichen würden. Vielleicht sogar besser. Aber die Neugier, das herauszufinden, hält sich ehrlich gesagt in Grenzen. Über die Feiertage bin ich Gewohnheitstier. Feste Abläufe geben mir Halt. Bilde ich mir zumindest ein. Ob es sich dabei um Glaube oder Aberglaube handelt, liegt im Auge des Betrachters.

Meine Freunde halten meinen Weihnachts-Spleen für übertrieben. Im Vergleich zu dem, was Fußballer und ihre Fans zelebrieren, erscheint mir mein Verhalten jedoch vergleichsweise normal. Von Nationalspieler Mario Gomez ist überliefert, dass er sich vor Anpfiff stets an jenem Urinal erleichtern muss, das in der Keramikabteilung ganz links montiert wurde. Weltmeister Per Mertesacker verzichtet an Spieltagen auf die Rasur („Wer rasiert, verliert“), Herthas Kapitän Vedad Ibisevic betritt das Spielfeld immer zuerst mit dem rechten Fuß.

Ein Glücksleibchen wird nicht gewechselt

So hat fast jeder Kicker seine Methode, dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen – Ausnahmen bestätigen die Regel. Um es mit den Worten von Deutschlands einstigem Vorzeigefußballer Michael Ballack zu sagen: „Ich habe keine Rituale. Bis auf die Sachen, die man immer wieder gleich macht.“

Die Neigung, aus einer Kette von Ereignissen fragwürdige Kausalitäten zu konstruieren, ist weit verbreitet – auch unter Fans. Ein Standardbeispiel für die gängige Logik: Weil der Herzensverein einen überraschenden Sieg eingefahren hat, als ein bestimmtes Kleidungsstück getragen wurde, wird besagter Talisman dem Team auch künftig zum Erfolg verhelfen. So zählt es fast zum guten Ton, dass ein Glücksleibchen nicht gewechselt wird, selbst dann nicht, wenn die Erfolgssträhne drei Monate dauert.

Wenn Männer in die Nase eines Maskottchens beißen

Glücksunterwäsche zählt ebenfalls zum Repertoire, genauso wie der Glaube an eine dringend erforderliche Sitzordnung im angestammten Fan-Block oder vor dem heimischen Fernseher (beziehungsweise das Ändern dieser Konstellation bei einem Rückstand!). Klingt verrückt? Glauben Sie mir: Ich habe schon gestandene Männer erlebt, die vor Fußballspielen aus Aberglauben regelmäßig in die Nase eines Stoff-Maskottchens gebissen haben. Hat geholfen. Zumindest manchmal.

So irrational die Marotten und Rituale auch sein mögen: Selbst Wissenschaftler billigen ihnen förderliche Effekte zu. Der jeweilige Tick sei mit einem positiven Erlebnis verknüpft und sorge so für erhöhte Zuversicht – der Weg zur selbsterfüllenden Prophezeiung sei dann nicht mehr weit. In der Praxis genügt die Gewissheit, wirklich alles für einen Erfolg getan zu haben. Wenn das erfordert, dass man grenzdebil anmutende Bommelmützen trägt oder mit Quietscheentchen in Vereinsoptik badet – bitte schön.

Übrigens: Dass selbst dann an Ritualen festgehalten wird, wenn sie nicht geholfen haben, ist ganz normal. Stattdessen neigen wir zu einer Bestätigungstendenz und bei Siegen zu einer Art Überinterpretation. Nur menschlich. Selbst Manuel Neuer tickt so ähnlich. Der Welttorhüter berührt vor jedem Spiel kurz die beiden Pfosten und die Querlatte. „Das tut mir einfach ein bisschen gut“, sagt er. Ich kann ihn gut verstehen.